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LinuxTag 2003, Trusted Computing

Der folgende Text beschreibt meine persönliche Erfahrung auf der Bühne des LinuxTag 2003. Wer gern wüsste, was ich mir so gedacht habe, als ich zum ersten Mal auf einem Podium zu ganz vielen Leuten sprechen musste, darf gern weiterlesen. Wer das für einen nutzlosen Ego-Trip hält, sollte vielleicht woanders hinsurfen.

Mein erster Vortrag

Da stehe ich also oben auf der Bühne und gucke erstmals ins Publikum. Meine Hoffnung, dass eh' keiner kommt, verflüchtigt sich in Sekundenbruchteilen. Da unten sitzen mindestens dreihundert Leute, vermutlich eher fünfhundert. Sie füllen die riesige Halle nur halb, aber für mich ist das mehr als genug. Drei Augenblicke lang wünsche ich mich mit aller Gewalt woanders hin, weg von diesem Ort. Irgendeinen Ort ohne 500 Leute mit der Erwartung, informiert zu werden. Sowas funktioniert aber nur im Kino.

Mein Vortrag ist gewissermaßen nur Vorspiel: Er soll eine Podiumsdiskussion über die Chancen und Gefahren von Trusted Computing einleiten. In 45 Minuten soll ich ein vielschichtiges und komplexes Thema abhandeln, möglichst ohne unzulässige Vereinfachungen. Bei der Vorbereitung wurde mir schnell klar, dass ich nicht nur das Thema vorstellen, sondern auch zahlreiche Vorurteile entkräften muss. Eigentlich wäre schon das allein ein Vortrag für sich.

> Fehlinformationen zu TCG/TCPA (zur Folie)
> Fehlinformationen zu NGSCB (zur Folie)

Andererseits soll der Vortrag neutral sein. Ich bin kein Vertreter der Trusted Computing Group und kein Aktivist des Chaos Computer Clubs; ich sehe mich in der klassischen Journalistenrolle, die Informationen von Meinungen trennt. In einer idealen Welt würde ich den Vortrag entsprechend neutral halten: Fakten Fakten... sterbenslangweilig. Ich weiß eigentlich, dass ich das nicht hinkriegen werde. Unweigerlich wird meine Meinung den Vortrag prägen -- wenn nicht in den Folien, dann doch im Redefluss. Hinzu kommt, dass ich mir vorgenommen habe, ohne Manuskript zu arbeiten, damit ich natürlicher klinge. Genauer: Es gibt gar kein Manuskript, keine Zeit. Das ist für ein Mitglied der schreibenden Zunft wie für einen Drahtseilartisten ein Auftritt ohne Netz.

Panik auf dem Podium

Als wesentliches Problem sehe ich, das Publikum auf meine Seite zu ziehen. Schon mein PC ist eigentlich ein Affront gegen die Veranstaltung: ein Windows-Laptop, den ich meiner Frau entliehen habe. Immerhin: Ich präsentiere nicht in PowerPoint, sondern in HTML, allerdings mit proprietärer Software (Dreamweaver, TopStyle) und für einen Closed Source Browser (Opera 7).

Um niemanden vorweg zu antagonisieren, schließe ich den Rechner erst an den Beamer, als die Präsentation schon im Vollbild des Browser-Fensters erscheint. Auf dem ersten Bild steht das Versprechen, den Vortrag in 45 Minuten zu halten. Seit gestern weiß ich, dass das nicht zu schaffen ist: Bei der Generalprobe am Vorbend vor Mitarbeitern des LinuxTags stand ich 90 Minuten auf der Bühne und hatte mindestens zwei Seiten noch gar nicht fertig.

Der Moderator der Podiumsdiskussion stellt mich vor und ich bekomme einen Vorschussapplaus. Das ist mir irre peinlich, weil ich selbst bei Auftritten anderer Leute nie vorher applaudiere. Die sollen erst einmal beweisen, dass sie Zustimmung verdient haben. Und ich bin ja eh' nur ein Hochstapler mit einem Windows-Laptop.

Ich bedanke mich also für den Applaus und leiste direkt den Offenbarungseid: Dies ist mein erster Vortrag und er wird vermutlich schrecklich. Die Probe vom Vortag gilt nicht, habe ich entschieden. Dabei war die Probe nicht schlecht verlaufen -- aber halt 90 Minuten lang statt 45. Zwischen Probe und Aufführung habe ich noch einiges umgeschoben, viele Folien zusammengestrichen und dafür, schluck, zwei neue und unerprobte Schaubilder konzipiert und eingebaut.

Schwacher Anfang

Gleich zum Anfang patze ich. Die erste Folie zeigt die Struktur des Vortrags, was ich schon wieder vergessen habe und so fängt meine Rede mit der zweiten Folie an, der Namenskontroverse um Trusted Computing. Dann stelle ich die TCPA vor und ihren Nachfolger, die TCG. Bei der Mitgliederliste höre ich die ersten Hmms aus dem Publikum. Hmm ist gut, hmm heißt, "Ich habe eine Meinung" oder "ich hmme, damit die Person neben mir glaubt, ich habe eine Meinung."

> der erste Patzer (zur Folie)
> Mitgliederliste der TCG (zur Folie)

Von da aus geht es im Schweinsgalopp mitten ins Thema. Zur Illustration des Boot-Vorgangs stelle ich mich vor die Leinwand und zeige mit einem Teleskopstift die Schritte, die ich gerade beschreibe. Bei der Generalprobe gestern habe ich das an einer späteren Stelle ausprobiert (Aufbau von NGSCB) und es wurde danach so wohlwollend kommentiert, dass ich mir vorgenommen habe, es heute mehrfach zu tun. Ich werde Trusted Computing vorturnen.

> TCPA: Bootvorgang (zur Folie)

Das Mikrofon ist ein leichtes Headset von Sennheiser; der Sender steckt in meiner Hosentasche. So kann ich mich frei auf der Bühne bewegen, was ich auch weidlich ausnutze. Jetzt wird das Thema etwas schwierig und ich spüre, dass das Publikum überbeansprucht ist. Ich würde die schwierigen Punkte gern nochmal wiederholen, sie so lange erklären, bis es auch der Letzte verstanden hat. Es geht nicht; ich muss einen 90-Minuten-Vortrag in 45 Minuten halten.

Jetzt bloß nicht ablenken lassen. Prompt verheddere ich mich in einem achtsilbigen Wort (Ab-wärts-kom-pa-ti-bi-li-tät), kommentiere den Fauxpas und das Publikum lacht. Es lacht nicht über den Versprecher, sondern über meinen Kommentar. Sie sind auf meiner Seite! Sie hassen mich nicht, sie mögen mich! Eigentlich völlig unverständlich.

> fünf Silben zu viel (zur Folie)

Ich komme zur NGSCB-Beschreibung und schlurfe wieder zur Bühnenmitte, vorturnen. Ein greller Scheinwerfer folgt meinem Weg. Wenn ich in Richtung Publikum blicke, sehe ich eine dunkle amorphe Masse. Irgendwo da sitzen meine Eltern, glaube ich. Meine Mutter wurde vor vier Tagen an der Halsschlagader operiert, versteht bei Trusted Computing nur Computer-Bahnhof und sitzt trotzdem im Publikum. Ich kann sie leider nicht sehen, weil mich der Projektor und der Scheinwerfer um die Wette blenden.

> Aufbau von NGSCB/Palladium (zur Folie)

Gefährliche Euphorie

Es wird gefährlich da oben, mein Ego hat Auftrieb und ich werde übermütig. Das ist gestern auch schon passiert und fiel mir danach unangenehm auf. Ich vergleiche Trusted Computing mit einer Schere und meine Vergleiche sind meist Schei... suboptimal. Wer nicht da war: Mit einer Schere kann man Papier schneiden und Leuten die Kehle durchschlitzen. Mit Trusted Computing kann man Sicherheit schaffen und Digital Rights Management durchsetzen. Wie gesagt, meine Vergleiche sind suboptimal. Das Publikum schluckt es trotzdem, einige lachen. Ich überlege, meine Redezeit auf drei Stunden zu verlängern.

Ich nähere mich dem letzten Drittel des Vortrags und spüre deutlich, dass ich über der Zeit liege. Jetzt wird es eigentlich nochmal richtig interessant, aber der Moderator hat mich am Vorabend gewarnt, dass er mich notfalls unterbrechen und abwürgen wird. Ich hetze also durch die Kritikpunkte an DRM und Trusted Computing, bremse nochmal kurz für die Forderungen des CCC und bleibe dann bei meinen Vorschlägen zur Diskussion stehen. Das ist die Folie, die der Moderator als überheblich bezeichnet hat. Gestern waren es noch drei Folien, heute ist es nur eine und die ziehe ich gnadenlos durch. Inmitten meiner Warnung vor Paranoia kriege ich bei einem weiteren gewagten Vergleich spontanen Applaus, gleich zweimal. Meine Vergleiche mögen schlecht sein, aber publikumswirksam. Ich baue einen Insider-Gag ein, der eigentlich nur meinen Eltern gilt. Das Publikum lacht trotzdem; ich bade in Good Vibrations.

> Kritikpunkte an Trusted Computing (zur Folie)
> Forderungen des CCC (zur Folie)
> Anregungen zur Diskussion (zur Folie)

Dass ich noch ein ganz wunderbares Finale in der Hinterhand habe, ist mir zwischenzeitlich ganz entfallen. Ich habe ja noch das wahre Ziel von Trusted Computing auf Lager! Die Erleuchtung! Ich lasse mir von meinem Fehler nichts anmerken und so endet der Vortrag halt zweimal. Als Sahnehäubchen mache ich noch einen kleinen Witz auf Kosten von Microsoft, sowas zieht immer. Geradezu tosender Applaus folgt. Es kommen noch vier, fünf Fragen aus dem Publikum. Ich merke nicht einmal, dass hinter mir Tische aufgebaut und Stühle geschleift werden: ich bin ganz Ohr für mein Publikum, verstehe die erste Frage aber akustisch nicht so gut.

> Das wahre Ziel von Trusted Computing (zur Folie)

Postpartum

Dann schalte ich das Mikro aus und gehe von der Bühne. Ich laufe zum Hallenausgang und suche meine Eltern. Mein Vater sieht mich und ich will wissen, wie schlimm es war. Er grinst. Dann kommt meine Mutter heraus, immer noch etwas blass. Umarmung. Es fragen mich noch zwei Leute nach Details; einer lädt mich zu den Linuxtagen in Luxembourg ein (Vortragssprache Englisch) und dann gehe ich wieder in den Saal, die angefangene Podiumsdiskussion anhören.

Ich sitze ganz hinten im Publikum und merke mitten in der Diskussion, dass ich einen wesentlichen TCPA-Aspekt vergessen habe: Secure Boot. Hochnotpeinlich. Die Timeline von Trusted Computing hätte ich auch nicht unterschlagen dürfen -- dafür hätte Zeit sein müssen. Die Podiumsdiskussion verliert schnell ihre Dynamik und kreist dann um die ewigen alten Argumente. Genau das, was meine Diskussionsvorschläge verhindern wollten.

Am liebsten würde ich zwischenrufen, doch meine Zeit im Scheinwerfer ist vorbei. Als die Diskussion über das Zeitlimit geht, verlasse ich den Saal, um eine Stunde mit meinen Eltern zu verbringen, bevor ich zum Zug muss.

13. Juli 2003: Gerald Himmelein hält seinen ersten Vortrag. Lief nicht schlecht.

Literatur und Links

Präsentationen für Opera erstellen

>> Opera Support-Seiten (englisch)
>> Opera statt PowerPoint: Präsentationen in HTML erstellen, c't 15/03, S. 202

Vortrag vom LinuxTag 2003, gehalten am 13.7.2003, 13:05-14:00 GMT+1

> Folien vom Vortrag (ein Dokument, OperaShow-kompatibel)
> Folien mit Hyperlinks (ein Dokument, OperaShow-kompatibel)

Erfahrungsberichte von Vorträgen

> Mein zweiter Vortrag (Bildungswerk Hattingen 2003)
> Mein dritter Vortrag (LinuxTag 2004)
> Mein vierter Vortrag (LinuxTag 2005)

Alle Texte © 2003 Gerald Himmelein / Heise Zeitschriften Verlag