Aberglauben bei PR-Leuten
Dinge, die PR-Leute scheinbar glauben:
Allgemeines
- Ohne PR-Leute hätten c't-Redakteure nichts zu tun.
- Redakteure kennen alle Produkte des Herstellers im Detail, unabhängig vom Bekanntheitsgrad und der Produktbandbreite des Herstellers. So muss ich nicht erklären, ob es sich beim XRM-D2 um einen Grafik-Chip, eine Tasche oder einen Fusionsreaktor handelt. Wichtig ist nur, dass die Handhabung verbessert wurde.
- Redakteure finden sich sofort in den obskursten Themen zurecht und verstehen jedes Akronym auf Anhieb.
- Da jeder Redakteur tiefgreifendes Vorwissen in allen Themen besitzt, muss ich nichts erklären. Wenn ein Redakteur um Erklärungen bittet, werden diese zwingend mit Worthülsen und neuen Akronymlawinen beantwortet.
- c't druckt Pressemitteilungen im Wortlaut ab.
- Redakteure interessieren sich für Personalentwicklungen, die keinerlei Einfluss auf die Produkte der Firma haben.
- Dagegen interessieren sich Redakteure grundsätzlich nicht für Personalentwicklungen, die tiefgreifenden Einfluss auf die Produkte der Firma haben.
- c't-Redakteure unterschreiben bereitwillig jede Vertraulichkeitsvereinbarung (Non Disclosure Agreement, NDA), die ich ihnen vorsetze. Es hilft, es immer wieder zu versuchen.
- Wenn ein Redakteur nicht kooperationswillig ist, hilft eine Beschwerde bei der Chefredaktion.
Besuche vor Ort
- Das persönliche Gespräch ist die beste Form, komplexe Informationen zu übermitteln.
- Ich muss nie vorher erklären, weshalb ich konkret vorbei komme, das erhöht die Spannung beim Redakteur. Allein schon mein Besuch ist Anlass zur Freude.
- Bin ich erstmal im Verlagsgebäude, ist mir ein ausführlicher und positiver Artikel in c't so gut wie sicher.
- Redakteure interessieren sich für die letzten achtzehn Quartalszahlen des Herstellers und bewundern meine Fieberkurven zum Firmenwachstum.
- Ich kann Redakteure mit langen Listen mit "wichtigen Partnern" beeindrucken.
- Redakteure lieben halbstündige PowerPoint-Präsentationen zum Firmenprofil.
- Ich kann Redakteuren glaubhaft vorspiegeln, es gebe keine mit dem vorgestellten Produkt vergleichbare Konkurrenz.
- Redakteure finden es prima, wenn ich ihnen das vorgestellte Produkt nur zeige, es ihnen aber nicht in die Hand gebe.
Rezensionsexemplare
- Ich schicke Rezensionsexemplare grundsätzlich nie umgehend. Nur so bleibt dem Redakteur ausreichend Zeit, sich auf das Produkt zu freuen.
- Redakteure haben auch einen Monat nach der Produktanforderung ungemindertes Interesse daran, es zu rezensieren. (Bonus: zwei Monate)
- Wenn ich ein Produkt sechs bis acht Wochen nach der Bitte um das Rezensionsexemplar abschicke, kann ich einen umgehenden Test erwarten.
Die Schriftform (allgemein)
- Public Relations haben nichts mit der Vermittlung von Informationen zu tun, sondern mit deren Chiffrierung. Die Aufgabe des Redakteurs ist es, aus meinen Formulierungen den intendierten Inhalt zu entschlüsseln.
- Redakteure lesen gern langatmige "Zitate" des Firmengründers, in denen dieser sich allgemein gehalten darüber freut, wie gut das vorgestellte Produkt ist.
- Ich muss aus dem Englischen übertragene Pressemitteilungen nicht an lokale Begebenheiten anpassen. Direkte Übersetzungen sind willkommen.
- Je weniger Inhalt eine Pressemitteilung enthält, desto weiter muss ich ausholen.
- Je trivialer der Inhalt einer Pressemitteilung, desto verschwurbelter muss ich sie formulieren.
- Je komplexer der Sachverhalt ist, desto komplizierter muss ich ihn formulieren.
- Kurze, klare Sätze haben in einer Pressemitteilung nichts verloren.
- Preise sollten grundsätzlich keine Mehrwertsteuer enthalten. Darauf sollte ich aber nie hinweisen.
Die Schriftform (E-Mail)
- Ich muss Adressaten in die CC-Zeile packen, damit jeder der 276 Empfänger weiß, welchem illustren Kreis er angehört.
- Jede Pressemitteilung ist wichtig genug, um sie mit hoher Priorität zu versehen.
- Ich muss jede Pressemitteilung an alle c't-Redakteure parallel versenden, sonst kommt sie möglicherweise nicht an.
- Der Betreff muss alle wesentlichen Punkte der Pressemitteilung abdecken, auch wenn damit das 255-Zeichen-Limit erreicht wird.
- WICHTIG: DAS BETREFF DURCHGEHEND IN GROSSBUCHSTABEN VERFASSEN!
- Das erste Wort des Betreffs muss "WICHTIG" lauten.
- Die Formulierung "zur sofortigen Veröffentlichung" sollte in jeder Pressemitteilung mindestens einmal vorkommen.
- Der Aufbau meiner Pressemitteilungen ähnelt gezielt der Struktur von Spam-Mails, damit der bayes'sche Spam-Filter des Redakteurs sie treffsicher als Müll klassifiziert.
- Ich darf keine funktionierende Methode anbieten, sich aus dem Verteiler auszutragen. In Wirklichkeit will sich der Redakteur doch eh nicht austragen.
- Meine E-Mail-Pressemitteilungen müssen mit einem Standard-Disclaimer enden, der die Veröffentlichung und Weitergabe in jeglicher Form verbietet.
Verhalten am Telefon
- Es hilft, wenn ich nach der Aussendung einer Pressemitteilung telefonisch "nachfasse".
- "Nachfassen" unterstreicht die Wichtigkeit des Kunden und der Botschaft.
- Am besten fasse ich gleich am Tag des Versands nach.
- Es hilft, bei mehreren Redakteuren parallel nachzufassen.
- Es hilft, wenn ich nach dem ersten "Nachfassen" wiederholt weiter anrufe.
- Es ist unwichtig, sich den Namen des Redakteur zu merken. Himmelreich, Himmler, Himmelmann... er wird schon merken, dass er gemeint ist.
Alles schon vorgekommen. Mehrfach.
(siehe auch: Aberglauben bei c't-Lesern)
Zuletzt geändert am 06.01.2006 um 18:10
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