Seit dem Jahr 2000 gibt es die Tradition, dass das Bundesforschungsministerium und die Initiative Wissenschaft im Dialog so genannte Wissenschaftsjahre ausloben. Sie werden vom Bund und den entsprechenden Wissenschaftsorganisationen mit Leben gefüllt. 2006 ist nun die Informatik an der Reihe.
Der Reigen der vom Bundesforschungsministerium und der Initiative „Wissenschaft im Dialog“ veranstalteten Wissenschaftsjahre begann 2000 mit dem Jahr der Physik. Es folgten Lebens- und Geowissenschaften, dann Chemie und zuletzt, als Sonderfall, das Einsteinjahr. Mit mehr als 700 Veranstaltungen und 270 Einstein-Partnern allein in Deutschland (auch die Schweiz feierte ihren Einstein) brach es alle Rekorde. 130 000 Besucher zählte allein die Hauptausstellung, die Einstein als „Ingenieur des Universums“ feierte.
An diesen Erfolg will man nun 2006 anschließen: Das Jahr ist der Informatik gewidmet. Deutlich macht dies ein Werbespot, der derzeit im Privatfernsehen läuft, aber auch im Internet auf der Webseite des Informatikjahres abgerufen werden kann (www.informatikjahr.de). Da schwenkt die Kamera auf eine Schultafel, auf der Albert Einstein die Frage geschrieben hat: „Woher kommt es, dass mich niemand versteht und jeder mag?“ Mit einem Schnitt verwandelt sich die Schultafel in einen Desktop und Albert Einsteins Frage steht in einem Dialogfeld. Doch diesmal ist es nicht Einstein, der fragt, sondern „Dein Computer“.
Mit der Reduzierung der Informatik auf den Computer erwischt das Informatikjahr einen denkbar schlechten, einen absurden Start. So kommentiert die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Kampagne unter der Überschrift „Haut in die Tasten, Kinder!“ mit blendender Unkenntnis: „Informatiker sind nicht zu beneiden. Sie müssen es ausbaden, wenn der Computer abstürzt, sich das Programm aufhängt oder eine wichtige Datei plötzlich spurlos verschwindet.“ Informatiker, das sind der FAZ zufolge die Menschen, die man in Hotlines ans Telefon bekommt: „Die für Computernotfälle zuständige ‚Hotline’ gehört wohl zu den unbeliebtesten Diensten in einer Informatikabteilung.“
Dass Informatik als Wissenschaft von der systematischen Verarbeitung von Informationen weitab der Hotlines praktiziert wird und nicht einmal notwendigerweise etwas mit Computern zu tun haben muss, wird im Informatikjahr 2006 offenbar mit allen Kräften verdrängt. Das lässt sich auch am offiziellen Slogan „Immer auf dem Laufenden dank Informatik“ festmachen, der in bester Werbesprache suggeriert, dass Informatik dafür verantwortlich ist, dass alles funktioniert.
Nicht minder problematisch ist die Aussage von Matthias Jarke, dem Präsidenten der beim Informatikjahr federführenden deutschen Gesellschaft für Informatik. Er verkündete anlässlich der feierlichen „Staffelübergabe“ vom Einstein- zum Informatikjahr: „Informatik ist da, wo Zukunft zu spüren ist. Diese Botschaft werden wir im Informatikjahr auf vielen Wegen transportieren, um Verständnis, Interesse und Faszination für eine faszinierende Wissenschaft zu wecken.“ Die Faszination für eine faszinierende Wissenschaft wollte Jarke mit der Fußball-Weltmeisterschaft inszenieren, bei der die Bälle mit einem RFID-Chip ausgestattet sein sollten. Dabei weiß der Ball, ob er im Tor gelandet ist - und Informatik ist die wunderbare Wissenschaft, die dem Ball Bewusstsein eingehaucht hat.
Nicht alle Informatiker akzeptieren diese Sicht auf ihre Wissenschaft. Kritiker spielen mit dem Gedanken einer Gegenkampagne zum Informatikjahr - etwa in Form von kleinen Aufklebern „Dank Informatik“, die überall dort geklebt werden können, wo wieder einmal ein Fahrkartenautomat oder ein anderes System streikt. Der radikalere Vorschlag, mit einer ironisch überzogenen Kampagne „Du bist Informatik“ gleich auf zwei aktuelle Werbemaßnahmen zu reagieren, fand offenbar nicht den richtigen Zuspruch.
Natürlich ist es noch zu früh, das Informatikjahr zu verurteilen. Noch hat es gar nicht richtig angefangen. Noch halten die Partner neben dem Forschungsministerium, den Fraunhofer-Gesellschaften und der Gesellschaft für Informatik ihre Beiträge zum Jahr der Informatik unter Verschluss. Sieht man einmal von der alljährlich stattfindenden Roboter-Fußballmeisterschaft Robocup, dem Robocup Junior und dem ebenfalls regelmäßig veranstalteten VDE-Jugenwettbewerb „Invent a Chip“ ab, haben die Partner nur vereinzelt Beiträge zum Informatikjahr vorgestellt.
Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und Neue Medien e. V. (Bitkom), der Bundeswettbewerb Informatik, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, der Fakultätentag Informatik, die Fraunhofer Gesellschaft, die IG Metall, die Initiative D21, das Kompetenzzentrum Chancengleichheit und die Max-Planck-Gesellschaft befinden sich noch im Planungsstadium. So will der Bitkom einen Kongress zur „Karriereentwicklung IT“ veranstalten und das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe eine Ausstellung namens „Kunst Computer Werke“. Zur CeBIT in Hannover will das erwähnte Kompetenzzentrum einen Kongress unter dem Motto „Exzellenz und Power in der IT“ veranstalten.
Als wichtigstes Projekt, das Verständnis für die Informatik zu fördern, gilt der bundesweite Jugendwettbewerb „Einstieg Informatik“. Eine Webseite ist schon vorhanden, die Inhalte stehen noch aus. Und das Binnenschiff „MS Einstein“, das im Einsteinjahr mehr als 100 000 Besucher zählte, wird offenbar gerade zur „MS Informatik“ umgestrichen.
Die Hoffnung bleibt also, dass das Verständnis für die Informatik als Wissenschaft nicht auf der Strecke bleibt und die theoretische Informatik nicht nur als Erfüllungsgehilfe im interdisziplinären Zusammenspiel der Wissenschaften gesehen wird, der alles auf dem Laufenden hält. Ab 2007 übrigens werden die Wissenschaftsjahre von den Geisteswissenschaften bestritten. (jk)
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