Über 6000 Entwickler aus aller Welt kamen Ende Oktober nach Los Angeles, um sich über die nächste Generation von Microsofts Betriebssystemen, Anwendungen und Diensten zu informieren.
Microsofts Professional Developers Conference (PDC) findet nicht jedes Jahr statt, sondern immer nur dann, wenn der Software-Riese besonders wichtige und in die Zukunft weisende Neuigkeiten zu verkünden hat. Dass eine dieser Neuigkeiten in diesem Jahr aus einem ersten Blick auf den Vista-Nachfolger Windows 7 bestehen würde, war schon vor Beginn der Konferenz klar (mehr zu Windows 7 auf Seite 18 in c't 24/08). Allerdings sah das Konferenzprogramm die Keynote des Windows-Chefentwicklers Steven Sinofski erst für den zweiten Tag der Veranstaltung vor – irgendwas Großes musste Microsoft noch für den Eröffnungstag im Köcher haben.
Die Auftakt-Keynote hielt Microsofts neuer Chief Software Architect Ray Ozzie. Er betonte, seine Firma sehe sich nicht mehr nur als reiner Softwarehersteller, sondern setze zunehmend auf eine Software-plus-Services-Strategie. Ganz neu ist auch diese Ankündigung nicht, bietet Microsoft doch etwa mit MSN und Live Search oder den Windows-Live-Diensten wie Hotmail oder Spaces schon seit einiger Zeit Internet-Dienste an.
Neu ist hingegen, dass Microsoft nun auch ins Hosting-Geschäft einsteigen will: Windows Azure heißt die dazugehörige neue Webservice-Plattform – das „Windows“ im Namen und das himmelblaue, wie ein Windows-Logo geformte Markenzeichen sollen darauf hindeuten, dass man sie durchaus als ein neues Betriebssystem, eine Art „Windows in the Cloud“ verstanden wissen möchte. Sie dient als Server-Umgebung unter anderem für Anwendungen, die man lokal mit Visual Studio entwickeln und je nach verwendeter Vorlage entweder für die lokale Ausführung auf dem eigenen Rechner oder aber für die Veröffentlichung auf Microsofts Serverfarmen im Internet publizieren kann. Um solche .NET-Dienste auch aus anderen als den .NET-Sprachen heraus zu ermöglichen, offeriert Microsoft SDKs für die Einbindung von Java-, Ruby- und PHP-Anwendungen und plant offenbar, auch Python sowie die Entwicklung mit Eclipse zu unterstützen. Zu diesen Programmen gesellen sich weitere Dienste aus dem Umfeld des SQL Server sowie SharePoint Services und Dienste des Dynamics-CRM-Pakets und bilden gemeinsam, was im Redmonder Wortschatz als Windows Azure Services Platform auftaucht.
Alle dazu gehörenden Dienste hostet Microsoft entweder als nativen oder als managed Code in seinen eigenen Rechenzentren, derzeit ausschließlich in den USA. Der dahinter werkelnde Fabric Controller will den Dienst-Entwicklern alle Sorgen um Ressourcenallokation, Load-Balancing und Ausfallsicherheit abnehmen. Selbst der gleichzeitige Ausfall zweier funktionsgleicher Komponenten soll die Dienste laut Ozzie nicht beeinträchtigen. Der Datenaustausch zwischen Server und Client erfolgt über HTTP(S), nach Wahl mit einfachen REST-Protokollen, mit SOAP oder über das Webfeed-Protokoll AtomPub. Mit Hilfe eines Microsoft-gehosteten ID Federation Gateway und eines lokal installierten Services Connectors sollen IT-Admins die Zugriffsrechte der betreuten Anwender zugleich im Active Directory des Firmennetzwerks und auf den Microsoft-Servern für die Azure-Dienste verwalten können. Auf einen konkreten Freigabetermin für Windows Azure wird man noch warten müssen; auf der PDC konnte der Konzern aber immerhin eine funktionsfähige Community Technology Preview (CTP) vorweisen.
Einen frühen Einblick gewährte Microsoft in die kommende Version seiner Bürosuite, derzeit in Arbeit unter dem internen Codenamen Office 14. Web Applications sollen die meisten Funktionen der Programme Word, Excel, PowerPoint und OneNote auch im Browserfenster zugänglich machen. Microsoft will die Dienste sowohl im Abonnement gegen Monatsgebühren anbieten als auch anzeigengesponsort sowie zur Publikation auf eigenen Servern der Inhaber von Volumenlizenzen.
Auf der Konferenz waren nicht nur Beispiele mit originalen und maßgeschneiderten Ribbons der Programme im Browser-Fenster zu sehen, sondern auch eine Demonstration, wie mehrere Nutzer gleichzeitig ein in Windows Live Mesh gespeichertes OneNote-Notebook von einem lokal installierten OneNote, von der angekündigten OneNote-Web-Applikation aus und mit einzelnen Bildern von einem Internet-fähigen Smartphone aus bestücken. Das Resultat erschien nach einigen Sekunden Karenzzeit Layout-gleich in den Fenstern von OneNote und Browser. Allerdings bauen die plattformübergreifenden Dienste – sie sollen in Internet Explorer, Firefox und Safari funktionieren – offenbar nur auf die Codebasis des Windows-Office. Wie etwa mit office:mac gesetzte Formeln oder PowerPoint-Präsentationen, bei denen es minuziös auf Zeilenumbrüche ankommt, auf Rechnern mit unterschiedlichen installierten Zeichensätzen und Schriftarten aussehen, wird die Zukunft zeigen müssen.
Programmierern gewährte Microsoft in Los Angeles interessante Einblicke in die nächste und übernächste Generation der Entwicklerwerkzeuge aus Redmond. Schon ziemlich weit gediehen sind die Arbeiten am kommenden Visual Studio 2010, von dem es bereits eine CTP gab. Von der neuen, auf der Windows Presentation Foundation (WPF) basierenden Oberfläche ist allerdings außer Screenshots noch nichts zu sehen gewesen. Sie verspricht, die Entwicklungsumgebung auf mehrere Monitore zu verteilen, und soll ihrerseits deutlich verbesserte Designer für WPF- und Silverlight-Anwendungen enthalten. Bereits live zu sehen gab es einen neuen Quellcode-Editor, der sich über Plug-ins einfacher als bisher erweitern lässt.
Unter der Oberfläche hat Microsoft mit dem Visual Studio 2010 vor allem die Programmierung von Anwendungen für Multicore-Systeme sowie die Unterstützung dynamischer Sprachen im Visier. Für die Fehlersuche in Multithread-Programmen bekommt das nächste Visual Studio einen neuen Debugger, der unter anderem die Aufruf-Stacks mehrerer Threads übersichtlich anzeigt. Im .NET Framework 4.0 wird es neue Klassen wie Parallel und Task geben, mit denen sich Programme sehr einfach auf mehrere CPU-Kerne aufteilen lassen. Zu der Datenabfragesprache LINQ wird sich ihr Abkömmling PLINQ gesellen, der das Durchforsten großer Datenbestände parallelisiert.
Das umfangreichste Paket an Neuerungen im .NET Framework 4.0 betrifft die Dynamic Language Runtime (DLR), mit deren Hilfe .NET fit für dynamische Skriptsprachen wird – zunächst ist an Python und Ruby gedacht, weitere sollen folgen. Um eine reibungslose Zusammenarbeit zwischen solchen Sprachen und den klassischen, statisch typisierten .NET-Sprachen wie C# oder Visual Basic zu realisieren, wird es den neuen Typ dynamic geben. Sein Hauptmerkmal ist die sogenannte späte Bindung: Aufrufe von Member-Funktionen und -Eigenschaften werden nicht vom Compiler, sondern erst vom Laufzeitsystem aufgelöst. Über denselben Mechanismus soll auch die Einbindung von COM-Komponenten in .NET-Programme deutlich vereinfacht werden. Den Sprung auf die nächste .NET-Versionsnummer nicht überleben wird die Workflow Foundation (WF) – jedenfalls nicht in der derzeitigen Form: In puncto Performance und Funktionsumfang haben sich mittlerweile so viele Probleme offenbart, dass eine komplette Neuimplementierung notwendig wird; bestehende Workflows und Aktivitäten werden sich damit nicht weiter nutzen lassen.
In den Bereich Zukunftsmusik gehören Microsofts Pläne unter dem Codenamen „Oslo“: Mit ihnen soll es künftig möglich sein, Anwendungen direkt aus Modellen heraus zu erzeugen. Zu sehen gab es in Los Angeles schon mal einen Entwurf der Programmiersprache „M“ zum Erzeugen domänenspezifischer Modellierungssprachen sowie eine frühe Version des dazugehörigen grafischen Designers „Quadrant“.
Für Verwunderung sorgte allenthalben die Ankündigung Microsofts, schon im nächsten Jahr wieder eine PDC zu veranstalten (vom 17. bis 20. November 2009, wieder in Los Angeles). Die Spekulationen, was denn bis dahin an bahnbrechend Neuem zu erwarten sein könnte, reichen von Konkretisierungen zu Azure und Office 14 bis zu einer neuen Version von Windows Mobile. (hos)
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