Leseprobe aus c't 25/07
Die neue Generation bedienungsfreundlicher Internetplattformen und sozialer Netzwerke ist zum Wachstumsmotor der Online-Wirtschaft geworden. Außer Start-ups und kleinen Spezialisten mischen dabei auch große Firmen wie Google, Yahoo und Microsoft mit. Die Konkurrenten überbieten sich mit neuen, meist kostenlosen Diensten - den Nutzer freuts.
Anfangs belächelten etablierte Web-1.0-Anbieter die Community-Plattformen noch, auf denen Nutzer selbst für Inhalte sorgen. Einzelne Fehler etwa in der Wikipedia dienten als Beispiele für die Qualität solcher Angebote. Doch im Netz entscheidet die Masse - und die hat das Web 2.0 akzeptiert.
YouTube kam bereits im Mai auf 1,7 Milliarden Videoabrufe. MySpace verzeichnet eigenen Angaben zufolge bis zu 4,3 Milliarden Seitenabrufe pro Tag. Auch andere soziale Netzwerke und Plattformen für nutzergenerierte Inhalte verbuchen traumhafte Zugriffsraten. In Deutschland führte das Studentennetzwerk StudiVZ mit 4,5 Milliarden Seitenaufrufen im Oktober die Liste der IVW-geprüften Angebote an. Zum Vergleich: Die T-Online-Seiten landeten mit 2,6 Milliarden Aufrufen abgeschlagen auf Platz zwei.
Unter den Online-Werbern sorgen solche Zahlen eine wahre Goldgräberstimmung. Die Aussicht auf wachsende Budgets für Werbekampagnen auf erfolgreichen Websites hat in den vergangenen Monaten zu einem regelrechten Übernahmerausch geführt. So versucht Google seit April für gut drei Milliarden Dollar die Online-Werbefirma DoubleClick zu kaufen. Mitte Mai legte Microsoft rund sechs Milliarden Dollar für das Werbeunternehmen Aquantive auf den Tisch. Yahoo schließlich gab für zwei weitere Firmen aus der Werbebranche knapp eine Milliarde aus.
Das Web 2.0 hat die Online-Wirtschaft neu belebt - und die Branchenriesen wollen sich ihren Teil des Kuchens sichern. So versprach Google dem MySpace-Eigentümer Fox Interactive Media eine Erfolgsbeteiligung von bis zu 900 Millionen Dollar für einen lukrativen Werbevertrag mit der Website. Microsoft schmiedete Allianzen mit Digg.com und Facebook.com, Yahoo sicherte sich die Werbeflächen des MySpace-Konkurrenten Bebo.
Die meisten Surfer haben von diesen Werbe-Deals bisher kaum etwas mitbekommen. Sie profitieren aber vom Wettbewerb der großen Player, die Werbung an den Kunden bringen wollen. Mit dem Siegeszug des Web 2.0 sind die Zweifel daran gewichen, ob man Inhalte und Dienste auf Dauer kostenlos anbieten und über Werbung finanzieren kann.
Ob er will oder nicht, für den Normalsurfer führt kaum noch ein Weg vorbei am Web 2.0. So wurde die Fotoplattform Yahoo Photos Mitte September kurzerhand abgeschaltet - und das, obwohl sie mit rund zwei Milliarden gespeicherten Bildern eines der größten Angebote seiner Art im Netz war. Yahoo erklärte, sich ganz auf die Foto-Community Flickr konzentrieren zu wollen.
Yahoos Bekenntnis zum Web-2.0-Liebling Flickr stellt einen Paradigmenwechsel dar. Yahoo versuchte sich lange Zeit als klassischer Medienkonzern im Netz. Im Unterschied zu Google und Microsoft bemühte sich des Unternehmen schon früh darum, professionell erstellte und für gutes Geld erworbene Nachrichtenmeldungen, Musikinhalte und Videos an den Mann zu bringen. Zusammengehalten wurde all dies vom Yahoo-Portal, einer Art Insel in den Weiten des Web. Die Inhalte auf Flickr stammen hingegen von Nutzern und lassen sich problemlos auch auf Dritt-Websites einbinden.
Google betreibt mit YouTube den weltweiten Marktführer unter den Plattformen für von Nutzern erstellte Videos. Dort soll es bald Werbeeinblendungen geben, die sich als Layer über das eigentliche Video legen. Diese neue Form der Werbung wurde bereits ins Adsense-Programm aufgenommen. Der Erlös aus dieser Werbeform soll zwischen dem Adsense-Teilnehmer und dem Anbieter des Videos aufgeteilt werden.
Doch von Nutzern bereitgestellter Inhalt hat nicht nur ein gewaltiges Umsatzpotenzial, mit ihm sind auch erhebliche Risiken verbunden. So verklagte der Medienkonzern Viacom Google im März wegen angeblicher Urheberrechtsverletzungen durch YouTube-Videos auf eine Milliarde US-Dollar Schadensersatz. Weitere Klagen hagelte es von Musikverlegern, Journalisten und Fußballvereinen. Google hat deshalb angekündigt, urheberrechtlich bedenkliche Nutzer-Uploads automatisch auszufiltern.
Der Streit um die juristische Bewertung solcher Inhalte zeigt auch außerhalb des Google-Imperiums bereits erste Folgen. Microsoft unterbrach im März den Betatest seiner Soapbox genannten Plattform für von Nutzern eingestellte Videos. Soapbox öffnete im Juni wieder seine Pforten - mit einem Filter, der Verletzungen des Urheberrechts verhindern soll. Gemeinsam mit Microsoft haben sich Betreiber anderer Plattformen für nutzergenerierte Inhalte wie MySpace, Dailymotion und Veoh im Oktober mit großen US-Medienunternehmen auf einen Maßnahmenkatalog geeinigt.
Gerade Journalisten beurteilen Konkurrenz wie etwa die soziale News-Website Digg.com kritisch. Digg bietet seinen Nutzern seit Ende 2004 die Möglichkeit, sich per kollektiver Abstimmung ein eigenes Nachrichtenangebot mit Links zu Zeitungsartikeln, Blog-Einträgen und Videos zusammenbasteln. Das Rezept scheint zu funktionieren: Digg lockt monatlich nach eigenen Angaben mittlerweile mehr als 17 Millionen Besucher an.
Allem Kulturpessimismus zum Trotz sind es andererseits ausgerechnet klassische Medienunternehmen, die in solche Angebote investieren. So stammt das Startkapital des deutschen Digg-Klon Webnews vom Holtzbrinck Verlag - und das, obwohl Webnews sein Angebot lauthals als „Kampfansage an die klassische Tageszeitung“ bezeichnet. Das Digg-ähnliche News-Portal Reddit wurde vor einem Jahr gleich ganz von der Verlagsgruppe Condé Nast aufgekauft, die unter anderem das Wired-Magazin verlegt. Ein Grund für diese Partnerschaften: Viele Online-Publikationen haben entdeckt, dass ihnen Portale wie Digg viele neue Leser einbringen können - denen man Anzeigen präsentieren kann.
Die New York Times begann im September damit, all ihre Artikel inklusive ihres Archivs kostenlos im Web verfügbar zu machen. Rupert Murdoch denkt laut über ähnliche Schritte für die Online-Ausgabe des Wall Street Journal nach. Das Journal verzeichnet pro Jahr 30 Millionen Dollar Einnahmen von Online-Abonnenten. Murdoch geht davon aus, mit Werbung mehr verdienen zu können.
Während man bei der New York Times auf Links von außen setzt, wollen andere Medienkonzerne derartige Community-Elemente direkt in ihr Angebot einbinden. So hat die deutsche WAZ-Gruppe unter der Leitung der Bloggerin Katharina „Lyssa“ Borchert eine Online-Plattform eröffnet, die unter der Webadresse www.derwesten.de klassischen Lokaljournalismus mit Blogs und anderen Formen der Leserbeteiligung verbindet.
Doch nicht jedes Experiment in diese Richtung wird zum Erfolg. Selbst US-Netz-Giganten mussten erfahren, dass sich Communities nicht aus dem Hut zaubern lassen. So startete AOL vor gut einem Jahr unter der etwas angegrauten Domain Netscape.com ein eng an Digg.com angelehntes soziales News-Portal. AOL gelang es jedoch nicht, die Nutzer der ursprünglichen Netscape-Startseite dafür zu begeistern. Stattdessen hagelte es über Monate wütende Proteste. Im September entschloss man sich deshalb, Netscape wieder in ein traditionelles Portal mit Meldungen von Nachrichtenagenturen umzuwandeln.
Auch Google hat mit Communities traditionell Schwierigkeiten. Der Konzern ist als Suchmaschinenanbieter mit einem betont spartanischen und nutzwertorientierten Angebot zum von Börsianern verehrten Marktführer geworden. Entertainment und Community waren dagegen für Google lange Zeit Fremdwörter - ein Problem, das die Expansion in interessante Web-2.0-Märkte erschwert hat. So hat sich die Weblog-Plattform Blogger.com seit dem Aufkauf durch Google im Jahr 2003 kaum weiterentwickelt.
Auch im Bereich des sozialen Netzwerkens sind Googles Erfolge bisher eher durchwachsen. Kein gutes Händchen für Nutzergemeinschaften bewies der Konzern mit der vor rund zwei Jahren erworbenen SMS-Plattform Dodgeball.com. Dodgeball bietet Handynutzern die Möglichkeit, sich über Gruppen-SMS mit ihren Freunden kurz zu schließen und an vordefinierten Orten Nutzer mit ähnlichen Interessen zu finden. Das in New York gegründete Start-up schaffte es damit zwischenzeitlich, zum beliebtesten SMS-Dienst für ausgehfreudige College-Studenten zu werden.
Doch nach der Übernahme lag Dodgeball bei Google auf Eis. Eine Integration in die Google-Community Orkut oder eine Anbindung an Google Talk fand nie statt. Das Messaging-Start-up Twitter überholte den Dienst deshalb in den vergangenen Monaten mit Riesenschritten. Dodgeballs Gründer warfen schließlich im April ihre Jobs bei Google hin. Mitbegründer Dennis Crowley erklärte dazu auf seinem Weblog: „Die gesamte Erfahrung war für uns unglaublich frustrierend.“
Google indes fühlt sich von derlei Misserfolgen offenbar nicht in seinem Expansionsdrang gehemmt. Erst im Oktober ging das Unternehmen erneut auf Einkaufstour und erwarb das soziale Netzwerk Jaiku. Ob diese mit Orkut integriert werden soll, ist unklar. Jedenfalls hat Google Jaiku nach der Übernahme für Neuanmeldungen gesperrt.
Der Erfolg von Plattformen wie Digg beruht nicht zuletzt darauf, dass Nutzer das Web nicht mehr als statische Informationsquelle begreifen. Anstatt all ihre Zeit auf einem Nachrichtenportal zu verbringen, erstellen sie sich ihr eigenes News-Portfolio. Wachsende Bedeutung kommt dabei RSS-Feeds zu (siehe Seite 162 in c't 25/07). Während RSS anfangs nur von technikbegeisterten News-Junkies genutzt wurde, mausert sich die Feed-Technologie mittlerweile zum Massenphänomen.
Ein Grund dafür ist die wachsende Popularität dynamischer Startseiten, die das Abonnieren von News-Quellen über vorsortierte Feed-Kataloge vereinfachen. Zu den bekanntesten Vertretern dieser Ajax-Startseiten gehören die von Paris aus entwickelte Netvibes-Plattform und die ursprünglich in Deutschland gegründete, aber mittlerweile im Silicon Valley ansässige Firma Pageflakes. Beide Firmen bieten ihren Nutzern Zugriff auf tausende von Web-Widgets - Ajax- oder Flash-basierte Module, die direkten Zugriff auf Wetterberichte, Foto-Galerien und andere Info-Häppchen bieten. Nutzer können sich mit Hilfe dieser Widgets eine Art individuelle Schaltzentrale fürs Web zusammenbauen. Entwicklern bietet man zudem APIs zum Erstellen eigener Widgets (siehe Seite 166 in c't 25/07).
Google geht mit seinen Gadgets getauften Web-Widgets sogar noch einen Schritt weiter. Die Module des Suchmaschinenriesen lassen sich nicht nur auf der individualisierbaren iGoogle-Startseite nutzen, sondern auch auf Blogs und anderen persönlichen Webseiten. Dank einer offenen Schnittstelle für Drittentwickler hat Google mittlerweile mehr als 10 000 Web-Widgets im Angebot.
Viele dieser Widgets sind nicht mehr als schicke Spielereien. Google nimmt sein Engagement in diesem Bereich trotzdem ernst: Über die Widgets ist es dem Konzern möglich, mit den eigenen Diensten direkt auf den Websites seiner Nutzer präsent zu sein. Google begann im September damit, Widgets testweise mit Werbung zu kombinieren. Langfristig könnte dies zu einer Ergänzung der omnipräsenten Adsense-Textanzeigen werden.
(ad)
Den vollständigen Artikel finden Sie in c't 25/2007.
| "Nutzwert im Netz" | |
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| Web 2.0: Eine Erfolgsgeschichte | S. 148 |
| Beziehungsnetze: Kontakte knüpfen online | S. 156 |
| Blogs: Meinungsmacher und Impulsgeber | S. 162 |
| Widgets: Universelle Programmierschnittstelle | S. 166 |
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