Liebe E-Mail-Anwender,

ist Ihnen das auch schon einmal passiert? Neulich wollte mir ein Hersteller eine kleine Preisliste schicken. Beim Öffnen der entsprechenden E-Mail sah ich die Informationen in einer angehängten Powerpoint-Datei verborgen. Powerpoint, Microsofts Rundumglücklichpaket für grafische Publikumsanimation, lässt mein Linux-Mailprogramm kalt.

Muss ich nun wegen ein paar Preisen extra StarOffice starten, um am Ende festzustellen, dass sich gerade diese Präsentation auch damit nicht richtig anzeigen lässt? Lieber frage ich beim Absender nach, ob die Informationen in einem nicht proprietären Format verfügbar sind, das mein Mailer direkt anzeigen kann.

Die Beliebtheit der Multipurpose Internet Mail Extensions (MIME, RFC 2045 bis 2049) hat nicht nur lästige, sondern auch bisweilen gefährliche Ausmaße angenommen, das ist spätestens seit dem Wurm `ILOVEYOU' allgemein bekannt. Empfänger klicken nur noch mit Unbehagen auf das entsprechende Symbol innerhalb der Mail, weil sie damit Scripts oder Makros und damit womöglich Trojaner und Würmer aktivieren könnten.

Aber das ist nicht das einzige Problem, das man sich mit derart aufgeblähten E-Mails einhandeln kann. Nicht jeder ist mit einer 2-Mbps-Standleitung ans Internet angeschlossen. Und selbst damit dauert es schon ärgerlich lange, eine unverlangte 2-MByte-Bilddatei vom Mailhost herunterzuladen, die das Passbild eines neuen Vizepräsidenten zeigt. Auch wenn Speicherplatz und Anbindung ausreichend dimensioniert sind, auch wenn sich proprietäre Dateien mit den passenden Anwendungen und Betriebssystemen auf dem PC lesen lassen: Längst nicht jedes Gerät, mit dem man heutzutage Mails lesen kann, stellt solche Mittel zur Verfügung.

Gerade mit den beliebten Word-Dateien leisten sich deren Absender zudem gelegentlich peinliche Offenbarungen. In den Dateibereichen, die Word nicht anzeigt, aber speichert, finden sich scheinbar gelöschte Textfragmente wieder, Postadressen, Anwendernamen und ganze Unterverzeichnisstrukturen im Klartext.

Es ist also im Sinne des Absenders, wenn er reinen Text per E-Mail verschickt, zumal die meisten speziell formatierten Anhänge erfahrungsgemäß sowieso nur Textinformationen enthalten. Wo nötig, können Verweise ins Web die Empfänger immer noch zu Bild- oder anderen weiterführenden Informationen leiten. Zumindest wenn es sich um einen größeren Empfängerkreis handelt, lohnt sich der Aufwand der gleichzeitigen Web- und Mail-Präsenz, denn je schlanker die E-Mail, desto schwächer der Löschreflex.

BERT UNGERER

minpic01.jpg

PS: Gerade wollte ich Sie noch nach einem einfachen Powerpoint-Viewer für Linux fragen, da kommt die Preisliste noch einmal herein. Wieder als Anhang, doch tatsächlich nicht proprietär: im JPEG-Format, anscheinend vom Bildschirm abfotografiert.


Die Artikel sind nur für die persönliche Nutzung bestimmt. Eine Weiterverbreitung (insbesondere zu kommerziellen Zwecken und/oder in elektronischen Medien) ist nicht erlaubt. Sie haben keine Verwertungsrechte an dem Artikel erworben.
© Copyright Verlag Heinz Heise GmbH & Co KG