Entstehungsgeschichte eines Editorials

Aufgrund widriger Umstände sah ich mich in der seltsamen Position, in zwei aufeinanderfolgenden Heften das Editorial zu bestreiten. "Ach, Microsoft" war mal wieder ein DRM-Lamento. Gern würde ich zu diesem Thema nie wieder ein Editorial schreiben, aber damit müsste sich erstmal das Thema verflüchtigen.

Am selben Tag, an dem "Ach, Microsoft" im Satz war, schrieb ich ein weiteres Editorial für die Schublade, ohne aktuellen Bezug -- nur um mir selbst zu beweisen, dass ich auch was anderes kann als den Stand der Dinge zu beklagen. Die Zielscheibe war verdammt groß: überflüssige, schlecht übersetzte Handbücher, wie sie Unterhaltungselektronik und PC-Zubehör oft beiliegen.

Nun gab es dazu zwar schon mal was in c't, das ist aber mittlerweile acht Jahre her und war keine Fiktion (Clip und klar, c't 8/1997, S. 308). Die Idee, da noch einen drauf zu setzen, keimte schon seit einem halben Jahr in meinem kleinen kranken Hirn.

Im Taumel des letzten Editorials verfasste meiner einer also auf die Schnelle ein englischsprachiges Handbuch für den Gebrauch von c't. Der arrogante Ton orientierte sich an den meisten Texten dieser Art, garniert mit erlesenen Gemeinheiten. Dieser Input wurde einem Übersetzungsprogramm zum Fraße vorgesetzt, erlesene sprachliche Stolperfallen inklusive. Der Output überstieg meine kühnsten Erwartungen. "Tables" wurden zu Tischen statt zu Tabellen... "character" entschlüsselte sich zu Buchstaben statt Charakter. Katastrophal. Herrlich.

Auf das Editorial in Heft 11/2005 hin habe ich nur zwei Leserbriefe bekommen, Tenor: "Mit Linux wär das nicht passiert." Das Editorial in Heft 12/2005 löste eine Sturmflut an Zuschriften aus. Ein Leser beklagte, dass nach Befolgung der ersten Schritte alle Buchstaben in seinem Heft kopfstanden... und wollte Minderung geltend machen. Ein anderer beschrieb die Formulierungen als Yoda-Deutsch. Etliche Leser (und ein paar Kollegen) hielten das Editorial zunächst für Werbung und überblätterten es.

Fünf Tage nach dem Erscheinungstermin erhielt ich den ernüchternen Anruf eines Lesers, der den Gag nicht verstanden hat. Ich habe ihm dazu gratuliert, dass ihm offensichtlich noch nie ein derart verschrobenes Handbuch begegnet ist, als dass er die Grundlage für die Satire nachvollziehen hätte können. Ach, wie ich diesen Leser beneide.

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Verfasst am 06.06.2005 um 16:17
Zuletzt geändert am 08.06.2005 um 14:16

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