Mythos "Das Web"
Das letzte Seminar in diesem Jahrtausend bot einen guten Anlass, in einer freien Diskussion über das Alte Volk meinen Schülern nahe zu bringen, in welchem Widerspruch diese Kultur gelebt haben muss. Doch wieder stellte ich fest, wie unglaublich schwierig es ist, das System und die Lebensweise des Alten Volkes zu erklären. Ein Schüler protestierte gegen meine einleitenden Äußerungen zum damaligen Informationssystem: "Wenn alles vernetzt gewesen wäre und ein globaler Informationsaustausch stattgefunden hätte, dann wäre dieses Volk doch logistisch so weit gewesen, dass es seine Kultur und sein Wissen hätte bewahren können!"
"Es war aber eigentlich nur ein logistisches Chaos", entgegnete ich. "Im Grunde kann man sagen, das System ist an sich selbst erstickt. Die Vernetzung wurde missbraucht, um Infolation zu betreiben." Murmelnde Kommentare, die schließlich zu einer Frage wurden: "Infolation? Das sind wertlose Informationen, richtig?"
"Der Begriff bildet sich aus Inflation und Information. Die totale Überflutung aller Kommunikationskanäle mit einer unüberschaubaren Menge an Datenmüll: Pornografie, Falschinformationen und schlicht Unnützem. Aber Infolation war mehr als nur das; in dieser Zeit finanzierte sich das System ausschließlich durch exzessiven Konsum. Um diesen zu forcieren, wurden massenhaft manipulierende Botschaften verschickt, um den potenziellen Konsumenten zu drängen, Produkte zu erwerben."
"Aber das hat nicht funktioniert?", wollte ein Schüler wissen. "Doch", erwiderte ich, "bis zu einem gewissen Grad. Die Menschen wurden aber dermaßen mit Infolation überflutet, dass es immer schwieriger wurde, relevante Informationen herauszufiltern. So wurden immer raffiniertere Methoden der Manipulation ersonnen - psychologische Tricks, um die Aufmerksamkeit des Rezipienten zu gewinnen und ihn zu fesseln. Das führte aber zwangsläufig dazu, dass er immer mehr Zeit damit verbrachte, sich durch den Infolationsdschungel zu kämpfen, und ihm immer weniger Zeit verblieb, tatsächlich etwas konsumieren zu können. Das damalige kulturelle System kannte nur eine Antwort, um diesen Effekt zu kompensieren, nämlich die ständige weitere Steigerung der Infolation - bis zum vollständigen Zusammenbruch der Kommunikationsfähigkeit." Nach einer kleinen Pause fuhr ich fort: "Das ist die Tragik des Alten Volkes: Trotz seiner großartigen Informationstechnik war es offenbar nicht in der Lage, dieses Paradoxon aufzulösen."
"Herr Professor, was ich nicht begreife: Wieso wurde eine so unglaubliche Ressource wie Das Web für solch sinnlose Zwecke missbraucht?"
Genau das war die Frage, die ich mir selbst trotz jahrzehntelanger Forschung nicht beantworten konnte. Wieso wurde diese fantastische Struktur nicht dazu genutzt, Forschung und Politik zu betreiben oder gemeinsam die Probleme der damaligen Zeit zu lösen? Mein Gott - was hätte man für Möglichkeiten gehabt. Skeptisch blickte ich auf den Seminartitel an der Wand: "Das Web - Geschichte oder Mythos?" und war mir selbst nicht sicher. Mit meiner Messingglocke entließ ich meine Schüler in das vierte Jahrtausend.
Patrick Brauch
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