Die „Deutsche Innovationsinitiative Nanotechnologie“ konzentriert die Mittel zur Projektförderung in der Nanotechnologie künftig auf so genannte „Leitinnovationen“. Die Bundesforschungsministerin hat dabei vor allem die Automobilbranche, die optische Industrie sowie die Pharma- und Medizintechnik im Visier.
Mit dem neuen Programm „Nanotechnologie erobert Märkte - Deutsche Zukunftsoffensive für Nanotechnologie“ will Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn die im Dezember von Bundeskanzler Gerhard Schröder gestartete Innovationsinitiative mit Leben füllen. Zum Start des Programms stellte sich die Ministerin den Fragen von c't.
c't: Frau Bulmahn, worum geht es in der „Deutschen Zukunftsoffensive für Nanotechnologie“?
Edelgard Bulmahn: Für viele in Deutschland wichtige Industriebranchen hängt die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit ihrer Produkte auch von der Erschließung der Nanotechnologie ab. Konkurrenzfähigkeit wird zunehmend durch die Faktoren Innovation und Technologie bestimmt, sodass auch die Nanotechnologie einen deutlichen Einfluss auf die Arbeitsmärkte des 21. Jahrhunderts erwarten lässt.
|
Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn stellt für die Nanotechnologie-Förderung von 2004 bis 2007 rund 200 Millionen Euro zur Verfügung; die Mittel werden auf so genannte Leitinnovationen in der Automobilbranche, der optischen Industrie sowie der Pharma- und Medizintechnik konzentriert. |
Mit der Neuausrichtung der Nanotechnologieförderung des Bundesforschungsministeriums sollen die Anwendungspotenziale der Nanotechnologie durch Leitinnovationen erschlossen werden. Diese sind an den Wertschöpfungsketten der für die am Standort Deutschland wichtigen Industriebranchen ausgerichtet. So wollen wir die Position Deutschlands als Exportweltmeister durch Entwicklung, Produktion und Anwendung von Nanoprodukten zukunftssicher machen. Ausgangspunkte bilden dabei die in Deutschland gut ausgebaute und weltweit konkurrenzfähige wissenschaftlich-technische Grundlagenforschung und auch die bisherige BMBF-Förderung.
c't: NanoMobil, NanoFab, NanoForLife, NanoLux - die Projekte in Ihrem Programm klingen nach altem Wein in neuen Schläuchen. Ist die Nanotechnologie nur ein Schlagwort, mit dem bisherige Förderprogramme neu verpackt werden?
Bulmahn: Das Rahmenprogramm Nanotechnologie fasst bereits Bestehendes, das erfolgreich ist, mit ganz Neuem zusammen. „NanoFab“ zum Beispiel setzt unsere erfolgreiche Förderung der Nanoelektronik fort. Damit wollen wir die internationale Spitzenposition Deutschlands in der Lithographie sichern und Dresden als deutsches Silicon Valley weiter ausbauen. Einige Projekte sind also schon auf den Weg gebracht, andere Vorhaben unter dem Dach „NanoFab“ werden noch vorbereitet.
Ganz neu sind „NanoMobil“ und „NanoForLife“. Die Leitinnovation im Automobilbereich zielt unter Nutzung von nanotechnologischem Know-how für neue Funktionen auf die Optimierung von Umweltverträglichkeit, Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit ab. „NanoForLife“ hat das Ziel, durch verstärkten Einsatz von Technologien und Erkenntnissen aus den Bereichen Nanomaterialforschung und Nanobiotechnologie einen entscheidenden Beitrag für die Gesundheit der Menschen zu leisten.
„NanoLux“ wurde zwar bereits im Januar dieses Jahres öffentlich bekannt gemacht, gehört aber zu den neuen Ansätzen. Für eine Anzahl innovativer Lichtanwendungen sind effiziente Strahlquellen auf Halbleiterbasis zwar bereits heute im Einsatz. Aber diese Technologie birgt mehr Potenzial, und genau das will „NanoLux“ erschließen: Dabei geht es um den Einsatz dieser Technologie als allgegenwärtige, effiziente, kompakte und insbesondere energiesparende Beleuchtungsquelle.
c't: Welche Mittel stellen Sie dafür zu Verfügung?
Bulmahn: Im Zeitraum von 2004 bis 2007 stehen für die vier Leitinnovationen insgesamt rund 200 Millionen Euro zur Verfügung. Im einzelnen sind das für „NanoMobil“ 33 Millionen Euro, „NanoLux“ 16 Millionen Euro, „NanoForLife“ 20 Millionen Euro und für „NanoFab“ 130 Millionen Euro.
Die gesamten öffentlichen Aufwendungen zur Förderung der Nanotechnologie in Deutschland belaufen sich im Jahr 2004 voraussichtlich auf knapp 300 Millionen Euro. Für die Bundesregierung hat diese wichtige Zukunftstechnologie bereits heute Vorrang. Allein die im Rahmen der Projektförderung des BMBF jährlich bereitgestellten Fördermittel von rund 100 Millionen Euro konnten seit 1998 fast vervierfacht werden. Wir dürfen uns auf diesen Lorbeeren aber nicht ausruhen. Ziel ist es, für den Haushalt 2005 der Nanotechnologie eine deutliche Priorität zu geben.
c't: Die Automobilbranche und die Pharmaindustrie können ihre Forschung leicht selbst finanzieren. Wäre es nicht sinnvoller - wenn die Anwendungen der Nanotechnologie schon subventioniert werden sollen -, die knappen Mittel auf innovative Kleinunternehmen und Start-ups zu konzentrieren?
Bulmahn: Zur Automobilbranche zählen nicht nur die wenigen großen Hersteller, sondern auch eine Vielzahl von Zulieferern und anderen höchst innovativen kleineren und mittleren Unternehmen. Diese innovativen KMU sind ein wesentlicher Adressat der Fördermittel des BMBF im Bereich Nanotechnologie.
Ziel der Forschungspolitik ist, durch Innovationen Wachstum und Beschäftigung zu schaffen. Dazu ist es allerdings erforderlich, dass die gesamte Wertschöpfungskette - von der Grundlagenforschung bis zur Bereitstellung von Produkten am Markt und deren späterer Anwendung - in den Blickpunkt der Betrachtung gerückt wird. Forschungseinrichtungen und die mittelständisch strukturierte Zulieferindustrie brauchen die frühzeitige Kooperation mit den international agierenden Automobilherstellern, denn diese verfügen über das für den Erfolg von Innovationen wichtige System-Know-how. Sie setzen Standards und sie sind es zusammen mit den Käufern, die letztendlich entscheiden, was in das System Auto integriert wird und was nicht.
Zum Standortvorteil gehört in Deutschland eben auch die Präsenz der Automobilhersteller und die Bedeutung Europas als Lead-Market. Auf diese Stärken muss die Forschungsförderung aufbauen und dies bedeutet im Interesse der KMU: Es dürfen keine Zäune aufgebaut werden. Vielmehr gilt es, verschiedene Stärken aus Wissenschaft und Wirtschaft insgesamt in Projekten zusammenzubringen. Darüber hinaus wird das BMBF mit der Förderaktivität „NanoChance“ gezielt Forschungsprojekte fördern, die Unternehmensgründungen stabilisieren, und zu diesem Zweck bereits gegründeten Unternehmen in der Frühphase Unterstützung bieten, sich auf den Märkten zu etablieren.
c't: Die Brücke zwischen Hochschulforschung und industriellen Anwendungen zu schlagen, ist im deutschen Wissenschaftssystem traditionell Aufgabe der Fraunhofer-Gesellschaft. In der Nanotechnologie ist die FhG bei der angestrebten Erschließung von „Anwendungspotenzialen für den Wirtschaftsstandort Deutschland“ jedoch nicht federführend. Fördern Sie mit den neuen Nanotechnologie-Kompetenzzentren eine Konkurrenzveranstaltung?
Bulmahn: Nein, denn einige Fraunhofer-Institute sind selbst Akteure im gesamten Netzwerk neben anderen Akteuren aus dem Universitätsbereich, anderen Forschungsinstituten, Großunternehmen, kleinen und mittleren Unternehmen sowie Finanzdienstleistern, Beratern und Verbänden.
c't: Nanopartikel, die kleiner sind als Viren, können ungehindert in lebende Zellen eindringen. Das lässt sich zwar zum Transport medizinischer Wirkstoffe nutzen, birgt aber auch Gefahren, wenn sich auf diesem Wege toxische Substanzen unkontrolliert verbreiten. Spielt die Klärung der Risiken gegenüber der Wirtschaftsförderung nur eine untergeordnete Rolle?
Bulmahn: Wir nehmen die denkbaren Risiken sehr ernst. Deshalb sind dazu vom Bundesforschungsministerium frühzeitig Studien in Auftrag gegeben worden. Eine Studie soll empirisches Datenmaterial liefern, um eine erste wissenschaftliche Bewertung der Nachhaltigkeit, insbesondere der ökologischen Chancen und Risiken der Nanotechnologie, zu ermöglichen. In einer anderen Studie werden die Auswirkungen im Gesundheitsbereich als einem potenziellen Anwendungsfeld der Nanotechnologie untersucht, das heißt Anwendungen der Nanotechnologie in Diagnose und Therapie, einschließlich der Gesundheitsökonomie. Über diese Studien hinaus suchen wir den intensiven Dialog mit Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. (jk)
[#anfang Seitenanfang]
Seit 1998 hat das Bundesforschungsministerium (BMBF) den Aufbau von Kompetenzzentren auf dem Gebiet der Nanotechnologie betrieben. Aus den mittlerweile neun Zentren an Hochschulen und Instituten sind nach Angaben des Ministeriums mehr als 40 Firmengründungen erfolgt. Insgesamt gibt es etwa 400 bis 500 Unternehmen mit Bezug zur Nanotechnologie in Deutschland.
Mit den jetzt in enger Abstimmung mit Branchenvertretern konzipierten vier Leitinnovationen „NanoMobil“ (Automobilanwendungen), „NanoForLife“ (Pharmazie und Medizin), „NanoLux“ (Beleuchtungstechnik) und „NanoFab“ (Elektronik) will das Ministerium die Projektförderung auf Verbundvorhaben der Wissenschaft mit den wichtigsten Industriezweigen konzentrieren.
| Nanotechnologieförderung in Deutschland | ||||||||||
| 2002 | 2003 | 2004 | 2005 | |||||||
| BMBF Projektförderung | 73,9 | 88,2 | 123,8 | 129,2 | ||||||
| BMWA Projektförderung | 21,1 | 24,5 | 24,5 | 23,7 | ||||||
| Institutionelle Förderung | 143,1 | 144,2 | 144,8 | 145,4 | ||||||
| davon: | ||||||||||
| Deutsche Forschungsgemeinschaft | 60,0 | 60,0 | 60,0 | 60,0 | ||||||
| Wissensgemeinschaft G.W. Leibniz | 23,7 | 23,6 | 23,4 | 23,5 | ||||||
| Helmholtz-Gemeinschaft | 38,2 | 37,1 | 37,4 | 37,8 | ||||||
| Max-Planck-Gesellschaft | 14,8 | 14,8 | 14,8 | 14,8 | ||||||
| Fraunhofer-Gesellschaft | 4,6 | 5,4 | 5,2 | 4,9 | ||||||
| Caesar | 1,8 | 3,3 | 4,0 | 4,4 | ||||||
| gesamt (Mio. Euro) | 238,1 | 256,9 | 293,1 | 298,3 | ||||||
(Quelle: BMBF)
Version zum Drucken | Per E-Mail versenden | Heft bestellen
Permalink: http://heise.de/-289276
Das aktuelle Heft ist jetzt im Handel erhältlich.
Ältere Artikel können Sie über unser Zeitschriften-Archiv bestellen.