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Ohren zu und durch

Manchmal muss man sich halt entscheiden: Einerseits müssen die Spaghetti sofort aus dem Wasser, wenn sie noch al dente sein sollen. Andererseits spielt mein Radio gerade wieder diesen Madonna-Oldie. Wenn ich nicht sofort ausschalte, kostet mich der Song fünf Cent. Ich entscheide mich für die Spaghetti - kling - fünf Cent weniger auf dem Konto, was solls. Mein Chip für digitales Rechtemanagement ist manchmal schon etwas lästig, aber eigentlich ist alles viel einfacher geworden.

Seitdem uns allen dieses DRM-Teil implantiert wurde, gibts CDs, DVDs und alle anderen Medien nämlich kostenlos. Teuer wird halt nur das Anhören und Angucken - der DRM-Chip identifiziert urheberrechtlich geschütztes Material, sobald man es wahrnimmt. Die Abbuchung folgt auf dem Fuß. Seither sind auch Tauschbörsen wieder gesellschaftsfähig. Und kommt einmal schlechtere Qualität übers Netz, bekomme ich von der DRM-Gesellschaft sogar automatisch Rabatt. Aber das Ding kann noch mehr.

Der Macrovision-Schutz im Chip sorgt dafür, dass mir Inhalte, die nicht für mich bestimmt sind, erst gar nicht zu Augen und Ohren kommen. Das kann daran liegen, dass ich mein Konto mal wieder überzogen habe - dann sehe ich statt Content nur Geflimmer. Ärgerlich war der letzte Kurztrip nach Paris: Susanne hatte keine Probleme mit ihrem Chip, nur bei mir zickte das Teil rum, als wir im Louvre waren. Kann aber auch sein, dass ich kulturelle Inhalte aus Kostengründen selbst habe sperren lassen - bei moderner Kunst macht es ja eh keinen Unterschied. Ich hab im Museum einfach so getan, als ob ich alles sehen könnte.

Die über den DRM-Chip erhobenen Marktdaten haben übrigens dazu geführt, dass die kostenlosen Produktinformationen, die tagtäglich auf mich einströmen, nun punktgenau auf meinen Bedarf zugeschnitten sind. Trotzdem denke ich manchmal an die Anfangszeiten des DRM zurück - als es noch möglich war, eine CD dreimal abzuspielen, bevor der Player die Wiedergabe einstellte. Irgendwann hatten die Entwickler dann überlegt, den Urheberrechtsschutz noch weiter zu perfektionieren - portable Player ohne Kopfhörerausgang und so. Doch dann kam man endlich auf die Idee mit dem Chip im Neokortex.

Auch die Künstler haben den neuen Chip begrüßt: Bei Konzerten braucht man so keine Eintrittskarten mehr. Fünf Prozent der DRM-Erlöse wandern direkt in ihre Taschen. Da kommt schon was zusammen, wenn ein ganzes Stadion einem Liedchen lauscht - mitwippen kostet natürlich extra. Keine Ahnung, was mit den restlichen 95 Prozent passiert. Schwierig wird es manchmal, wenn ich keine Medienpause beantragt habe und unwillentlich einer Beschallung ausgesetzt bin: Die ersten 20 Sekunden gelten als kostenloses Sample, dann heißt es rennen oder zahlen.

Die Spaghetti sind gerettet, aber das Radio schalte ich jetzt trotzdem noch ab. Wird mir zu kostspielig. Ich habe ja noch das eine Lied, das ich früher so oft gehört habe, dass ich es mir mit geschlossenen Augen vorstellen kann - gratis, sozusagen. "Total Eclipse of the Heart" - ein Wahnsinn. Ich darf es bloß nicht wieder laut vor mich hin summen ...

Sven Hansen


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