Archäologie der Zukunft

Vom unvermeidlichen Kontrollverlust im Web 2.0

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Datenschutz stellt nur noch ein Rückzugsgefecht dar, auf den sich keine Zukunft im Netz bauen lässt. "Wir wissen so wenig von der Datentechnik der nächsten fünf Jahre, wie Tutenchamun von der heutigen wusste."

Michael Seemann ist Blogger und Kulturwissenschaftler und lebt im Internet und in Berlin.

Wenn die wachsenden Datenberge nur das einzige Problem wären. Ebenso wie die Informationshalden wachsen die Möglichkeiten zu ihrer Verknüpfung, verliert der Datenurheber mehr und mehr die Kontrolle. Die Lupe war eines der wichtigsten Utensilien von Arthur Conan Doyles kriminalistischen Helden Sherlock Holmes. Portabel und jederzeit einsetzbar, diente sie ihm im täglichen Kampf für die Wahrheit. Denn Spuren gibt es immer, wenn etwas passiert, man muss sie nur lesen können. Die Lupe macht das eben noch Unsichtbare sichtbar. Nun gehören zu den forensischen Verfahren der modernen Kriminalistik Cäsiumzerfallsbestimmung und Rasterelektronenmikroskopie. Techniken, die den Tatort in eine Halde voller Daten verwandelt haben.

Mit dem Staubsauger werden heute die kleinsten Partikel eingesammelt, um sie im Labor nach Hautschuppen, Textilverunreinigungen und Schmauchspuren zu untersuchen. Die Mengen an genetischem „Material“, das die Labore zur Identifizierung benötigen, werden dabei immer geringer. Aus den gewonnenen Daten können heute Tatabläufe exakt nachvollzogen werden. Wie sehr hat der Täter geschwitzt, während er den Abzug drückte, wann hörte das Herz des Opfers auf zu schlagen? Bitte mit Minutenangabe.

Was uns an Krimis aber am meisten fasziniert, ist nicht nur der Einsatz überlegener forensischer Technik, sondern vor allem die logische Kombinationsgabe der Protagonisten. Die Technik und die kalte Rationalität des kriminalistischen Geistes machen die Faszination der Kriminalromane aus: beispielsweise wie Holmes unscheinbare Details in den Aussagen mit scheinbar nebensächlichen Beobachtungen an den Tatorten kombiniert und so die logischen Inkonsistenzen in den Alibis der Verdächtigen identifiziert. Erst in der Kombination der jeweils für sich stehend unscheinbaren Puzzleteile eines Falls, werden die Daten zu mächtigen Zeugen der Anklage.

Während die Lese- und Messinstrumente immer besser wurden, hat sich auch die Kombinatorik technisch weiter entwickelt. Als Ted Codd mit seinem Team die Relationale Datenbank entwickelte, hatte er zunächst im Sinn, die Benutzbarkeit von Datenbanken aus den Händen der IT-Experten zu nehmen, um sie denjenigen in die Hand zu geben, die sie wirklich brauchen: Wissenschaftler, Manager und Verwaltungsangestellte. Dazu führte er mit SQL eine Abfragesprache ein, mit der jeder beliebige Anwender eine dem Englischen entlehnte Syntax zur Verfügung hatte, um selbst komplexeste Abfragen zu formulieren.

Um eine „vorrelationale“ Datenbank benutzen zu können, musste man sich nicht nur mit den kryptischen Befehlssätzen dieser Systeme, sondern auch in den meist sehr komplizierten, hierarchischen Baumstrukturen ihres Aufbaus auskennen. Relationale Systeme sind anders organisiert: Die Ordnung der Daten wird hier erst während der Abfrage geschaffen. Zur Zeit der Speicherung lagern die Daten eher ungeordnet als bedeutungslose Entitäten in den Tabellen. Mit SQL kann man nun bestimmen, welcher Datensatz, kombiniert mit welcher Eigenschaft, gefiltert durch welche Einschränkung in welchem Format ausgeben werden soll. Die Ordnung und damit die Bedeutungsgenerierung emanzipiert sich vom Zeitpunkt der Speicherung und steht im Moment der Abfrage voll zur Verfügung.

Diese Umkehr der Interpretationsmacht verwandelt einen Datensatz in mehr als eine Ansammlung von Zeichen. Ein Datensatz wird zu einem tendenziell unendlichen Möglichkeitsfeld von neuen Kombinationen mit anderen Datensätzen. Wie Sherlock Holmes durch seine geschickte Kombinatorik den Täter als „Autor des Tatorts“ um seine Deutungshoheit bringt, so entmachtet SQL den Zeitpunkt der Speicherung zugunsten seiner Abfrage in der Zukunft. Datensätze, auch wenn sie heute für einen bestimmten Zweck angelegt werden, tragen immer die Möglichkeit in sich, schon morgen durch Verknüpfung mit neuen Daten ganz andere Aussagen zu treffen.

Die Entwicklung der forensischen Kriminalistik sowie ihrer geheimen Schwesterwissenschaft, der Archäologie, führt so weit, dass vor ein paar Jahren ein sehr alter Mordverdacht widerlegt werden konnte. Der Tod Tutenchamuns war ein vermeintlicher Mordfall, der zur Zeit seines Todes und die folgenden 3300 Jahre nicht geklärt werden konnte. Die Todesursache entpuppte sich als Unfall; der Versuch, die Umstände seines Todes mit heutigen Mitteln noch einmal nachzuvollziehen, ist der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die heute weit über das archäologische und kriminalistische Feld hinaus führt.

Der Vergangenheit wird nicht mehr gestattet, vergangen zu sein, sondern sie wird mit jedem Tag aktueller denn je. Aktueller, das heißt: unmittelbar versteh- und analysierbarer – mehr noch als zu ihrem damaligen „Jetzt“. Ein „Jetzt“ von vor über 3300 Jahren, dass aber „unserem“ Jetzt in nichts mehr nachsteht, denn wir wissen so wenig von den Datentechniken der nächsten fünf Jahre, wie Tutenchamun von den heutigen wusste.

Goggles, eine Applikation für Android-Telefone, kann durch die Kamera des Handys Formen und Muster erkennen. Richtet man die Kamera auf einen Baum, erkennt sie einen Baum, richtet man sie auf ein Produkt, werden Produktinformationen eingeblendet. Die Gesichtserkennung ist derzeit noch von Google deaktiviert. Solche Algorithmen sind allerdings bereits in Apples iPhoto und in Googles Online-Fotodienst Picasa integriert: Wenn man das Gesicht eines Freundes in seinen persönlichen Alben erst einmal oft genug „getaggt“ hat, erkennt der Algorithmus das Gesicht auf allen weiteren Fotos wieder. Die Technik ist noch verbesserungswürdig, macht aber große Fortschritte.

Wer weiß schon, wie viele Fotos von ihm selbst im Netz existieren? Auf Gruppenfotos von Partys, als zufälliger Passant auf der Straße? Wie viele Bilder von uns in derzeit noch nicht öffentlich einsehbaren Fotoalben und Archiven schlummern und wie lange es wohl dauert, bis auch sie vom Internet verschlungen werden, oder auftauchen, weil zum Beispiel Facebook seine Privatsphäreneinstellungen „angepasst“ hat? Wer – selbst unter den Internetverweigerern – würde sich eine Einschätzung wohl zutrauen?

Wir haben die Kontrolle verloren. Auch wenn wir heute davon nichts wissen wollen und unsere Minister erboste Briefe an Facebook schreiben und einige von uns meinen, dass ausgerechnet unsere Hausfassade das letzte Residuum unserer Privatsphäre bleiben soll. Auch der Glaube, man könne sich dem entziehen, indem man sich mit dem Internet nicht beschäftigt, ist ein Trugschluss. Das Reden über die Welt lagert sich in das Internet aus. Ist man Teil der Welt, dann wird man Teil des Internet sein.

Die stetige Erfindung von neuen Mess- und Lesetechniken als auch die ständig wachsenden Möglichkeiten zur relationalen Verknüpfung von Datensätzen katapultieren all das, was wir vernünftigerweise heute als Daten verstehen können, in eine ungewisse Zukunft. Weder wissen wir heute, was morgen Daten sein werden, noch wissen wir, was Daten von Heute schon morgen aussagen können.

Die Idee des Datenschutzes konzentriert sich darauf, welche Daten heute gelesen und entziffert werden können. Wenn man weiß, welche Daten von einem selbst existieren und was sie aussagen, kann man versuchen, den Zugriff darauf zu kontrollieren. Die informationelle Selbstbestimmung, wie sie das Bundesverfassungsgericht eingeführt hat, räumt jedem das Recht ein, über den Zugang zu seinen Daten bestimmen zu dürfen. Auch wenn schon damals bekannt gewesen sein dürfte, dass sich Mess- und Analysemethoden verbessern, dass es Techniken zur Verknüpfung von Daten gibt – der Horizont, innerhalb dessen Daten das blieben, was sie zur Zeit der Speicherung waren, sah noch recht solide aus. Wir glaubten noch zu wissen, dass eine Spur zu hinterlassen und sogar einen „Write“ in eine Datenbanktabelle auszuführen, ein endgültiger Vorgang sei, der das Feld seiner Interpretation von vornherein absteckt. Aber wir haben uns geirrt. Die Spuren werden zu Daten und die Daten sind lebendig, übermorgen noch viel lebendiger als morgen.

Es geht also nicht um neue „Herausforderungen“ des Datenschutzes. Datenschutz ist konzeptionell implodiert. Es ist sinnlos, auf dieser Ebene weiter zu denken. Die Zahnpasta wird nicht in die Tube zurückgehen, egal wie man sich müht. Das heißt natürlich nicht, dass man jetzt alle Hüllen fallen lassen sollte. Datenschutz ist ein derzeit noch notwendiges Rückzugsgefecht, das – aller Hilflosigkeit zum Trotz – noch geschlagen werden muss. Jedoch ist es weder ratsam, sich darauf zu verlassen, noch eine Zukunft darauf zu bauen.

Notwendig sind neue gesellschaftliche und kulturelle Infrastrukturen, um mit der neuen Freizügigkeit umgehen zu können. Träte die Gesellschaft in einer solchen Zukunft mit denselben Ansprüchen an das Individuum heran wie bisher, zerriebe sie sich in Konflikten. Mit dem technischen Wandel wird ein kultureller Wandel kommen müssen. Statt alles verstehen und nachvollziehen zu wollen, müssen wir toleranter werden gegenüber den nicht länger privaten Eigenheiten unserer Mitmenschen. (jk)

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