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Massive Kritikwelle gegen Facebook

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Das erfolgsverwöhnte Facebook scheint es mit allzu freizügigen Privatsphäreeinstellungen, massiven Sicherheitslücken und seinem ungehemmten Expansionsdrang überzogen zu haben: Eine regelrechte Anti-Facebook-Welle schwappt durchs Netz.

Facebook ist durchgedreht, betrunken durch die Weltbeherrschungspläne des Gründers Mark Zuckerberg“ – starke Worte findet Jim Merithew in einem Wired-Artikel. Er steht damit aber nicht alleine da, sondern beschreibt die Stimmung, die mittlerweile in der Netzgemeinde herrscht.

Vor nur sechs Jahren als Plattform gestartet, auf der Teilnehmer Bilder und Nachrichten unter Freunden, Verwandten und Geschäftspartnern austauschen konnten, wuchs der Dienst immer mehr zu einer Anwendungs- und Profilplattform. Nach und nach machte Facebook dabei immer mehr Daten der Nutzer per Default zugänglich – allen Teilnehmern der Plattform, den Facebook-internen Anwendungen oder gleich der Allgemeinheit.

Mitglieder können zwar den Großteil ihrer Daten abschirmen, sodass nur ihre persönlichen Netzwerke darauf zugreifen können; dafür müssen sie er aber die komplizierten Privatsphäreeinstellungen aufrufen und die Standardvorgaben verändern. Und nicht immer behielt der Nutzer die Kontrolle über alle Inhalte. So übernahm Facebook Status-Updates seiner Nutzer ungefragt in Gruppen. Facebook-Gründer Zuckerberg verteidigte Anfang 2010 den Abbau des Datenschutzes in einem Interview. In den letzten Jahren habe sich die Einstellung der Leute und damit die soziale Norm verändert. Man halte es durch Blogs und andere Dienste für selbstverständlich, mehr und andere Information offener zu teilen.

Dies scheint Facebook auch auf Nichtmitglieder zu beziehen, denn auch von nicht teilnehmenden Personen sammelt das Unternehmen Daten. So ermöglicht es neuen Teilnehmern, das E-Mail-Adressverzeichnis oder das Handy-Adressbuch zu importieren. Dies soll es ihnen scheinbar nur erleichtern, ihre bereits auf der Plattform vorhandenen Freunde wiederzufinden. Doch Facebook speichert die E-Mail-Adressen von Personen, die nicht auf der Plattform teilnehmen, und verwendet sie für Werbung.

Zum riesigen Datenhunger kommt die laxe Einstellung zur Datensicherheit. So sagte der Facebook-Sicherheitschef Max Kelly anlässlich der Sicherheitskonferenz Black Hat im April, dass sein Team niemals alle Lücken stopfen und alle Angriffe im Voraus verhindern können wird: „Es wird immer Schwachstellen geben, egal, wie sehr wir uns anstrengen. Und beim Versuch, die Löcher zu stopfen, produzieren wir neue Lücken.“ Und so werden offenbar neue Funktionen beim Benutzer getestet. Eine Erweiterung ausgerechnet der Datenschutzfunktionen ermöglichte es Anfang Mai Nutzern, die Chats ihrer Kontakte live mitzuverfolgen und deren Kontaktanfragen oder Benachrichtigungsstatus einzusehen.

Es waren aber nicht die Sicherheitsprobleme, sondern neue Funktionen, die das Fass für viele Nutzer zum Überlaufen gebracht haben. So stellte das Unternehmen Ende April acht sogenannte Social Plug-ins vor [1]. Damit können Benutzer zum Beispiel in einem Web-Shop sehen, wie viele Facebook-Nutzer das gezeigte Produkt mögen. Allerdings kann Facebook mit den Social Plug-ins auch verfolgen, welche Seiten der Benutzer besucht; mehr als 100 000 Websites haben laut Facebook bereits Social Plug-ins installiert.

Datenschützer auf beiden Seiten des Atlantiks protestieren gegen den mangelnden Datenschutz bei Facebook. Falk Lüke vom Bundesverband der Verbraucherzentralen etwa kündigte rechtliche Schritte gegen das kalifornische Unternehmen an. Man sei zu der Auffassung gekommen, dass das US-Netzwerk „bewusst Daten- und Verbraucherschutzstandards verletzt“. Gemeinsam mit Verbraucherrechtlern jenseits des Atlantiks haben EU-Verbraucherschützer eine Resolution verabschiedet, mit der sie auf einen besseren Datenschutz bei sozialen Netzwerken drängen.

Erstmals gehen aber auch nicht nur die üblichen Verdächtigen auf die Barrikaden, sondern auch die Nutzer der Plattform. Unter facebookprotest.com etwa rufen Anwender zu einem Protesttag auf. Als Zeichen gegen die letzten Änderungen der Datenschutzbedingungen sollen Benutzer am 6. Juni sämtliche Aktivitäten auf der Plattform ruhen lassen. Unter quitfacebookday.com haben sich Benutzer zusammengeschlossen, die Facebook sogar endgültig verlassen wollen.

Während die ersten Facebook-Teilnehmer aussteigen, hält die Netzgemeinde nach einer Alternative Ausschau, bei der die Daten der Mitglieder besser aufgehoben sind. Heißester Kandidat war dabei zunächst das New Yorker Start-up Diaspora. Es besteht im wesentlichen aus einem Peer-to-Peer Netzwerk mit fein abgestuften Einstellungen für die Privatsphäre, das nicht der Kontrolle zentraler Anbieter unterliegt. Es soll auf die in bestehenden Communities gespeicherten Daten zugreifen, sie in den Datenbestand des nutzereigenen Accounts übernehmen und Modifikationen auf Wunsch auch wieder zurück zu Facebook et cetera übertragen können.

Das Problem von Diaspora: Der von vier New Yorker IT-Studenten gegründete Dienst existiert bislang nur als Idee. Das hielt aber Tausende nicht davon ab, sich über den Crowdfunding-Dienst Kickstarter an Diaspora zu beteiligen – mehr als 180 000 Dollar konnten die Gründer innerhalb weniger Tage einsammeln. Der Hype um Datenschutz in sozialen Netzen hat auch andere, ähnlich gelagerte Projekte in den Fokus gerückt, die bereits verfügbar sind. Von onesocialweb etwa gibt es bereits erste lauffähige Komponenten. Eine vollwertige Alternative zu Facebook stellt onesocialweb aber auch noch nicht dar. Das Gros der Facebook-Nutzer wird also wohl bis auf Weiteres auf der Plattform verbleiben – sollte sich aber intensiv mit den Datenschutzeinstellungen auseinandersetzen. (jo)

[1] Herbert Braun: Facebook greift nach dem Web, Das soziale Netzwerk öffnet seine Funktionen für fremde Websites, c’t 11/10, S. 34, online: http://heise.de/-993765

www.ct.de/1012046

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