Analyse: Erdbeben im Linux-Markt

Wissen | Hintergrund

Oracle wird zum Red-Hat-Konkurrenten, Microsoft und Novell kooperieren in Sachen Linux. Was sind die Motive der Unternehmen, und welche Folgen haben die Ankündigungen für den Linux-Markt?

Binnen weniger Tage haben sich zwei ganz Große des IT-Markts ins Linux-Business gestürzt. Oracle positioniert sich als neuer Linux-Anbieter – und geht direkt zum Frontalangriff auf Red Hat über: Sein Unternehmen, so Oracle-Chef Larry Ellison, liefere besseren und billigeren Support als der Marktführer in Sachen Unternehmens-Linux (siehe Artikel Oracle will den Linux-Markt aufrollen).

Microsofts Verhältnis zu Linux ist nach Jahren konsequenter Ablehnung – erst Ignorieren, dann Verdammen, in den letzten Jahren Bekämpfen – in eine neue Phase eingetreten: Die Kooperation zwischen Microsoft und Novell adelt Suse Linux als favorisierte Linux-Distribution der Redmonder, bei der die Redmonder nicht nur für Interoperabilität mit der eigenen Platform einstehen, sondern der sie auch gleich eine Garantie auf Schutz vor eigenen Patentansprüchen mitgeben (siehe Artikel Was die Kunden wollen – Microsoft und Novell kooperieren).

Was hat das alles zu bedeuten?

Zunächst einmal werten diese beiden Initiativen die Bedeutung von Linux im Unternehmen kräftig auf. Wenn ein Platzhirsch im Bereich der Unternehmenssoftware wie Oracle zum Linux-Anbieter wird und kurz darauf der Softwarehersteller (und Linux-Gegner) Nummer eins sich mit einen Kooperationspartner aus dem Linux-Business einlässt, hat das natürlich Signalwirkung.

Und es ist gut für Linux-Anwender. Ein neuer Linux-Anbieter vom Kaliber Oracle mit seinen vielen Jahren Erfahrung mit Unternehmenssoftware belebt den Markt. Eine bessere Interoperabilität zwischen den Systemwelten, wie sie Microsoft und Novell versprechen, dürfte dem geplagten Admin in den heterogenen Umgebungen, wie sie heutzutage in größeren Unternehmen die Regel sind, höchst willkommen sein.

Aber was sind die Motive der Unternehmen? Und wie wird sich der Linux-Markt dadurch verändern?

Oracle ringt derzeit um eine Neupositionierung weg vom Datenbanken-Fachidioten hin zu einem breit aufgestellten Applikationsanbieter. Die Akquisitionen von Unternehmen wie Siebel, Peoplesoft, Retek, ProfitLogic und anderen sind allerdings noch lange nicht verdaut; der Versuch, sich als SAP-Konkurrent aufzubauen, macht keine erkennbaren Fortschritte. Gleichzeitig steht das Unternehmen in seinem angestammten Geschäft durch Open-Source-Datenbanken wie MySQL und PostgreSQL zunehmend unter Druck von unten.

Es ist schwer erkennbar, wie eine neue Baustelle – das Betriebssystemgeschäft – diese Probleme lösen soll. Sicherlich werden viele Anwender, bei denen Oracle auf Linux läuft, froh sein, Datenbank und Betriebssystem aus einer Hand zu beziehen. Ob es jedoch zu einem massenhaften Überlauf der Linux-Anwender im allgemeinen kommt? Seine spezifische Linux- und Betriebssystemkompetenz muss der Datenbankgigant erst einmal unter Beweis stellen. Aber vielleicht will Oracle in Zukunft auch einfach kleinere Brötchen backen: eine Datenbank-Appliance aus Unbreakable Linux und einer abgespeckten Oracle-Version als Konkurrenzangebot zu MySQL und Co.

Vielleicht geht es Ellison aber auch nur darum, Red Hat übernahmereif zu schießen und den Linux-Distributor samt JBoss billig einkaufen zu können – schon vor der Übernahme von JBoss durch Red Hat gab es Vermutungen, Oracle sei an dem Middleware-Hersteller interessiert.

Weniger nebulös ist das Motiv von Novell für die Kooperation mit Microsoft: Marktanteile steigern. Wenn Microsoft seinen Kunden den Suse Linux Enterprise Server empfiehlt, ist das schon fast ein neuer Vertriebspartner. Auch das Versprechen besserer Kooperation mit Windows-Systemen ("das beste Linux für gemischte Umgebungen") und die gegenseitige Freistellung von Patentansprüchen ("mehr Sicherheit") können als Verkaufargumente dienen.

Zudem propagiert Novell seit der Übernahme von Suse sein "Mixed-Source"-Paradigma – das Nebeneinander von Open Source und proprietärer Software (von der Novell ja noch einiges im Angebot hat). Da passt eine Kooperation mit dem größten proprietären Softwareanbieter ganz prima: Auch wenn alle Welt von Open Source spricht, beweist Novell, dass man weiterhin dem Denken der proprietären Welt verhaftet ist. Patentabkommen, Lizenzzahlungen, technische Kooperationen... das ist der traditionelle Weg im Softwaregeschäft.

Am meisten gerätselt haben wir aber, was sich Microsoft von dem Deal verspricht. Eine Antwort, wenn Kunden nach Linux fragen? ("Klar, nehmen Sie doch das gute Suse Linux von Novell, mit denen arbeiten wir eng zusammen.") Derzeit schadet Linux Microsoft ja viel weniger durch tatsächliche Migrationen von Windows zu Linux als durch die Drohung damit: Manches Unternehmen hat mit der Linux-Karte schon günstigere Lizenzbedingungen bei Microsoft rausgehandelt.

Nicht zu Unrecht dürfte Microsoft in der Realität der heterogenen Umgebungen befürchten, immer mehr Kunden ganz an die Open-Source-Welt zu verlieren, wenn man auf die Linux-Frage keine Antworten hat außer seiner "Windows ist besser"-Botschaft. Als Windows- und (indirekter) Linux-Anbieter sitzt man, wann immer eine Plattformentscheidung ansteht, von Anfang an mit am Tisch – und kann, wenn ein Anwender partout Linux einsetzen möchte, beispielsweise einen virtualisierten SLES unter Windows ins Spiel bringen, statt den Kunden womöglich ganz an Red Hat zu verlieren.

Und sicher haben auch politische Überlegungen eine Rolle gespielt: Durch das Versprechen, Projekte wie Samba nicht mit Patentklagen zu verfolgen, kommt man den Forderungen der EU nach mehr Wettbewerb im Servermarkt entgegen. Novell dürfte aufhören, die EU-Kommission mit Material gegen den neuen Partner zu versorgen und zukünftig auf eigene Verfahren wegen Wettberwerbsbehinderung verzichten.

Und, nicht zu vergessen: Mit dem Patentabkommen hat Novell als erster großer Linux-Anbieter Microsofts Vorstellungen vom Umgang mit geistigem Eigentum akzeptiert – jetzt, wo SCOs Feldzug gegen Linux kurz vor dem Scheitern steht. Firmen wie Palamida und Black Duck, die sich auf das Klären von Fragen des geistigen Eigentums bei Open Source und proprietärer Software spezialisiert haben, wittern bereits Morgenluft.

Microsofts aggressive Reaktionen gegen Linux in der Vergangenheit waren nicht zuletzt darin begündet, dass Open Source dem Microsoftschen Businessmodell – Geld mit Software-Lizenzen verdienen – ganz fundamental entgegensteht. Nun zahlt Novell einen prozentualen Anteil seines Umsatzes mit Open-Source-Software als Lizenzgebühr an Microsoft. (Details hierzu wollen die Unternehmen allerdings erst in den nächsten Wochen in Börsenmitteilungen offenlegen.) Ist das das Ende der großen Open-Source-Freiheit?

Letztlich richtet sich sowohl die Initiative von Oracle als auch das Microsoft-Novell-Abkommen in erster Linie gegen Red Hat: Oracle attackiert den Open-Source-Anbieter ganz direkt, Microsoft indirekt durch die Stärkung des wichtigsten Konkurrenten Novell. Rechnet man Oracle und Microsoft der traditionellen proprietären Welt zu und nimmt Red Hat als wichtigsten Vertreter der "reinen" Open-Source-Lehre im Markt, dann erleben wir gerade die Vereinnahmung von Linux durch das traditionelle Software-Geschäft – das, was viele Open-Source-Entwickler und -Nutzer immer wieder als Menetekel an die Wand malten.

Mit Oracles Vorgehen – man schnappe sich eine fertige Distribution und vertreibe sie unter neuem Namen mit der eigenen Marktmacht zum halben Preis – bläst zudem ein rauherer Wind durch die Open-Source-Welt. Oracle zeigt, wie leicht sich ein gängiges Open-Source-Businessmodell – Finanzierung von Entwicklungskosten über Support – aushebeln lässt: Man überlässt die Entwicklung jemand anderem und kann den Support billiger anbieten. Ob dieser Ansatz auf Dauer trägt und womöglich Schule macht, wird sich zeigen. (odi)

Infos zum Artikel

Kapitel
  1. Datenbank in a box
  2. Mit dem Segen von Microsoft
  3. Politik
  4. Proprietäre und Open-Source-Software
Anzeige

Anzeige

Anzeige