Mit vier Jahren Verspätung rüsten Microsoft und Sony ihre Konsolen mit Bewegungssteuerungen nach. Doch egal ob mit Kinect oder Move, die Spiele-Publisher drohen bei der Jagd nach dem letzten Gelegenheitsspieler im Überangebot der Tanz- und Fitnessspiele zu ertrinken. Klassenprimus Nintendo will derweil mit der 3DS-Konsole stereoskopische Darstellungen ohne Brille im Massenmarkt etablieren.
Als Nintendo Ende 2006 seine Wii auf den Markt brachte, konnte niemand den Erfolg der Bewegungssteuerung vorausahnen. Im Herbst wollen Sony und Microsoft nun auch etwas vom Markt der Gelegenheitsspieler abhaben und präsentierten auf der E3 in Los Angeles ihre Konzepte zukünftiger Bewegungsspiele.
Am 16. Juli kommt eine neue Version der Xbox 360 für 250 Euro auf den Markt. Die schwarz glänzende Konsole soll dank eines großen seitlich eingebauten Lüfters deutlich weniger rauschen als ihr Vorgänger sowie WLAN-Unterstützung (802.11n), eine 250-GByte-Festplatte und fünf USB-Anschlüsse mitbringen.
Den radikalsten Weg verfolgt Microsoft mit seiner Kinect-Kamera (vormals Project Natal), bei der der Spieler ohne Controller auskommen muss und Spiele nur mit Armen, Beinen und seiner Stimme steuert. Neben einer optischen Kamera bringt Kinect eine Infrarot-Lampe und einen passenden Sensor mit, über den die Software ein dreidimensionales Abbild des Spielers in Echtzeit erstellt und zur Steuerung von Spielen nutzt. Ein eingebautes Mikrofon-Array nimmt Sprachkommandos entgegen. Mit Kinect wird man die Xbox-360-Menüs über Handbewegungen dirigieren können, die einen Zeiger steuern. Spiele und Programme wie Last.fm lassen sich starten, indem man ihre Namen ruft. Die Sprachsteuerung reagiert dabei auf das Schlüsselwort „Xbox“ gefolgt von einem Befehl. „Xbox play“ spielt einen Film ab, „Xbox stop“ beendet ihn. Abonnenten des Gold-Service können sich per Video-Chat unterhalten, wobei die Kamera den Spieler automatisch verfolgt, wenn er sich bewegt.
Zum Start von Kinect (in den USA ist der 4. November vorgesehen, für Europa ein späterer Termin) wollen die Redmonder das System mit zahlreichen Minispiel-Sammlungen begleiten, darunter das obligatorische Boxen, Tischtennis und Bowling – wie man sie von Wii Sports her kennt. Für Kinder entwickelt Microsoft die Kuscheltiersimulation Kinectimals, bei der man 30 virtuelle Tiere streicheln und mit ihnen herumtoben kann. Dabei reagieren die Tiere auf Bewegungen des Spielers und laufen zum Bildschirm, wenn sie gerufen werden.
Zig Dritthersteller wollen zum Start oder wenig später Tanz- und Fitnessspiele für Kinect anbieten. Diese Genres eignen sich für das System besonders gut, weil sie den kompletten Körper des Spielers scannen und dieser von keinem separaten Controller eingeengt wird. Besonders vielversprechend sah Ubisofts „Your Shape: Fitness Evolved“ aus, das bei den Aerobic-, Tai-Chi- und Kampfübungen die Körperhaltung des Spielers kontrolliert und ihn gegebenenfalls korrigiert. Guitar-Hero-Erfinder Harmonics will derweil mit MTV Games das Tanzspiel „Dance Central“ veröffentlichen, das Spieler Schritt für Schritt in komplexe Choreografien zu Stücken von Lady Gaga oder den Beasty Boys einführt. Ubisoft lässt das Tanzbein zum Ende des Jahres in einem Michael-Jackson-Spiel schwingen.
Abseits solcher besonders auf Kinder und Frauen abzielenden Party- und Aerobic-Spiele musste man ungewöhnliche neue Spielideen mit der Lupe suchen. Dabei zeigte etwa der Rez-Nachfolger „Child of Eden“ von Tetsuya Mizuguchi, wie man die controllerfreie Bedienung zu einem Fest der Sinne werden lassen kann. In dem für Anfang 2011 geplanten Musik-Rail-Shooter zielt der Spieler mit der Hand auf schwebende, neongrelle Organismen, während sich im Hintergrund ein immer dichterer Klangteppich aus Trance-Rhythmen aufbaut. Eden soll auch mit normalen Controllern steuerbar sein und ebenfalls auf der PS3 erscheinen. Unklar ist allerdings, ob es dort auch die am 15. September in Europa auf den Markt kommenden Move-Controller unterstützt.
Die Steuerung des ersten Prototyps der 3DS war noch gewöhnungsbedürftig. Sie soll bis zum Verkaufsstart spätestens Ende März aber noch verbessert werden.
Auch Sonys neue Leuchtfernbedienungen können sich vor Sportspielsammlungen und Tanzspielen (darunter Singstar Dance) kaum retten und bieten außer der höheren Präzision und HD-Grafik wenig, was man nicht schon von der Wii her kennen würde. Immerhin könnte das neu vorgestellte Action-Rollenspiel „Sorcery“, bei dem man einen Zauberstab schwingt und Blitze gegen Monster verschießt, im kommenden Jahr mit seiner intuitiven und doch präzisen Steuerungen geneigte Hardcore-Spieler für sich begeistern. Das kommende Weihnachtsgeschäft will Sony hingegen mit dem vielversprechenden „Little Big Planet 2“ und dem am 2. November auf den Markt kommenden „Gran Turismo 5“ bestreiten. Noch im Juni startet der kostenpflichtige Abo-Dienst Playstation Plus, bei dem Spieler für 50 US-Dollar pro Jahr neben den weiterhin kostenlosen Online-Partien vollwertige Download-Spiele, Demos sowie Add-ons laden und an Beta-Tests teilnehmen können.
Microsofts und Sonys Bewegungssteuerungen mögen zwar präziser sein und höher auflösen als die der Wii, allerdings werden sie auch deutlich mehr kosten, was viele Gelegenheitsspieler abschrecken wird. So verlangt Sony für ein Bundle aus Kamera, zwei Leuchtfernbedienungen und einer Sportspielsammlung 100 US-Dollar. Im Paket mit der PS3-Konsole werden gar 400 Dollar fällig – doppelt so viel wie für die Wii. Einzeln kosten die beiden Move-Fernbedienungen 30 und 50 Dollar.
Microsofts Kinect-Kamera (vormals Natal) eignet sich besonders für Tanz- und Fitnessspiele wie „Your Shape“, mit denen sich die Hersteller auf der E3 gegenseitig überboten.
Microsoft hat noch keine konkreten Preise genannt, die Ladenkette Gamestop nimmt für Kinect jedoch bereits Vorbestellungen für 150 Dollar entgegen. Das neue schwarz glänzende Xbox-360-Modell, welches hierzulande am 16. Juli erscheint, wird nicht im Preis gesenkt, sondern bleibt bei 250 Euro (300 US-Dollar) – auch hier dürfte das Kinect-Konsolen-Bundle etwa beim doppelten Preis der Wii landen. Sony und Microsoft werden mit ihren neuen Steuerungen also eher die Kinder, Freundinnen, Ehefrauen und Mütter der bereits vorhandenen meist männlichen Kundschaft erreichen, anstatt sich gänzlich neue Zielgruppen zu erschließen.
Kein Wunder also, dass Nintendo den Konsolenkrieg als gewonnen betrachtet und sich verstärkt für den Kampf gegen einen neuen, weitaus gefährlicheren Gegner rüstet: Apple. Mit zigtausend billigen Download-Spielen für iPod touch, iPhone und iPad droht der Konzern aus Cupertino den Japanern das Wasser auf dem Casual-Markt abzugraben.
Ubisoft zeigte sich experimentierfreudig und hüllte den Spieler im Rez-Nachfolger „Child of Eden“ in eine hypnotische neongrelle Umgebung ein. Gesteuert wird vor der Kinect-Kamera mit bloßen Händen oder am Standard-Controller.
Doch statt Apples Produkte zu imitieren, setzt Nintendo bei seiner neuen Handheld-Konsole 3DS auf einzigartige Merkmale, die das Gerät von der Konkurrenz unterscheiden. Die auf der E3 erstmals vorgestellte 3DS kann Spiele, Filme und Fotos ohne Brille stereoskopisch in 3D darstellen. Möglich macht es ein autostereoskopisches Display mit 3,5-Zoll-Diagonale und einer Auflösung von 800 x 240 Pixeln (400 x 240 pro Auge). Mit einem Schieber an der rechten Seite reguliert man den 3D-Effekt. Bei größter Tiefendarstellung verschwamm das Bild des auf der Messe gezeigten Prototyps leicht und die Darstellung wirkte etwas verpixelt. Aufgrund der abnehmenden Schärfe waren Details bei voller 3D-Einstellung schwerer zu erkennen, bei halber Tiefe wirkten viele Szenen angenehmer.
Die Konsole erweitert die Steuermöglichkeiten der DSi um ein analoges Pad, einen Beschleunigungssensor und ein Gyroskop. Letztere sollen beispielsweise eine einfache Steuerung der Kamera in Ego-Shootern ermöglichen, auf der E3 waren sie aber noch nicht einsatzbereit. Neben der Innenkamera sind auf der Rückseite des Geräts zwei Objektive für stereoskopische Fotos eingelassen, sodass die Konsole auch als 3D-Kamera funktioniert. Die Bildqualität ist für die geringe Auflösung von 640 x 480 Bildpunkten zwar in Ordnung, kann aber nicht mit der von Kompaktkameras konkurrieren.
Deus-Ex-Vater Warren Spector entwickelt für Disney das innovative Epic Mickey für die Wii. Mickey Mouse verändert mit Farbe und Verdünnung Objekte in der Spielwelt und hüpft zwischendurch in alten Slapstick-Cartoons umher.
Verbessert werden soll die WiFi-Anbindung mit WPA2-Verschlüsselung. Die 3DS tauscht im Hintergrund Online-Daten per WLAN aus und kann selbst im Standby Statistiken aus Online-Ranglisten laden, ohne dass der Spieler dies mitbekommt. 3DS-Spiele wie „Kid Icarus Uprising“, „3D Nintendogs + Cats“ oder ein neuer Titel der Metal-Gear-Solid-Reihe können aufwendiger gestaltet werden, weil ihre neuen vorbespielten Speicherkarten bis zu 2 GByte Platz bieten. Alte DS-Spiele sind ebenfalls zur 3DS kompatibel.
Erstmals arbeitet Nintendo mit den Hollywood-Studios von Disney, Warner und Dreamworks zusammen, die stereoskopische 3D-Versionen ihrer Animationsfilme für die 3DS veröffentlichen wollen. Ausschnitte aus „How to train your Dragon“ machten einen guten Eindruck – die 3DS ist unterwegs durchaus tauglich für 3D-Filme. Zwar nannte Nintendo noch keinen Preis für die neue Klappkonsole, sie solle aber 3D „für die Massen“ ermöglichen. Statt auf teuren Flachbildschirmen mit flimmernden Brillen könnte sich die dritte Dimension tatsächlich als erstes im Handheld-Bereich etablieren – womit die Japaner der Konkurrenz wieder einmal voraus wären.
(hag)
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