23.07.2012 Forscher fordern dezentrale Bioethanolproduktion und Einführung von E20
Ein höherer Anteil von Biokraftstoffen ließe sich aus heimischer Produktion decken – ohne Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Das ist das Ergebnis eines Strategiepapiers, das Forscher der Universität Hohenheim und der Fachhochschule Münster vorgestellt haben.
Schon heute produzieren mittelständische Destillerien in Deutschland Alkohol für Spirituosen, Essig sowie die Pharma- und Kosmetikindustrie. Nach Auffassung der Forscher könnten sie zukünftig noch weit mehr als bisher Getreide- und Kartoffelüberschüsse zu Biosprit vergären. Durch ihre dezentrale Produktion sei die deutsche Bioethanolproduktion besonders gut dafür geeignet. Derzeit gebe es rund 300 bis 400 meist mittelständische Brennereien in Deutschland, die pro Jahr jeweils 1000 bis 2000 Hektoliter Ethanol produzieren. Sie dürfen ihren Industriealkohol allerdings nur an staatliche Stellen verkaufen. Im Oktober 2013 jedoch soll das so genannte Branntwein-Monopol fallen. Sofern die Anlage modernisiert würden, könnte eine sehr effiziente Ethanol-Produktion aufgebaut werden. Dr. Thomas Senn von der Fachgruppe Gärungstechnologie der Uni Hohenheim schätzt, dass sich bei permanenter Auslastung die Produktion auf 20.000 bis 100.000 Hektoliter pro Anlage steigern ließe.
Um mit Großerzeugern konkurrieren zu können, sei dafür allerdings unbedingt eine Modernisierung erforderlich. Besonders günstig wäre eine kombinierte Biogas- / Bioethanol-Produktion – denn bei der Alkoholproduktion fielen Reststoffe an, die sich in Biogas umwandeln lassen. "Damit kann jede Anlage ihren Energiebedarf selbst decken", sagt Prof. Dr. Christof Wetter von der FH Münster. Die Fachleute haben die Energieausbeute und die entstehende Menge an Treibhausgasen mit anderen Formen von Bioenergie verglichen. Dabei schneide die dezentrale Kombination Biosprit/Biogas mit am besten ab. Im Strategiepapier heißt es: "Durch die kleinräumige Schließung von Stoff- und Energieströmen kann insbesondere hier nachhaltig produziert werden. Kurze Wege vom Anbau über die Produktion bis hin zum Absatz sind hier die strategischen Vorteile." Verglichen mit Superbenzin spare Bioethanol 40 bis 90 Prozent CO2 ein. Dabei müssten noch nicht einmal eigene Anbauflächen geschaffen werden, die dann nicht mehr für die Nahrungsmittelproduktion genutzt werden können. Diesem limitierenden Faktor sei allerdings auch geschuldet, dass sich nur 10 bis 20 Prozent des Kraftstoffbedarfs abdecken lassen.
In Deutschland gibt es längst Fahrzeuge, die E85 vertragen – zum Beispiel den Ford Focus mit "Flexifuel-Motor"
Den Forschern geht es nicht darum, mit Bioethanol die derzeitigen Kraftstoffe vollständig zu ersetzen. Vielmehr soll ein höherer Anteil innerhalb des Energiemixes die Abhängigkeit von Erdöl verringern. In Deutschland betrage der Anteil importierter Kraftstoffe derzeit 85 Prozent. Deswegen fordern die Forscher die Einführung von E20- statt E10-Benzin sowie die Einführung von E85. Ersteres würde nicht einmal eine Umrüstung der Fahrzeuge erfordern – in Brasilien seien höhere Ethanol-Anteile bereits Praxis, in den USA werde seit letztem Winter E15 angeboten. E85-Fahrzeuge gibt es ebenfalls bereits (auch in Deutschland), die Mehrkosten für ein Fahrzeug würden 30 bis 300 Euro betragen.
Um die Umstellung auf die höheren Ethanol-Anteile zu schaffen, fordern die Forscher mehrere Anreize: Bioethanol soll bis 2023 als Beimischung von Superbenzin von der Steuer befreit werden. Zudem soll es ein Anreizsystem und eine einheitliche Regelung für die Umrüstung von Tankstellen geben. Investitionsanreize sollen es den landwirtschaftlichen Brennereien ermöglichen, ihre Anlagen zu modernisieren und mit Biogastechnologie zu kombinieren. Und schließlich sei eine Aufklärungskampagne erforderlich, um die Vorteile dezentraler Ethanolproduktion aufzuzeigen und das Image des Kraftstoffes zu verbessern.
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