Der Schauplatz der einstigen Spiele-Leitmesse Europas hat sich gewandelt: Die Hallen der Leipziger Neuen Messe, die in den GC-Jahren vom Ansturm der Spielefans und den lautstarken Animationen der Aussteller zu brodeln pflegten, waren bei der diesjährigen Games Convention Online (GCO) verwaist. Nachdem sie 2010 zu einer reinen Fachmesse mutiert ist, soll die GCO auch im kommenden Jahr wieder stattfinden – welche Form sie dann haben wird, steht noch nicht fest.
Die zweite GCO fand vom 8. bis 10. Juni 2010 statt, diesmal ausschließlich im Congress Center Leipzig (CCL). Hatte die Messe rund um netzgestütztes Spielen 2009 noch rund 43 000 Besucher aufs Gelände gelockt, so nahmen diesmal nur noch 630 Leute teil – und zwar an einem reinen Fach-Event fürs Online-Spiele-Business. Die Zahl der Aussteller im CCL stieg gegenüber der letztjährigen GCO von 24 auf 32 leicht an; insgesamt hatte man 2009 auf dem Messegelände 74 Aussteller gezählt, dabei aber diejenigen doppelt gerechnet, die sowohl im Businessbereich als auch in den Publikumshallen vertreten waren. Knapp sechs Wochen vor Veranstaltungsbeginn strichen die Messemacher überraschend den Publikumsbereich für die GCO 2010.
Die leidgeprüften Veranstalter in der Sachsenmetropole haben es noch immer irgendwie hinbekommen, auch Notsituationen zu Erfolgsgeschichten umzuwidmen. Dennoch fand Martin Buhl-Wagner, Geschäftsführer der Leipziger Messe, bereits zum Auftakt der 2010er GCO realistische Worte: Man wolle einen jungen, dynamischen Markt unterstützen – und stehe dabei auch zu Rückschlägen.
Obwohl die GCO bis zum Samstag lief, waren zahlreiche Stände schon am Freitagnachmittag geräumt. Entsprechend unzufrieden gaben sich einige Firmenvertreter. Die „kritische Masse“ für eine rentable Messe sei nicht erreicht, konstatierte Lloyd Melnick, General Manager fürs internationale Geschäft beim Social-Gaming-Experten Playdom. Konkret vermisste Melnick nicht nur die sonst traditionell stark in Leipzig vertretenen Osteuropäer, sondern auch Schwergewichte wie Zynga.
Zu den wenigen Neuheiten, die Spielebetreiber den Fachbesuchern und Pressevertretern präsentierten, gehörte das strategische Action-Rollenspiel „Mytheon“ des Hamburger Unternehmens Gamigo. Das Client-gebundene Multiplayer-Epos, das sich derzeit in einer offenen Betaphase befindet, lässt Teilnehmer in die Rolle von „Stonecastern“ schlüpfen – mächtigen Magiewirkern, die es mit Göttern und allerlei mythologischen Gestalten aufnehmen können.
Heißes Thema auf der GCO: PC und Smartphone sollen beim Online Gaming zueinanderfinden – so bildet etwa V-Gates Metaport eine technische Plattform für die Echtzeit-Übertragung von 3D-Inhalten auf Mobilfunkgeräte.
Der niederländische Softwareentwickler Eximion präsentierte mit Kalydo eine Technik, die sich dazu eignet, beliebige Spiele für Browser aufzubereiten. Vorhandene Programme werden dabei in Code-Portionen verpackt und stückweise per Internet an Clients geschickt. Anwender können so schnell und ohne Installation ins Spiel einsteigen. Publishern gibt das System eine umfassende Rechtekontrolle in die Hand – und zudem Gelegenheit, aussagekräftige statistische Nutzungsdaten zu erheben. Allerdings ist die Client-Seite von Kalydo derzeit noch auf Firefox, Internet Explorer und Chrome unter Windows 7, Vista und XP beschränkt, was die Vorzüge der „Verwandlung“ etablierter Windows-Games in Browser-Spiele doch stark einschränkt.
Bemerkenswerte Akzente konnte die GCO vor allem beim Vortragsprogramm setzen. In 50 „Business Talks“ und Panels kamen 82 Experten zu Wort und diskutierten mit den Anwesenden über Trends fürs Online Gaming und mobile Spielanwendungen. Wichtige Schlagwörter für zukunftsträchtige Themen waren Konvergenz und Cross-Platform-Distribution. Es geht dabei um das Spielen und den Austausch von Software über die Grenzen der Betriebssysteme und Geräteplattformen hinweg. Wohin dieses Zusammenwachsen führen könnte, prognostizierte Mickey Maher, Business Development Manager beim Dienstleister Sometrics: „In zehn Jahren leben wir vielleicht in einer Welt, die keine Spielkonsolen mehr kennt.“
Mahers Optimismus zum Trotz gab es auch kritische Stimmen dazu. Vielen Entwicklern ist etwa unklar, wie sich die verbreiteten mobilen Geräte des Computerherstellers Apple in eine konvergente Spielelandschaft einfügen könnten. Einen von mehreren Knackpunkten bildet die Einbindung von Apples Bezahlsystem. Sollen kostenpflichtige Inhalte verkauft werden, ist das zwar per „In App Purchase“ möglich, Apple duldet aber keine konkurrierenden Bezahlsysteme. Der Client-übergreifende Zugriff von mehreren Endgeräten auf einen Account wäre dementsprechend knifflig.
Einen weiteren Schwerpunkt auf der GCO stellte das Social Gaming dar. Sozialforscherin Valentina Rao von der Universität Utrecht hat im Rahmen einer Studie untersucht, wie die Grenzen zwischen realen und virtuellen Welten immer stärker verschwimmen. Die Wissenschaftlerin beschrieb dabei einen steten Wechsel zwischen echter und digitaler Identität, zwischen Spiel und Alltagsleben. Konkreten Verhaltensmustern von Social Gamern war Ben Kirman von der University of Lincoln auf der Spur. In seinem Vortrag klassifizierte er Interaktionen zwischen Teilnehmern an netzgestützten Plattformen aufgrund der Zahl der jeweiligen Kontakte sowie des Kontaktverhaltens.
Weitgehend autonom fand im Rahmen der GCO die erste Community Manager Conference statt. Die vom Dienstleister Two Pi Team organisierte Konferenz lockte bereits zur Eröffnung 100 internationale Besucher an. Viele seien nur wegen dieser Veranstaltung nach Leipzig gereist, bestätigt Thomas Lagemann, CEO des veranstaltenden Unternehmens. An den Diskussionen beteiligten sich auch branchenfremde Beobachter. So befand sich im Publikum der Vertreter eines Hardwareproduzenten, der seine Kunden ebenfalls als Community ansprechen möchte.
Die stärksten Publikumsmagnete für die eigentliche Spielercommunity hatte die GCO in diesem Jahr ausgelagert: Die E-Sport-Turniere World Cyber Games 2010 (WCG) und Acer Soccer Challenge waren ursprünglich für den Publikumsbereich der Messe geplant, den es schließlich nicht gab. Deswegen liefen diese Veranstaltungen im Freizeitpark Belantis vor der Stadt ab.
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Dort kämpften bis zum 12. Juni 118 professionelle Spieler um Sachpreise respektive die Qualifikation für den WCG-Endausscheid im Herbst. Besucher konnten in einer Public Gaming Area nach Herzenslust spielen. Bei Temperaturen weit über 30 Grad verirrte sich allerdings nur wenig Laufpublikum in das für Spieler reservierte Zelt. Viele der insgesamt 250 Computer blieben unbesetzt.
Hinter vorgehaltener Hand sprachen die Veranstalter bereits von einer bitteren Erfahrung. Im Vorfeld hatte sich der Organisator Advanced Cyber GmbH ausgesprochen optimistisch geäußert und den „perfekten Austragungsort“ gelobt: „Hier treffen wir auf ein Publikum, das Vergnügen und Unterhaltung liebt, und genau das bietet der E-Sport.“
Wenn es nach der Messeleitung geht, wird es auch im kommenden Jahr wieder eine GCO in Leipzig geben – geplanter Termin: 7. bis 10. Juli 2011. Ob dann erneut ein Publikumsbereich geöffnet wird, ist offen. Unklar bleibt bislang auch, ob sich die Verantwortlichen für die relativ eigenständigen Events am Rande der Messe wieder für den Standort Leipzig entscheiden. So will etwa das Two-Pi-Team die Community Manager Conference weiter ausbauen. Zum Veranstaltungsort mochte man aber noch nichts Definitives sagen. Auf eine entsprechende Frage hin meinte Organisator Lagemann nur: „Wenn es nach dem Herzen geht, ist es wieder Leipzig.“
(psz)
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