Leseprobe aus c't 1/13
Sven Hansen
All you can hear
Musikdienste für jeden Geschmack
Nie war die Auswahl größer: Wer auf der Suche nach dem passenden Online-Musik-Service ist, kann sich gleich zwischen einem Dutzend Anbietern entscheiden. Dabei lässt sich entweder die eigene Musiksammlung in die Cloud auslagern oder man nutzt eine Flatrate für den Zugriff auf Millionen von Titeln.
Wer ein Smartphone in der Tasche trägt, kann seinen MP3-Spieler eigentlich auch zu Hause lassen. Das Telefon lässt sich nicht nur wie ein MP3-Spieler vom PC aus mit Musik befüllen, sondern ermöglicht über entsprechende Apps den direkten Zugriff auf zahlreiche Musikdienste. Das nervige Synchronisieren der Musiksammlung am PC gehört damit der Vergangenheit an.
Drei der großen Namen in unserem Testfeld, Amazon, Apple und Google, legen den Schwerpunkt derzeit auf ihren jeweiligen Musikspeicher-Dienst. Sie ermöglichen dem Kunden das Auslagern der lokalen Musiksammlung ins Netz, sodass sie von allen mit dem Dienst verknüpften Geräten aus abrufbar ist. Um Speicherplatz und Upload-Zeit zu sparen, setzen sie Scan&Match-Techniken ein – Musik, die sich bereits auf den Servern der Anbieter befindet, wird automatisch erkannt und muss nicht extra hochgeladen werden.
Bei dem Gros der getesteten Musikdienste handelt es sich jedoch um Anbieter reiner Streaming-Flatrates. Bei Juke, Napster, Rara, Simfy, Spotify und Wimp gibt es den Katalogzugriff auf Millionen Titel gegen ein monatliches Entgelt. Deezer ergänzt dieses Angebot durch einen Speicherdienst für die eigene Musiksammlung, Microsofts Xbox Music integriert noch einen MP3-Shop. Rdio und Sonys Music Unlimited nehmen eine Sonderrolle unter den Streaming-Diensten ein: Die Flatrate wird hier noch jeweils durch einen Scan&Match-Dienst ergänzt.
Elefantenrennen
Amazon, Apple, Google, Microsoft und Sony – die fünf großen im Testfeld – nutzen die Musik-Services vor allem, um die Kundschaft noch stärker in ihr jeweiliges Marken-Ökosystem einzubinden. Wer zum Beispiel bei Amazon, Apple oder Google Musik kauft, findet sie automatisch im jeweiligen Online-Speicher gesichert und kann sie von anderen Orten aus abrufen. Sony wiederum verzahnt Musik Unlimited mit seiner gesamten Hardware-Palette: Der Dienst lässt sich auf der Spielekonsole PS3, einigen Walkman-Geräten, Blu-ray-Playern und Smart-TVs aus gleichem Hause nutzen.
Microsoft hat Xbox Music erst kürzlich mit dem Release des Betriebssystems Windows 8 gestartet. Der Dienst ist fester Bestandteil der Metro-Oberfläche und findet sich so vorinstalliert auf jedem künftigen Windows-System und Windows Phone. Derzeit kann man über Xbox Music Titel streamen und kaufen. Im nächsten Jahr soll ein Cloud-Service mit Scan&Match-Technik hinzukommen.
Ab in die Cloud
Den derzeit günstigsten Weg in die Cloud bietet zweifellos Google: Bis zu 20 000 Musiktitel lassen sich kostenlos ins Netz schieben – man muss allerdings eine Bezahlverbindung in Form einer Kreditkarte hinter sein Google-Konto legen. Das Hochladen erledigt man entweder mühsam über Google Play am Browser oder weitaus bequemer mit Googles Music Manager für Windows, Mac OS und Linux. Das Programm scannt vorgegebene Ordner nach Titeln, gleicht sie mit dem Katalog des Anbieters ab und lädt fehlende Titel automatisch hoch. Dabei lässt sich die Upload-Bandbreite auf Wunsch drosseln, sodass der PC auch während des Hochladens für andere Aufgaben im Internet zu gebrauchen ist.
Amazon und Google bieten spezielle Software an, um die lokale Musiksammlung in die Cloud zu hieven. Bei Apple übernimmt iTunes die Regie.
Bei Amazon und iTunes schlägt der Cloud-Service mit 25 Euro pro Jahr zu Buche. Amazon bietet immerhin einen kostenlosen „Schnupperzugang“ – jeder Kunde kann 250 Titel in den Cloud Player hochladen. Für den Jahresbeitrag steigt die Kapazität des Cloud Player Premium dann auf stattliche 250 000 Titel – bei iTunes Match liegt das Limit bei 25 000 Musikstücken. Die in den Download-Shops der Anbieter erworbenen Stücke zählen dabei nicht mit.
Apples Desktop-Software iTunes kümmert sich bei bestehendem Abo um das Befüllen der Cloud. Bei Amazon nutzt man hierfür den kostenfreien Amazon Music Importer (Windows und Mac OS). Die Aufgabe beschäftigt den Rechner so sehr, dass er kaum noch zum Surfen taugt.
Das Hochladen in die Cloud ist generell nichts für ungeduldige Zeitgenossen: Um eine Sammlung von mehreren tausend Titeln in die Wolke zu befördern, können Stunden oder gar Tage ins Land ziehen. Im Test brachte es iTunes Match auf Upload-Raten von rund 30 MBit/s, gefolgt von Amazon mit 19 MBit/s und Google mit 7,5 MBit/s. Für die meisten Kunden dürften solche Raten aber unerreichbar sein – mit 2 MBit/s Upload-Rate zählt man hierzulande schon zu den besser ausgestatteten DSL- oder Kabelkunden.
Grundsätzlich kann es durchaus von Vorteil sein, die Sammlung nur scheibchenweise hochzuladen, um etwaige Fehler gleich tilgen zu können. Alle drei Upload-Dienstprogramme erstellen Fehlerprotokolle, anhand derer man gescheiterte Upload- oder Match-Vorgänge erkennen kann.
Sind die Titel erst einmal online, ist oft noch ein wenig Feinschliff nötig, da sich doch nicht alle Titel zu Alben zusammengefunden haben oder Metainformationen nicht korrekt ausgewertet wurden. Wer eine umfangreiche Sammlung perfekt vertaggt in der Cloud haben will, sollte diverse Mannstunden am PC einrechnen. Während sich Musikdateien lokal noch halbwegs flott verwalten lassen, ist bei der Datenpflege der Cloud-Musik mehr Geduld gefordert.
Auf angemeldete Geräte lassen sich die Titel aus der Cloud wieder herunterladen, wobei gematchte Songs oftmals in besserer Qualität auf dem Rechner landen. Die Anbieter spielen die Musik jeweils in der in ihren Shops üblichen Qualität aus. Selbst wenn ein Album in der ursprünglichen Sammlung nur mit 128 kBit/s im MP3-Format vorlag, bekommt man es – so es denn gematcht wurde – mit der Shop-Qualität wieder zurück. Manch einer nutzt die Dienste daher auch, um seine durchmischte Musiksammlung zu „säubern“.
Amazons Cloud Player verteilt MP3-Dateien mit 256 kBit/s, Google music geht mit 320 kBit/s ans MP3-Limit. Beim Herunterladen von iTunes Match landen AAC-Dateien mit 256 kBit/s auf der Festplatte. Alle nicht erkannten Dateien kommen natürlich nur in der Bitrate zurück aus der Cloud, mit der man sie auf die Server überspielt hat.
Der Schwachpunkt der Cloud-Dienste besteht darin, dass sie die lokale Sammlung einfach nur ins Netz hieven, ohne dabei die ungeliebten Verwaltungsaufgaben zu minimieren. Schließlich will man Musik ja hören und sich nicht mit falschen Tags oder Cover-Bildern herumärgern.
Let’s stream
Genau in diese Bresche springen die Streaming-Dienste, indem sie einen bereits perfekt vertaggten Katalog von Millionen Titeln vorhalten. Sony und Rara haben mit 10 Millionen Titeln die kleinsten Kataloge – Microsoft mit 30 Millionen das größte Angebot. Nachzählen kann es ohnehin niemand – Schwächen oder Stärken der einzelnen Anbieter sind schwer auszumachen.
Auch preislich gibt es kaum Unterschiede. Meist sind zwei Tarife im Angebot: Der eine für die ausschließliche Nutzung am PC (5 Euro monatlich), der andere mit zusätzlicher Nutzungsmöglichkeit auf mobilen Endgeräten für 10 Euro monatlich. Passende Apps für Android und iOS sind Standard, einige Dienste sind auch auf weniger verbreiteten Plattformen wie Symbian, Blackberry oder Windows Phone nutzbar (siehe Tabelle). Windows Phone 8 hat Xbox Music vorinstalliert. Bei den Musikspeicherdiensten ist Google offiziell auf Android ausgerichtet, iTunes Match auf iOS, während Amazon auf beiden Hochzeiten tanzt.
Während die meisten Dienste für iOS spezielle HD-Versionen fürs iPad bieten, müssen sich Besitzer eines Android-Tablets oft mit der Version fürs Smartphone-Display begnügen. Einige Apps passen sich dabei zumindest so gut an, dass man vom größeren Display profitieren kann. Sony ist der einzige Anbieter, der den Android-Tablets eine eigene App spendiert – schließlich hat der Konzern mit seinem Xperia Tablet selbst ein solches Gerät im Angebot.
Spotify und Xbox Music kann man besonders einfach kennenlernen: Beide bieten auch einen Gratis-Zugang, in dem man eine begrenzte Anzahl von Titeln streamen kann, die dann noch von sporadischer Werbung zwischen den Tracks unterbrochen werden. Bei Spotify ist die Gratisnutzung auf zehn Stunden pro Monat beschränkt, zudem reduziert der Dienst die Audioqualität am PC. Microsoft belässt es bei Werbeeinblendungen, soll die monatliche maximale Nutzungsdauer allerdings nach einem halben Jahr ebenfalls einschränken. Auch für die Gratisnutzung muss man übrigens ein kostenloses Windows-Konto anlegen – Spotify verlangte ursprünglich ein Facebook-Login, gibt sich inzwischen aber wieder mit Nutzername und Passwort zufrieden.
Bis auf Rara bieten alle Dienste eine kostenlose Testphase an, die zwischen einer Woche und maximal einem Monat liegt. Oftmals muss man hierfür eine Bezahlverbindung in Form einer Kreditkarte oder einer Lastschriftvollmacht hinterlegen. Wer sichergehen will, dass der Test nur ein Test bleibt, sollte zudem gleich wieder kündigen, da die Testperiode sonst oft automatisch in ein Abonnement mündet. ...
(sha)








