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heise Autos > Kommentar

24.01.2012 Klartext: der Crap Store

Der Kollege Markus Stöbe hat es im Mac-Magazin ausprobiert: Apps im Auto sind sehr stuhl, um es höflich hochdeutsch zu formulieren. Der Kollege Axel Kossel von der c't hat es ebenfalls probiert und findet Worte für Apps im Auto, für die es keine hochdeutsch höflichen Entsprechungen mehr gibt (eine spezielle Kossel-Superkraft). Es wurde also Zeit für einen hoffnungsloseren Optimisten als diese beiden, sich die Sache nochmal anzuschauen, konkret: für mich. Ich fand Auto-Apps höchst interessant! Und sehr stuhl, zugegeben.

Zum Beispiel Apps in BMWs ConnectedDrive: Der Fahrer darf per Drehrädchen auswählen, welche vordefinierten Textbausteine er mit vollkommen uninteressanten Variablen aus dem Bordnetz in die Facebook- oder Twitter-Netzwelt stuhlt: "Ich bin online in meinem BMW und es hat 19° C am Ansauglufttemperatursensor." Wow. Dafür haben wir das Internet gebaut. Die Timeline präsentiert die ersten Buchstaben der Status-Updates groß genug, um sie vom Steuer aus zu erkennen, so groß, dass nichtmal "Ich bin auf'm Klo, hihi" komplett draufpasst. Immerhin kann man sich die Stuhlgang-News nach einem Software-Update per Text-to-Speech vorlesen lassen.


Die Augmented-Reality-Schnurrbart-im-Rückspiegel-App war der Renner, bis sie nach den ersten 10.000 Unfalltoten verboten wurde. Vergrößern
Bild: Heise
Wie beim E-Mail-Modul fehlt genau der Kniff, der solche Nachrichten im Auto sinnvoll machen würde: eine Filterfunktion. Wenn ich die Kampfzone A3 zum Termin durchquere, möchte ich vielleicht Status-Updates eben dieses Termins haben, aber alles mit "hihi" kann ich doch am Sanktnimmerleinstag noch lesen. Genauso bringen mir meine ganzen vorbereiteten Textbausteine nichts, wenn der Stuhl in den Ventilator fällt. Ich will dann per Spracherkennung texten: "Meier, Sie grauenvoller Idiot! Sie sind gefeuert. Nein, es ist mir egal, dass ich nicht der Chef bin, gehen Sie einfach. Gehen Sie, bevor ich komme, denn sonst gnade Ihnen Gott, weil ich das nämlich nicht tun werde." Kunden tun sich schwer damit, derart spezifische Textbausteine rechtzeitig anzulegen, weil sie einfach nicht hellsichtig genug sind.

Sie könnten anrufen. Und das ist genau mein Punkt: Die modernen Komm-Geräte kann und sollte man gut vom Fahrzeug selbst trennen. Diese Methode hat sich seit den Standardschächten für Autoradios bewährt. Die ganzen Versuche, zeitgeistig modische Kommunikation tief ins Auto zu integrieren, sind teure Holzwege. Sie führen nur dazu, dass der Wagen schon nach seiner Einlaufzeit als Firmenjahreswagen alt aussieht. Voll integrierte Autotelefone sind heute Stoff für Comedy, und dasselbe gilt für Apps morgen. Wie sieht eine heute schon peinliche Twitter-App in zehn Jahren aus? Genau: ziemlich stuhl. So ein Quatsch kann ganze Modellreihen am Gebrauchtmarkt in schwarze Löcher der Lächerlichkeit reißen.

Die Hersteller sind in ihrer wachsenden Unsicherheit der wechselnden Welt gegenüber diesen "Ich-mach-was-mit-Sozialmedien"-Stuhlhausparolen aufgesessen und glauben seitdem deren gefährliche Häresie, dass irgendein bestimmtes Kommunikationssystem ein kategorisch imperatives "Muss" sei. Sie haben sich damit das Problem der uneinholbaren Mode eingehandelt: Ein Smartphone, eine Komm-Plattform, bestimmte Apps, das alles unterliegt Modeströmungen, die so viel schneller fließen als alles, was im trägeren, weil kapitalintensiveren Automarkt passiert, dass man sie ignorieren muss, will man bei Verstand bleiben. Als Arschgeweihe unter der Twingo-Kundschaft modern waren, hatte Renault solche Verirrungen doch auch nicht in der Aufpreisliste für ihre Kleinwarzen. Autohersteller können elektronischer Mode nur hinterherrennen, und wenn man etwas hinterherrennend entwickelt, wird daraus immer ein Produkt, das wie der Hintern des Vorauslaufenden aussieht – QED.

(cgl)

Permalink: http://heise.de/-1420613

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