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LinuxTag 2005, Trusted Computing 2005

Der folgende Text beschreibt meine persönliche Erfahrung bei einer Veranstaltung beim LinuxTag 2005 am 23. Juni 2005. Wer sich dafür interessiert, was ich mir bei meinem zweiten Vortrag so gedacht habe, darf gern weiterlesen. Wer das für einen nutzlosen Ego-Trip hält, sollte vielleicht woanders hinsurfen.

Mein vierter Vortrag

Diese Zeilen entstehen unmittelbar nach meinem dritten LinuxTag-Vortrag zum Thema Trusted Computing. Im Juni 2003 war das Thema brandheiß, da war der 700 Leute fassende Saal fast voll. Im Juni 2004 war mein Vortrag aufgrund eines administrativen Versehens als Pause angekündigt worden und fand in einer ausgebauten Sitzecke statt, da waren es bedeutend weniger. In diesem Jahr stehe ich wieder im großen Weinbrenner-Saal, der immerhin zu einem Viertel gefüllt ist und sehe frustriert meinem Notebook dabei zu, wie es spontan neu startet.

Zeit vergeht. Der Rechner lässt sich Zeit mit dem Booten. Der vom LinuxTag abbestellte Master of Ceremonies Florian von Samson beschließt, den externen Monitoranschluss anzustecken, noch bevor die Präsentation geladen ist. Als im Weinbrenner-Saal ein zwei Meter hoher Windows-Desktop auf der Leinwand erscheint, pfeifen und buhen die Zuschauer. Auch der Umstand, dass die Präsentation mit Open Office gestaltet wurde, kann diese Blamage nicht mehr ausbügeln. In den zwei vorangegangenen Jahren liefen die Präsentationen auch unter Windows und waren sogar komplett mit Closed Source Software erzeugt worden, aber damals bekam das Publikum davon nichts direkt zu sehen. Zu allem Überfluss präsentierte Windows dem feixenden Publikum auch gleich noch eine allgemeine Schutzverletzung: "Fehlerbericht an Microsoft senden?" Nein, verdammt.

Dann konnte es aber endlich losgehen, mit fünf Minuten Verspätung und zum Zerreißen gespannten Nerven. Es ist jedesmal dasselbe: Etwa eine halbe Stunde vor Vortragsbeginn werde ich nervös, eine Viertelstunde später sehe ich vor meinem geistigen Auge das Publikum, wie es Tomaten und Eier in der Hand abwiegt, um zu entscheiden, mit welcher Kraft man die verfaulten Lebensmittel werfen muss, um mich sicher zu treffen. Das ist die Phase, in der ich am ganzen Körper leicht zu zittern beginne. Auf der Bühne zittert die Stimme noch eine Viertelstunde, bis die Adrenalinausschüttung etwas zurückgeht und ich mich wieder fange.

40 Folien in 45 Minuten

Mein Vortrag besteht aus vierzig Folien. Das sind zwanzig mehr als allgemein empfohlen und einundzwanzig weniger als bei meinem ersten Vortrag vor zwei Jahren. Vor drei Monaten saß ich in Seattle auf der WinHEC 2005 in einem Vortrag mit 44 dicht beschriebenen Folien. Es mag auch ein wenig am Thema gelegen haben (DRM-Maßnahmen in der nächsten Windows-Version), aber das halsbrechende Tempo des Vortrags zwang zu einer derartigen Konzentration, dass das Publikum immer aggressiver wurde. Seit dieser schicksalhaften Stunde weiß ich wie es ist, in einem Vortrag wie den meinigen zu sitzen und zügele mich in diesem Jahr daher etwas.

Für die drei Leute, die's interessiert: Um trotz des neuen Themenkomplexes "OSS-Projekte mit TPM-Anbindung" von 61 Folien auf 40 zu kommen, habe ich zahlreiche Details zur Funktionsweise des Trusted Platform Module weggekürzt, die Stimmen der Kritiker zum Schweigen gebracht und das Thema Digital Restrictions Management (DRM) weitgehend ausgeklammert.

Damit fielen aber auch zwei der "beliebtesten" Themen der Schere zum Opfer -- die Themen jedenfalls, die im Publikum die meisten Gefühle freisetzten. Vielleicht war mein Vortrag daher etwas langweiliger als in den Vorjahren. Während der Veranstaltung fiel mir jedenfalls auf, dass mindestens zwei Zuschauer immer wieder einnickten. Man könnte das natürlich den mörderischen Außentemperaturen zuschreiben, aber wenn ich das nächste Jahr nochmal auf derselben Bühne stehen sollte, werde ich wohl etwas mehr Show abziehen.

Insgesamt lief der Vortrag gut. Nach der Zitterphase am Anfang stabilisierte sich meine Stimme nach einer Weile wieder, die öhs und ähs fielen nach und nach aus dem Satzbau und meine Stimmhöhe sank in Lagen, die nicht mehr nur von Fledermäusen ortbar waren. Einmal fiel mir der sehr geschätzte Andreas Bogk ins Wort, um das DRM-Potenzial von TC zu betonen. Später meldete sich ein Anwesender aus der ersten Reihe mit einer Frage. Ich lag verhältnismäßig gut in der Zeit, so dass ich sogar nach der letzten Folie noch zwei Fragen aus dem Publikum beantworten durfte. Ich kletterte vom Podium herunter, um meinem Nachredner Platz zu machen, Herr Christian Stüble von der Uni Bochum, dessen Vortrag zu einem OSS-Projekt mit TPM-Anbindung der Veranstaltungskalender am Vorabend noch als zweistündiges Symposium angekündigt hatte.

Wardrobe Malfunction

Eine halbe Stunde lang stand ich noch mit engagierten Zuhörern vor der Halle und versuchte, Fragen zu beantworten, in denen es primär um DRM ging. Dann musste ich mich auf den Weg zum Zug machen, der mich wieder zu meinem Wohnort zurückbringen sollte.

Im ersten Abschnitt der Rückfahrt nach Hannover saß mir ein sehr netter, stark schwitzender Herr gegenüber, der den Vortrag gehört hatte. Er wies mich auf meine ähs und öhs hin ("Ihre Rhetorik ist verbesserungswürdig") und merkte an, dass mein Hosenladen offen klaffe. Es ist nicht auszuschließen, dass ich auf dem LinuxTag 2005 eine Stunde lang mit offener Hose vor 150 Leuten auf der Bühne gestanden hatte. Wenn Sie es bemerkt haben sollten: Erzählen Sie es bitte nicht weiter und vergessen Sie es am Besten ganz schnell.

Mein Fazit zum LinuxTag 2005: Wenn die mich im kommenden Jahr nochmal einladen, bin ich wieder dabei. Es gibt zwar kein Geld und keinen Ruhm, aber immerhin hat mich niemand mit Tomaten und Eiern beworfen.

Gerald Himmelein
23. Juni 2005,
im Zug zwischen Karlsruhe und Hannover

P.S.: Eine möglichkeit unbemerkte Veränderung gegenüber den Vorjahren sind die grundlegend überarbeiteten Schaubilder -- teils mehr, teils weniger auffällig. Bewundernde Blicke auf die Folien bitte hier.

P.P.S: Korrektur am 1.7.2005; Florian v. Samson verriet mir die etwas realistischeren (und leider auch ernüchternderen) Publikumszahlen. Im kommenden Jahr wird der Vortrag "Trusted Computing: Sex, Geld und Vertrauen" heißen, um mehr Zuschauer anzuziehen. Wenn ich für diese Vorträge schon keine Kröten zu sehen kriege, will ich zumindest ein volles Haus haben...

Literatur und Links

Vortrag vom LinuxTag 2005, gehalten am 23.06.2005, 15:05 GMT+1

> Folien vom Vortrag (OpenOffice-Export mit 40 GIFs)
> Folien vom Vortrag (OpenOffice-Dokument)

Erfahrungsberichte von Vorträgen

> Mein erster Vortrag (LinuxTag 2003)
> Mein zweiter Vortrag (Bildungswerk Hattingen 2003)
> Mein dritter Vortrag (LinuxTag 2004)

Alle Texte © 2005 Gerald Himmelein / Heise Zeitschriften Verlag