Webstandards im Wandel

Ergänzungen zu c't 1/07, Seite 160

Interview mit Björn Höhrmann

Björn Höhrmann wirkte als freiwilliger Entwickler in verschiedenen W3C-Gremien mit, unter anderem am HTML-Validator. Sein Austritt aus dem Validator-Team hat zu Diskussionen über den Zustand des W3C Anlass gegeben.

Warum sollen Webdesigner die Standards einhalten, wenn ihre Seiten in den gängigen Browsern funktionieren?

Das ist Teil der Abmachung: Die Webdesigner erstellen konforme Seiten und die funktionieren dann überall wie gewünscht. Wer sich nicht daran hält, egal ob Webdesigner oder Browserhersteller, zwingt andere, sich mit der Umgehung von Fehlern und Bugs zu beschäftigen, statt mit anderen Verbesserungen. Dank neuer Browser, Editoren und Dokumentation ist es leichter geworden, konforme Seiten zu erstellen. Setzt sich das fort, können wir bald fragen: warum sich die Mühe machen, Fehler einzubauen?

Wie beurteilen Sie die Qualität des W3C-Validators – etwa im Vergleich zu Validome oder dem XML-Schema-Validator von Christoph Schneegans?

Ironischerweise ist der W3C-Validator insbesondere zum Prüfen von XHTML-Dokumenten eher ungeeignet. Die Konkurrenz unterstützt XML wesentlich besser und findet viele Fehler, die der W3C-Validator übersieht. Hauptproblem ist, dass der W3C-Validator ohne große Änderungen neue Formate wie Atom oder SVG nicht unterstützen kann.

Welchen Stellenwert hat das Validator-Team innerhalb des W3C?

Viele sehen den Zusammenhang zwischen dem Erfolg eines Standards und der Verfügbarkeit von Werkzeugen wie dem Validator nicht. Das Team wie auch der Validator selbst waren letztlich so unwichtig, dass es für mich keinen Sinn mehr machte, darin mitzuarbeiten.

Sie haben bei Ihrem Rückzug aus dem Validator-Team die HTML-Arbeitsgruppe hart kritisiert. Wie läuft die Zusammenarbeit zwischen den W3C-Institutionen?

Mit der HTML-Arbeitsgruppe hab ich bisher keine Zusammenarbeit erlebt, weder im Validator-Team noch in anderer Funktion. Das W3C organisiert den Informationsaustausch zwischen den Gruppen; wie viel Zusammenarbeit dann stattfindet, ist unterschiedlich. Meist hängt es an den Leuten, die in mehreren Gruppen vertreten sind, und die haben wenig Zeit dafür.

Gibt es ein Kommunikationsproblem zwischen freiwilligen Entwicklern und Webstandards-Interessierten auf der einen Seite und W3C-Mitgliedern auf der anderen Seite?

Theoretisch vermittelt das W3C zwischen den Mitgliedern und dem Rest der Welt. Jeder kann während der Entwicklung eines Standards Kommentare einschicken und das W3C garantiert eine zügige, vernünftige Antwort. Das klappt mit einigen Gruppen sehr gut und in manchen Fällen so schlecht, dass viele der Gruppe den Rücken kehren. Die SVG-Gruppe ist so ein Fall, wie Mozillas David Baron in seinem Blog kürzlich beschrieben hat.

Noch immer existiert für XHTML1 kein XML Schema. Ist es nicht widersinnig, die XHTML-Grammatik in einer SGML-basierenden DTD niederzulegen?

Es ist sicher nicht mehr zeitgemäß. Viele Regeln brauchen mächtigere Sprachen wie RELAX NG und Schematron um sie zu beschreiben, auch XML Schema reicht nicht aus. Bei der HTML-Arbeitsgruppe ist das leider noch nicht angekommen.

Sind W3C-Mitglieder teilweise selbst überfordert mit komplexen Standards wie SVG oder XML Schema?

Das liegt meist weniger an der Komplexität als an Spezifikationen mit Fehlern, Lücken, schlechten Formulierungen und fehlenden Testfällen. Ich selbst finde die XML Schema-Spezifikationen sehr unverständlich, und bei SVG gibt es mehr Lücken als Testfälle. Da sind Probleme vorprogrammiert.

Was halten Sie davon, dass Tim Berners-Lee plötzlich HTML weiterentwickeln möchte?

Wir warten seit 1997 darauf, dass das W3C sich der vielen Probleme im HTML-Standard annimmt, Fehler in den Spezifikationen korrigiert und dringend benötigte Funktionen hinzufügt. Bekommen haben wir mit XHTML1 nur eine neue Schreibweise für HTML-Dokumente mit neuen Problemen und wurden für alles andere auf XHTML2 vertröstet. Viele sind das Warten leid und es ist gut, dass das auch bei Tim Berners-Lee angekommen ist. Was das W3C aus dieser Entscheidung macht, bleibt abzuwarten.

Glauben Sie, dass die WHAT WG die Diskussionen im W3C in eine positive Richtung beeinflussen wird?

Einige Projekte der WHAT WG wie die Standardisierung der XMLHttpRequest-Schnittstelle wurden inzwischen vom W3C übernommen, und die künftige HTML-Arbeitsgruppe wird wahrscheinlich einen weiteren Teil übernehmen. Insofern hatte die WHAT WG bereits einen positiven Einfluss. Ich hoffe, das geht so weit, dass wir die WHAT WG in der Form nicht mehr brauchen.

Trotz Ihrer öffentlichen Kritik an einzelnen W3C-Arbeitsgruppen arbeiten Sie in der CSS- und der Web-API-Arbeitsgruppe weiter. Ist Ihr Verhältnis zur Organisation als ganzer noch grundsätzlich intakt?

Die Probleme verschwinden ja nicht, wenn keiner Verantwortung für die Lösungen übernimmt. Die Kritik der letzten Monate ist nicht unbemerkt am W3C vorbeigegangen, jetzt kommt es darauf an, sich neu zu überlegen, wo das W3C Verantwortung übernehmen kann und wie man die Kräfte, die mithelfen wollen, bündelt und organisiert. Projekte wie der Validator lassen sich vielleicht besser außerhalb organisieren. Das W3C könnte dann die Ressourcen nutzen, bessere Spezifikationen und Schemata bereitzustellen, davon profitieren dann auch Validome und Co. Wichtig ist, deutlich zu machen, was wir vom W3C erwarten können und was nicht. Im Moment verspricht das W3C mehr, als es halten kann.