Zwölf so genannte Weise sollen international einsetzbare Filterkategorien für das Internet definieren. Die Theorie: Ein Grundwortschatz, der die Welt beschreibt. 40 bis 60 Wörter, mit denen Content Provider in aller Welt ihre Angebote beschreiben können, ganz ohne Wertung.
Jack Balkin gehört zu einem illustren Kreis internationaler Experten, die auf Einladung der von Bertelsmann mit initiierten Internet Content Rating Association (ICRA) über eine ‘globale’ Filter-Architektur für Web-Inhalte beraten sollen. Der Yale-Jurist hat im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung im vergangenen Jahr ein komplexes Filter-Schicht-Modell entworfen. Jede Webseite soll mit einem ‘Beipackzettel’ des Anbieters versehen werden. Darin steht, was die Site enthält (unterste Schicht).
Niemand wird sich allerdings selbst unter Porno oder Hate-Speech einordnen, deshalb schlägt Balkin neutrale Beschreibungskategorien vor. Auf diese sollen Filter-Provider in allen Ländern ihre Filterprofile für die unterschiedlichsten Angebote aufbauen (zweite Schicht). Und schließlich hofft Bertelsmann, dass auf der dritten Ebene zusätzlich schwarze und weiße Listen zur Verfügung gestellt werden. Ein einheitlicher Standard soll außerdem besonders vorsichtigen Eltern die Kombination verschiedenster Filter innerhalb eines Browsers möglich machen (dritte Schicht).
Reichlich ambitioniert ist vor allem der Plan, den allem zu Grunde liegenden Grundwortschatz so zu gestalten, dass einerseits allseits akzeptierte Inhaltskategorien entstehen, andererseits dieses Kategoriensystem aber auch für alle handhabbar bleibt. ‘Die Unterschiede zwischen den Kulturen sind gar nicht so groß, manchmal sogar kleiner als innerhalb unserer pluralistischen Gesellschaften’, sagt aber Nigel Williams, Direktor der britischen Organisation Child International und von ICRA mit dem Vorsitz des so genannten ‘Weltfilterrates’ betraut.
Es ist ein buntes Grüppchen, das sich kürzlich in Den Haag erstmals traf: Zwei asiatische Medienrechtler, je ein niederländischer und ein kanadischer Vertreter der Filmselbstkontrolle, Software- und Netzwerkexperten und Amerikas Cyber-Mum Nummer 1, Jane Armour Polly. Von ihnen verspricht sich die ICRA Hinweise für die Internationalisierung des Filtersystems des Recreational Software Advisory Council (RSAC) - und sicher auch ein wenig internationale Legitimation.
Jens Waltermann, ICRA-Vorsitzender und scheidender Vertreter der Bertelsmann-Stiftung, nennt zwei Auswahlprinzipien für die Mitglieder des Rats: ‘Erstens haben wir auf geographische Repräsentativität geachtet. Zweitens wollten wir auch unterschiedliche Standpunkte, gerade auch Vertreter der Free-Speech-Bewegung, in diesem Gremium haben. Allerdings haben wir weder Hardliner von der einen noch Hardliner von der anderen Seite.’ Wer prinzipiell gegen Filterung ist, hatte also keine Chance auf einen Sitz. ‘Das Ergebnis der Beratungen wird nicht sein, dass es keinen Filter geben wird’, stellt Waltermann klar.
‘So schnell wie möglich’ brauche man ein stärker an europäischen Vorstellungen und Sprachen orientiertes Filtersystem, sagt Filterrats-Mitglied Cornelius Crans, Direktor der Niederländischen Filmselbstkontrolle. Crans hat am Incore-Bericht (Interet Content Rating for Europe) für die Europäische Kommission mitgewirkt. Ein Ergebnis ist die finanzielle Unterstützung der ICRA. Zur Hälfte finanziert laut ICRA-Chef Waltermann die EU die Entwicklung der Filterarchitektur.
Ein zweites Ergebnis sind die inhaltlichen Ansprüche an den Weltfilter. ‘Rassismus, Drogen, Selbstmord’, sagt Crans, seien Kategorien, die in amerikanischen Systemen mit ihrem Schwerpunkt auf allem Sexuellen zu kurz kämen. ‘Sicherlich lassen sich nicht so stark ausdifferenzierte Kategorien zum Einsatz bringen wie in der Filmselbstkontrolle’, räumt Crans ein. Jugendschutz im Internet müsse sich aber vom Vorbild der klassischen Medien verabschieden, meint Waltermann: ‘Der Unterschied ist, dass wir die Arbeit nicht mehr machen können. Die Provider müssen das selbst tun.’ Einen Zwang zur Selbsteinschätzung solle es aber nicht geben, meint Crans - jedenfalls nicht zu Beginn.
Bei Jerry Berman läuten bei europäischen Vorstellungen von Ko-Regulierung durch Industrie und Staat schrille Alarmglocken. Das Center for Democracy and Technology, dessen Direktor Berman ist, hat sich kritisch mit dem Bertelsmannschen Memorandum ‘Verantwortung im Internet’ auseinander gesetzt. ‘Der Ansatz kann die Meinungsfreiheit gefährden, wenn er ein einziges, umfassendes, globales Rating- und Filtering-System propagiert, an dem die Regierung beteiligt ist oder zur Durchsetzung herangezogen wird.’
Kritisch wird auch die unter dem Label der Selbstregulierung gemachte Aufforderung an die ISPs gesehen, sich auf Kontrollen legaler, aber anstößiger Inhalte festlegen zu lassen. ‘Kein staatlicher Zwang zur Filterung, kein unitäres System’, lautet Bermans Forderung. Letzteres kollidiert freilich mit der Idee, dass nur die Einigung auf einen Grundwortschatz das Filtern auf einer weltweiten Basis sinnvoll ermöglicht.
So ist der Einwand, dass konservative oder repressive Regierungen das Filtersystem für Zwecke einsetzen, die über den Jugendschutz hinausgehen, nicht von der Hand zu weisen - auch wenn alle Filterratsmitglieder betonen, dass sie an einer eng eingeschränkten Nutzung und an Freiwilligkeit interessiert sind. Auch Filter-Erfinder Balkin akzeptiert diese Bedenken: ‘Sicherlich werden Filter- und Ratingsysteme für andere Zwecke genutzt werden als für den Schutz von Kindern.’ Politische Kategorisierungen sind aber im Grundwortschatz nicht vorgesehen. Trickreicher erscheint die Absicherung des Grundwortschatzes durch Verschlüsselung. ‘Die Verschlüsselung der Selbstbewertungen lässt keiner Regierung Zeit zur Dechiffrierung aller durchgeleiteten Daten, ohne das System zu beeinträchtigen.’
Noch im Sommer lädt die Bertelsman-Stiftung Content-Anbieter, mögliche Filter-Provider und Schulen zu mehreren Workshops ein; bis dahin muss das Kompromiss-Modell gefunden sein. Ein bisschen mulmig scheint manchem der Filterratsmitglieder angesichts der Aufgabe, die sie übernommen haben, schon zu sein. Letztlich, so betonen sie gerne nebenbei, beraten sie nur. Die endgültige Entscheidung müssen die Direktoren der ICRA treffen und verantworten. (jk)
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