13.07.2012 Opel: Nach Stracke-Rückzug wächst Angst vor Kahlschlag
Der unerwartete Abgang von Vorstandschef Karl-Friedrich Stracke schürt beim angeschlagenen Autobauer Opel wieder Ängste vor einem Kahlschlag. Besonders das Werk Bochum sehen einige Experten in Gefahr. Die Bochumer IG Metall hegt jedoch die Hoffnung auf einen unbefristeten Erhalt des Werkes. Die Vorsitzende Ulrike Kleinebrahm fordert vom kommissarischen Opel-Chef Stephen Girsky nicht nur den Erhalt der laufenden Verträge. Sie verlangt eine Perspektive für alle Werke von Opel, auch für Bochum.
Die laufenden Verhandlungen für die Werke müssten im Oktober wie geplant in einen Vertrag münden. Bochum sei bisher der Erhalt bis 2016 versprochen worden. Das sei aber nicht das Ende. „Ich bin überzeugt, dass es weitere Arbeit in Bochum geben wird“, sagte Kleinebrahm. Wie NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) sieht auch die IG Metall die Möglichkeit, in Bochum Chevrolet-Modelle zu bauen. Stracke hatte noch diese Woche eine Modelloffensive mit 23 neuen Fahrzeugen innerhalb von vier Jahren angekündigt. Duin erwartet eine Einhaltung der Verträge über die Zukunft des Werks: „Bisher gibt es keine Anzeichen dafür, dass die bisherigen Zusagen für das Opel-Werk in Bochum aufgekündigt werden“, erklärte er. Er gehe davon aus, dass der neue Chef ein verlässlicher Gesprächspartner ist. „Ich habe Verständnis für die Sorgen der Beschäftigten, der persönliche Wechsel an der Spitze von Opel kann aber auch eine Chance sein“, betonte Duin.
Der neue Opel Adam gilt als Hoffnungsträger für die angeschlagene Marke.
Bild: Opel
Der Bochumer Betriebsrat warnte vor einer neuen Debatte über Werksschließungen. „Eine erneute Diskussion über Werksschließungen würde Belegschaften und Autokunden weiter verunsichern und hätte nachweisbar einen nicht reparablen Imageschaden und weitere Marktverluste für die Marke Opel zur Folge", sagte Betriebsratschef Rainer Einenkel.
Bochum galt schon vor dem Rückzug Strackes als einer der ersten Streichkandidaten bei dem defizitären Autobauer, der an teuren Überkapazitäten leidet. Stracke war zuletzt von seinen Plänen abgewichen, den Standort Bochum 2015 dichtzumachen. Im Gegenzug für einen Lohnverzicht der Arbeitnehmer wollte er dem Werk zwei Jahre Gnadenfrist einräumen.
Autoexperte Stefan Bratzel meint, Opel müsse das Image hochhalten, wenn der Konzern hohe Stückzahlen verkaufen wolle. Er hält die geplante Modelloffensive für richtig. Vor diesem Hintergrund müssten GM und Opel auch die Kapazitäten planen. Ein zu großer Abbau von Überkapazitäten sei nicht ratsam. „Mit 10 bis 15 Prozent Überkapazitäten kann man leben“, sagte Bratzel dpa. „Bei 20 bis 30 Prozent schafft es aber keiner mehr, profitabel zu arbeiten.“ Bei Opel schätzt der Professor vom Center of Automotive Management die Überkapazitäten auf mindestens 30 Prozent.
Wolfgang Meinig von der Bamberger Forschungsstelle Automobilwirtschaft sieht zu viele Beschäftigte bei Opel. Mangelnde Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit seien die Hauptursachen für die anhaltende Erfolglosigkeit des Herstellers: „Es kann nicht sein, das man Leute durchschleppt, die man nicht braucht“, sagte er. Insider sind überzeugt, dass die US-Mutter General Motors einen Nachfolger inthronisieren wird, der härter durchgreift. Quer durch die Parteien und Bundesländer werden Zweifel laut, ob Strackes Kompromissplan – der Investitionen statt Kündigungen vorsah – nun noch Gültigkeit besitzt. Die IG Metall-Spitze stellt sich auf eine 180-Grad-Wende in der Unternehmensstrategie ein. Gewerkschaftschef Berthold Huber sagte: „Für die IG Metall, Betriebsräte und Opel-Beschäftigten ist nur ein Zukunftskonzept tragfähig, dass keine Schließung von Standorten vorsieht und die Belegschaften mit ihrer Kompetenz beteiligt.“ Es gehe um nicht weniger als die Zukunft von Opel insgesamt.
Opel fährt seit Jahren Verluste ein, eine Wende ist nicht in Sicht. Seit 1999 ist es der Traditionsmarke nur 2006 gelungen, auf Jahressicht Gewinn zu schreiben. Wegen der Absatzkrise in Europa leidet der Hersteller zudem unter enormen Überkapazitäten. Im Juni sanken die Neuzulassungen in Deutschland im Vergleich zum Vorjahresmonat um 8 Prozent, im gesamten ersten Halbjahr lag das Minus bei 9,3 Prozent – der Gesamtmarkt wuchs um knapp 1 Prozent. In Europa sieht es noch dramatischer aus: In den ersten fünf Monaten 2012 brachen die Opel-Neuzulassungen um 16 Prozent ein – doppelt so stark wie der Gesamtmarkt. (dpa)
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