Kontrovers ist immer gut
Aus der Sicht eines Editorial-Schreibers besteht der größte anzunehmende Unfall darin, dass kein einziger Leserbrief kommt. Da hat man, meist am Wochenende oder sonstwie in der "Freizeit", mühevoll 2500 bis 3000 Zeichen vor sich hin gedichtet, möglichst themenbezogen, hoffentlich mit Pointe, und dann... dann interessiert es kein Schwein. (Vorsicht, dieser Link führt zu einem Tiefpunkt.)
Ha! Diesmal nicht. Das Editorial in c't 9/07 war ein echter Volltreffer. Der erste gepeinigte Aufschrei kam schon vor dem Erstverkaufstag des Hefts, zu meiner Überraschung aus einer rauhen, gestandenen Manneskehle:
"ich finde das Editorial von G. Himmelein einfach niveaulos.
Wenn er ein Problem mit Frauen hat, dann kann er das in "Praline" oder "Playboy" austoben, aber das gehört jedenfalls nicht in eine c't."
http://www.heise.de/ct/foren/go.shtml?read=1&msg_id=12575433&forum_id=115449
Hatte ich eigentlich schon erklärt, dass ich generell kein Problem mit Frauen habe? Nur mit Frauen, auf denen Windows läuft.
Nachdem der oben zitierte gute Mann erst geurteilt hat, die c't sei von derartigem Schweinkram sauberzuhalten, forderte er übrigens vier Tage später das Recht auf freie Meinungsäußerung ein, das er mir versagt: "Ich bin der Ansicht, dass man auch seine Meinung äußern darf, wenn man nicht selbst betroffen ist. [...] Und manchmal sollte man das unbedingt, um nicht zum stillschweigenden Mitläufer zu werden."
Auch sonst meinen sich zutiefst betroffene Männer ganz altmodisch schützend vor Das Schwache Geschlecht zu stellen zu müssen (Sie lasen soeben: "Indianer Jonas und der Satzbau des Todes"):
"Wurde versehentlich ein Editorial von 1875 verwendet? In 2007 kann ein Editorial, in dem ein Redakteur seine Ehefrau derartig und ohne jedes Augenzwinkern objektifiziert [...] - doch kaum geschrieben sein?"
http://www.heise.de/ct/foren/go.shtml?read=1&msg_id=12580197&forum_id=115449
Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: "ohne jedes Augenzwinkern objektifiziert".
Auch per E-Mail echauffieren sich erlesene Herren über den frauenfeindlichen Redakteur, vorzugsweise direkt an die Chefredaktion gerichtet:
"Wir schreiben das Jahr 2007. Immer größere Teile der Welt haben endlich begriffen das Frauen und Männer gleichberechtigte Partner sind. [...] Für die Desaster die einem bei der Umstellung von XP aus Vista passieren können hätten sich viele lustige Vergleiche angeboten. Warum musste es ausgerechnet dieser Altherren-Humor im Stil der 50er Jahre sein?"
Selbst diverse Kollegen haben mich vorsichtig gefragt, was denn meine real existierende Frau von diesem Text gehalten habe. Sie hat dasselbe getan wie alle anderen Frauen, von denen ich weiß, dass sie den Text gelesen haben: Sie hat herzhaft gelacht. Eine eine Etage höher angesiedelte Dame hat sogar extra telefonisch zu ebendiesem Editorial gratuliert. Ein weiblicher PR-Kontakt, der (eigentlich: die) seit Monaten keinen Pieps mehr von sich gegeben hatte, meldete sich spontan, nur um sich über das Editorial zu freuen.
Da stehen also die galanten Herren der Schöpfung mit vor Empörung geschwellter Brust vor der Frauenwelt und haben gar nicht gemerkt, dass die mittlerweile zu anderen, wichtigeren Schlachtfeldern weitergezogen ist. Womit wir wieder bei den Kinderkrippen wären...
Weiterführende Links
- Upgrade Fatale, Editorial aus c't 9/2007
- Pro Censura, Editorial aus c't 20/2006 (kein einziger Leserbrief)
- heise-online-Leserforum zum Editorial von c't 9/2007 (bitte Trolle nicht füttern)
Zuletzt geändert am 19.04.2007 um 16:16
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