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Der Event zum Ego

Ein Handy erregt nur noch so viel Aufmerksamkeit wie eine Digitaluhr. Der trendbewußte Cyberyuppie braucht neue Ereignisse zur Inszenierung seines Status. Das World Wide Web bietet sich an, und so schießen Internet-Cafés, Internet-Discos und Internet-Frühstücke aus dem Großstadtboden. Doch das ist längst nicht alles. Schon bald wird das Web unseren Alltag umspinnen ...

Internet-Open-Air: der Megarave zum trendigen Abhotten. An der Bar wird getippt, auf dem Dancefloor geflippt. Aber dabei bleibt es nicht: Echtzeit-Browser synchronisieren den Takt zwischen München, Mailand und Miami. Seismische Auswirkungen auf der nach oben offenen Marusha-Skala sind per Großbildleinwand zu verfolgen.

Internet-Café jetzt mit Blind Date: Ein Zufallsgenerator routet Anmachsprüche wie "Darf ich Dir meine URL-Sammlung zeigen?" an Single-Tische. Chattende Rosenverkäufer und Stehgeiger in 32 Bit bringen Wärme ins Netznestchen.

Internet-Gottesdienst: Surfend beten ist doppelter Genuß. Die Kirchen sind wieder voll, denn über das klerikale High-Speed-Backbone kann jeder kostenlos ins WWW. Leider erwägt die Ökumenische Kontrollkommission unter Leitung von Medienkardinal Joseph Ratzinger, Leo Kirchs "SoftInquisition"-Filter zu lizenzieren, um unzüchtige Seiten abzufangen.

Dynamische Internet-Meditation: Java-Applets liefern fraktale Mandalas auf die Schirme der Jünger. Weil die physische Existenz nur Blendwerk ist, setzt der Meister auf Internet-Videoconferencing. Als den Angebeteten die Erleuchtung trifft, wird der Rückkanal abgeschaltet.

Internet-Gameshow: Die Kandidaten kämpfen um den "busy beaver"-Pokal. Ziel ist, das Netz im Umkreis von 200 km in die Knie zu zwingen. Wenn es soweit ist, überbringt Maren Gilzer als Bildschirmschonerin die frohe Botschaft.

Kollektives Mondscheinsurfen: ein uneheliches Kind von Wolfgang Bötsch und Ron Sommer. Nachts um zwei wird das Surfen im Internet-Café erst so richtig günstig. In der Gruppe fällt es leichter, der Müdigkeit jenseits der Sperrstunde zu trotzen.

Internet-Therapie: Das Web hatte immer schon eine innere Verwandtschaft zur menschlichen Psyche: Viel Wichtiges ist drin, aber man kommt nicht ran. Man nimmt's leichter, wenn es anderen auch so geht. Das klassische Neurosenpublikum wird ebenfalls bedient: Videoconferencing boomt durch Selbsthilfegruppen. Die zum Persönlichkeitsschutz erforderlichen schwarzen Augenbalken sind leider nur in einer unbequemen Hardwareversion erhältlich.

Internet-Jahrmarkt: Gelangweilte Riesenradler traktieren die eingebauten Funkmodems, während virtuelle Achterbahnen realen Brechreiz nach sich ziehen. Großer Andrang an der Losbude - als Hauptpreis winkt die Homepage fürs Haustier.

Auf den Geschmack gekommen? Welchen drögen Pflichttermin möchten Sie zum Internet-Event machen? Den Geburtstag von Schwiegermutter oder Nymphensittich? Die karzinogene Grillorgie im Schrebergarten? Das bierselige Samstagsspiel Ihrer Tresenkicker? Das Handwerkszeug finden Sie in diesem Heft.

Thomas J. Schult


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