Breitband-Pioniere

WLAN-Richtfunk bringt schnelles Internet aufs Land

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Breitband-Pioniere brachten mit WLAN-Richtfunk schnelle Internetzugänge in Dörfer, die von der Telekom vernachlässigt werden. c't half dabei.

Das kleine Dorf Alterstedt nahe der thüringischen Stadt Bad Langensalza verkündet nicht ohne Stolz auf seiner Homepage, dass es zu den wenigen Gemeinden in dieser Region gehört, die über einen schnellen Internetzugang verfügen. „Doch nicht etwa die Telekom oder ein anderer großer Anbieter stellen ihn zur Verfügung, sondern ein kleiner, ortsansässiger Verein“, konstatieren die Autoren.

Der Verein Landnetz e. V. wurde 2005 von einigen Alterstedtern gegründet. Einige wenige Aktive durchbrechen mit Richtfunk und WLAN seither die Blockade der Telekom, die Alterstedt und die meisten Nachbardörfer zu weißen Flecken auf dem Breitbandatlas der Republik macht – so nennt sich Landnetz e. V. auch „Verein zur Förderung infrastrukturell benachteiligter Regionen“. Doch diese Erfolgsgeschichte beginnt bereits vor der Vereinsgründung und c't konnte damals einen kleinen Beitrag zur Geburtshilfe leisten.

Seit 2000 bemühte sich der Alterstedter c't-Leser Nico Lange um eine Internetverbindung, um von zu Hause zügig arbeiten zu können. Sein analoger Anschluss reichte gerade einmal für magere 28 kBit/s. Das schnellere ISDN wollte die Telekom nicht ins Dorf legen. Allerdings versprach die Werbung des Unternehmens deutlich mehr Geschwindigkeit mit der noch recht frischen ADSL-Technik. Doch sämtliche Aufträge versandeten, wurden irgendwann abgewiesen oder verjährten. Wie sich nach einiger Zeit herausstellte, gab es den flotten Internetzugang nur in der Nachbarstadt Bad Langensalza, deren gut sechs Kilometer entfernte Ausläufer Nico Lange vom Fenster seines Eigenheims sogar sehen kann.

Vergrößern Stimmen die Bedingungen für den Richtfunk, installieren Nico Lange und seine Vorstandskollegen die nötige Funk-Hardware.

Schnell war daher die Idee geboren, diese Strecke per Funk zu überwinden und sich so mit flottem Internet zu versorgen. So einfach der Plan klingt, so schwierig gestaltete sich damals die Umsetzung: Nico Lange musste jemanden im Nachbarort finden, über dessen Adresse er bei der Telekom einen DSL-Anschluss anmieten konnte und der als Ausgangspunkt für die Richtfunkstrecke in Frage kam. Glücklicherweise stehen an der passenden Stelle in Bad Langensalza die Werkshallen des Autozulieferers Borbet, dessen Geschäftsführer nach einigen Gesprächen das Vorhaben von Nico Lange seither unterstützt und zusätzlich die Hilfe seiner Netzwerkverwalter anbietet.

Zwar versprach die Telekom Nico Lange an diesem Standort DSL, doch nachdem er den T-DSL-Anschluss im Gewerbegebiet in Auftrag gegeben hatte, passierte zunächst nichts mehr. Einige Zeit später teilte der Provider dann mit, dass dort nun doch kein DSL-Anschluss möglich sei. Es fehle eine Hauptamtsleitung.

Erst als Lange mit einer Schadenersatzklage drohte, bewegte sich die Telekom. Dabei schrumpften die anfangs versprochenen 2 MBit/s nach der Installation und der ersten Abrechnung auf mageres T-DSL-Light-Niveau (384 kBit/s) zusammen, doch war selbst das besser als die langsame Modemverbindung. Lange nahm sogar in Kauf, dass er dafür mehr bezahlen musste, als die Telekom tatsächlich lieferte.

Das Einrichten der Richtfunkstrecke hielt weitere Herausforderungen bereit, für deren Bewältigung Nico Lange sich Hilfe beim c't-Redakteur Ernst Ahlers holte. WLAN-Geräte versorgen normalerweise nur die nähere Umgebung, die von den Herstellern meist mit 300 Metern im Freien angegeben wird. Mit Parabolantennen und weiterem Hardware-Tuning lässt sich die Reichweite jedoch auf weit über 20 Kilometer erhöhen – bei Versuchen sollen sogar Verbindungen über einige hundert Kilometer zustande gekommen sein.

Vergrößern Am Hauptverteiler sorgen einige Rechner und Router für die Authentifizierung der Landnetz-Nutzer und das korrekte Routing.

Die relativ kurze Entfernung von 6,4 Kilometern lässt sich eher einfach überbrücken, wenn man einige Vorarbeiten und Besonderheiten beachtet. Das Gelände erwies sich als günstig, denn die Funkstrecke führt durch eine Talsenke ohne störende Bebauung oder Masten. Die Berechnungen der Streckendämpfung ergab brauchbare Werte, besonders für die Nutzung des 5-GHz-Bands. Die günstigeren Voraussetzungen der 5-GHz-Technik verringerten mögliche Störungen durch andere Funknetze oder durch Bäume und Bebauung. Sie benötigt zudem kleinere Antennen als WLAN bei 2,4 GHz. Allerdings kostet die 5-GHz-Hardware einiges mehr: Nico Lange nutzte für die Richtfunkstrecke zwei Lancom-Access Points L-54ag, die das Signal über externe Antennen vom Typ O-18a abstrahlten. Zusätzlich sicherte er seinen Aufbau mit einem Blitzschutz (Lancom SA-5). Die Kosten der Funkstrecke einschließlich Router, Antennen und Zubehör summierten sich so auf rund 1200 Euro. Hinzu kamen weitere Kosten für Mastrohre und Stromversorgung, sodass man unterm Strich mit 2000 bis 3000 Euro rechnen muss. Die 5-GHz-Technik bringt jedoch auch einige Nachteile etwa bei der höheren Dämpfung in der Antennenzuführung mit sich. Die Details zur technischen Umsetzung dieser Richtfunkstrecke haben wir im Artikel „Weitfunker“ beschrieben (siehe Link am Ende des Artikels). Seine Erfahrungen, viele technische Details und Hintergrundinformationen hat Nico Lange auf der Website www.wlan-skynet.de zusammengestellt.

Parallel zu diesen Entwicklungen, aber gänzlich unbemerkt von Nico Lange, versuchte auch Sebastian Galek im selben Dorf an schnelles Internet zu kommen. Während Nico Lange bereits seine Funkstrecke plante, suchte Sebastian in der Nachbarschaft nach weiteren Interessenten, die sich an der geplanten Selbstversorgung beteiligen wollten, und lotete die technischen Möglichkeiten für die Umsetzung aus. WLAN-Richtfunk stand dabei ganz oben auf der Liste der Möglichkeiten. Bekannte gaben ihm damals den Tipp, dass c't gerade einen Artikel zum Thema Richtfunk veröffentlicht hatte.

So kaufte er sich auf dem Heimweg an der Tankstelle die aktuelle c't-Ausgabe, die er dort nur schnell überflog. Die abgedruckten Bilder kamen ihm auf den ersten Blick zwar bekannt vor, doch die intensive Lektüre verlegte er auf später. Als er sich den Text vornahm, zeigte sich schnell, dass sein Vorhaben bereits fast umgesetzt war. Nico Lange und er wohnen in derselben Straße nur gut 150 Meter voneinander entfernt. „Ohne den Artikel hätten wir heute sicher keinen Verein und könnten damit nicht fast 140 Haushalte mit Internet versorgen“, fasst Sebastian Galek zusammen.

Beide begannen 2005 die erste Funkstrecke auszubauen, die eigentlich nur als Punkt-zu-Punkt-Verbindung gedacht war. Einer der Lancom-APs wurde 2006/2007 gegen einen Lancom OAP-54 getauscht, da das alte Modell anscheinend die großen Temperaturschwankungen an diesem Standort nicht gut vertrug. Auf der Gegenstelle in Alterstedt verteilte nun ein WLAN-Router per Rundstrahler den DSL-Zugang in die Fläche, sodass mehrere Abnehmer davon profitieren konnten. Gegen Ende 2005 lag es daher nahe, die private Initiative in einen eingetragenen Verein zu überführen, der seither als Ansprech- und Vertragspartner dient. Neben Nico Lange und Sebastian Galek gehört zu den Gründungsmitgliedern auch Sven Küchler, der mittlerweile für den Netzausbau zuständig ist. „Er klettert immer auf die Dächer und Funkmasten. Sebastian und ich haben ja Höhenangst“, würdigt Nico Lange seinen Mitstreiter.

Vergrößern Der erste 2004 eingerichtete Richtfunkmast in Bad Langensalza verteilt heute das Funksignal quasi über Bande in die Nachbardörfer von Alterstedt.

Für die drei brachte die Vereinsgründung viel Arbeit mit sich, denn es galt, vier weitere Gründungsmitglieder zu finden, eine Satzung zu verfassen und viele andere Vorbereitungen für die Anmeldung zu treffen: Obwohl der Verein keine Überschüsse erwirtschaftet, mussten sie ihn bei der Bundesnetzagentur als Telekommunikationsanbieter anmelden. Um das gesamte Dorf – insgesamt 25 Haushalte – abdecken zu können, war ein zweiter Verteilerpunkt am Dorfende nötig. Mehr Geschwindigkeit zum Internet brachte ein DSL-3000-Zugang, den sie im Nachbardorf Schönstedt anmieten konnten.

Wer in Alterstedt einen Internetzugang benötigt, kann seitdem dem Verein gegen eine einmalige Aufnahmegebühr von 100 Euro beitreten. Dafür erhält das Neumitglied den für den Zugang nötigen WLAN-Access-Point (AP). Je nach Markt- und Kassenlage setzen die Landnetz-Betreiber dabei unterschiedliche Modelle ein, deren mitgelieferte Antennen sich gegen Außenantennen tauschen lassen. Auf Nachfrage fahren die drei Vorstandsmitglieder von Landnetz auch schon mal bei einem Interessierten vorbei und überprüfen vor Ort das ankommende WLAN-Signal auf Tauglichkeit. Sollte es dabei Schwierigkeiten geben, helfen sie bei der Auswahl und Beschaffung der richtigen Antenne. Momentan testen die Landnetz-Techniker gerade neue Geräte für den Zugang zu ihrem Funknetz, die kleiner und einfacher zu bedienen sind: Die wetterfesten Nanostationen Loco von Ubiquiti lassen sich dank einer Signalanzeige leicht ausrichten und versorgen sich über das Ethernet-Kabel mit Strom, was besonders dann vorteilhaft ist, wenn die Geräte auf hohen Masten installiert werden.

Der monatliche Vereinsbeitrag richtet sich nach der Nutzungsart. So zahlen Privathaushalte 20 Euro und Firmen je nach Anzahl der Mitarbeiter bis zu 40 Euro. Für gemeinnützige Einrichtungen und Unterstützer gibt es Rabatte oder einen kompletten Erlass des Beitrags, wenn sie beispielsweise den Strom für die Access Points eines Verteilerknotens kostenlos bereitstellen. Im Unterschied zu den finanzstarken Providern fesselt Landnetz niemanden an den Verein; die Mitglieder können jederzeit zum Monatsende formlos und schriftlich kündigen. Um möglichen Streitigkeiten mit Rechteinhabern aus dem Wege zu gehen, verbietet die Vereinssatzung allerdings die Nutzung von Dateitauschbörsen wie etwa E-Donkey oder Emule. „Glücklich sind wir mit diesen Einschränkungen nicht, die aktuelle Rechtslage zwingt uns jedoch dazu“, erklären die drei Landnetz-Vorstände. Gleichzeitig räume diese Beschränkung auch einige technische Probleme aus dem Weg, denn es entfalle so viel Netzwerkverkehr, der etwa per Quality of Service reguliert werden müsste.

Den Sprung über die Grenzen Alterstedts wagte der Verein Ende 2008, als die Nachfragen aus den Nachbardörfern nach Breitband-Internetzugängen immer zahlreicher wurden. „Die Einwohner aus dem Dorf Zimmern haben uns faktisch die Türen eingerannt“, schildert Nico Lange die damalige Situation.

Im Herbst 2008 ging es dann ganz schnell: Innerhalb von vier Wochen verband Landnetz e. V. das nur wenige Kilometer entfernte Nachbardorf sowie das in der Nähe liegende Waldstedt per Richtfunk mit einer zweiten DSL-Leitung in Grossengottern, die bis zu 16 MBit/s liefert. Zur Jahreswende 2008/2009 folgte die südwestlich liegende, aber deutlich weiter entfernte Gemeinde Craula, die dicht am Hainich-Nationalpark und auf einem Plateau liegt.

Im Nachbardorf Zimmern gelang es, auf dem etwas abgelegenen Gelände eines Landwirtschaftsbetriebs einen Raum für die Hardware zu finden, die die Einwahl der WLAN-Clients per PPPoE steuert sowie das Routing und die Verkehrssteuerung übernimmt. Aus Kostengründen setzt Landnetz hier die Routerboards RB411 und RB433 von Mikrotik ein, die sich zudem schneller installieren und mit Energie versorgen lassen: „Wir verbauen die Boards in ein eigenes CPE-Gehäuse. Damit entfallen die Koax-Kabel zu den Antennen, die direkt am Board hängen. Und der Strom kommt übers Ethernet-Kabel, was einen Schaltschrank am Funkmast spart“, erklärt Nico Lange.

Glücklicherweise besitzt das Gebäude am Dorfrand einen alten, nicht mehr genutzten Schornstein, der als Knotenpunkt für das Landnetz dient. Richtantennen fangen dort die Signale und Anfragen aus den anderen Orten auf und vermitteln sie zum DSL-Anschluss in Grossengottern. Auf dem Gemeindehaus in Zimmern verteilt ein zusätzlicher Funkmast, den der Verein dank der Mithilfe des Bürgermeisters einrichten konnte, das Signal an die Einwohner.

In Craula war ein geeigneter Standort schnell gefunden: Am Neujahrstag 2009 installierten die drei Landnetz-Vorstände bei fünf Grad unter Null die Technik auf dem 20 Meter hohen Funkturm neben der Feuerwehr am Dorfrand, sodass die Craulaer Bürger seit Januar 2009 per Landnetz ins Internet gelangen können. Die Einwilligung der Gemeinde für die Nutzung tauschten die Vereinsmitglieder gegen das Versprechen, das Metallgestell des Turms neu anzustreichen.

Die alte, sehr langsame DSL-Versorgung mit 384 kBit/s, die Nico Lange privat angemietet hat, dient heute noch als Absicherung, falls eine der beiden DSL-Verbindungen des Vereins einmal ausfällt. Auch der erste Funkmast auf dem Gelände der Borbet hat seine Funktion nicht verloren.

Datenstaus verursachen die 138 aktuell ans Landnetz angeschlossenen Haushalte laut der drei Vorstandsmitglieder kaum. Im Schnitt erzeugt jeder Landnetz-Teilnehmer 4,5 GByte Traffic im Monat, wobei es Anschlüsse gibt, die gerade einmal 150 MByte über die Leitung schicken, während andere die weich gesetzte Traffic-Grenze von 25 GByte erreichen. Der Großteil dieses Verkehrs läuft erwartungsgemäß am Wochenende und in den Abendstunden auf – Bandbreitenmanagement schützt das Gesamtnetz vor Überlastung. Für die DSL-Zugänge zahlt der Verein entweder Geschäftstarife, deren Preis deutlich über denen einiger Billiganbieter liegt, oder er hat mit den Providern Einzelabsprachen getroffen: „Wir haben von Anfang an mit offenen Karten gespielt und den Providern erklärt, welche Datenmengen zusammenkommen werden. Das hat uns offensichtlich viel Ärger erspart“, beschreibt Nico Lange.

Eine echte Konkurrenz zur Telekom sei Landfunk e. V. derzeitig nicht. Reaktionen seitens der Telekom gab es bislang jedenfalls keine. Das Unternehmen sei möglicherweise sogar froh, dass Landnetz und andere ähnliche Initiativen den politischen Druck durch die ländlichen Gemeinden etwas senken. Ein Ausbau der DSL-Infrastruktur komme das Unternehmen jedenfalls teurer als der Verlust einiger Euro für Analog- und ISDN-Zugänge, die die Telekom durch die Internetzugänge von Landnetz nun nicht mehr einnimmt, vermutet Lange.

Welches Gewicht der Internetzugang über Landnetz besitzt, zeigt sich am Beispiel der kleinen Gemeinde Weberstedt. Die dortige Regelschule besitzt zwar zwei Computer-Labore, doch mussten sämtliche Schüler und Lehrer bis vor wenigen Monaten über ISDN ins Internet. Nachdem die Schulleitung von Landnetz e. V. gehört hatte, war schnell klar, dass man sich am Funknetz beteiligen wollte. So dient das Weberstedter Schulgebäude nun als Richtfunkmast und Verteilerknoten, der den Schülern flottes Internet in den Unterricht bringt und der über einen weiteren Verteiler auch die Haushalte in Weberstedt versorgt.

Weitere Dörfer rings um den Hainich-Nationalpark könnten in kurzer Zeit ans Landnetz angeschlossen werden, erklären die drei Vorstandsmitglieder. Doch hängt das von der konkreten Nachfrage ab, die von Gemeinde zu Gemeinde recht unterschiedlich sei. „Finden sich in einem noch nicht angeschlossenen Dorf gut 20 Interessenten, bauen wir gern das Netz dorthin aus.“

Nach Meinung der drei Alterstedter trägt der Landnetz-Internetzugang deutlich zur Lebensqualität in den Hainich-Gemeinden bei. „Seitdem wir das Funknetzwerk betreiben und es hier endlich schnelles Internet gibt, ziehen offenbar weniger junge Leute weg. Einige kommen sogar nach dem Studium wieder zurück“, fassen sie ihre Eindrücke zusammen.


www.ct.de/0926130

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