Auf der diesjährigen TechEd EMEA, die vom 28. Juni bis 2. Juli im RAI-Kongresszentrum von Amsterdam stattfand, setzte sich Microsoft mit versöhnlichem Unterton offener als sonst mit Fremdprodukten auseinander und bedachte bei seinen Ankündigungen außer Profi-Entwicklern auch den Hobby-Programmierer.
Die Ehre der ersten Ansprache überließ Microsoft in diesem Jahr nicht wie erwartet einem Firmensprecher, sondern George Cathomas, Vertreter der Schweizerischen Blindenvereinigung. Im abgedunkelten Raum verdeutlichte der selbst sehbehinderte Schweizer dem Publikum, was es für Blinde bedeutet, nicht sehen zu können. Er demonstrierte danach (bei Licht) eine Software für Windows-Systeme namens Jaws, die Bildschirminhalte vorliest und so Blinden die Möglichkeit gibt, im Internet zu surfen oder andere Arbeiten am Computer auszuführen, ohne Displayinhalte zu sehen. In einem Appell am Schluss der kurzen Demonstration bat er die anwesenden Entwickler darum, künftig Webseiten und Applikationen auch mit Rücksichtnahme auf behinderte Menschen zu erstellen. In der Schweiz sind Blinde mit Hilfe auf sie zugeschnittener Webseiten immherhin schon in der Lage, ihre Steuererklärung am Computer selbstständig auszufüllen.
| Microsoft-Vize Jonathan Murray warb in seiner Keynote für mehr Offenheit anderen Software-Technologien gegenüber. |
Erst danach übernahm der eigentliche Keynote-Specher Jonathan Murray, Vizepräsident sowie CTO bei Microsoft die Bühne. Er verkündete, dass die Zeit zu Ende sei, in der jeder mit hocherhobenem Blick auf die Konkurrenz sein eigenes Süppchen kochte. Microsoft-Produkte sollen künftig mit Entwicklungen anderer Unternehmen wie etwa SAP oder IBM besser zusammenarbeiten, versprach er. In nächster Zeit wolle man deshalb verstärkt an besserer Integration der eigenen Produkte in andere Software-Systeme arbeiten.
Murray gab auf der Keynote die erste Beta der kommenden Entwicklungsumgebung Visual .NET Studio Team Edition frei. Mit der neuen Version sollen Applikationsentwicklung im Team und Programmressourcen-Management leichter von der Hand gehen. In einer Demonstration zeigte ein Mitarbeiter, wie man verschiedene Programmteile einer Applikation einfach per Drag & Drop miteinander verbindet und testet. Neu sind auch integrierte Tools, die erstellte Programme auf Sicherheitsmängel hin testen und diese dann beheben sollen.
Erstmals bedenkt Microsoft mit den angekündigten Visual Studio Express Editions auch Hobby-Programmierer, Studenten und Anfänger (siehe auch S. 56). Auf der TechEd veröffentlichte Microsoft die erste Beta der Entwickler-Suite. Die Visual .Net Express Editions kommen mit über 500 Programm-Schnipseln, die zusammengesetzt bereits viele Anwendungsbereiche abdecken sollen. Für einige Applikationsarten legt Microsoft gar Assistenten bei, mit denen der unerfahrene Freizeit-Entwickler per Mausklick Applikationen erstellt, ohne auch nur eine Zeile Programmcode zu schreiben.
Das Redmonder Unternehmen verkündete weiterhin, dass der britische Handy-Provider O2 und das schwedische Mobilfunk-Unternehmen TeliaSonera ortsabhängige Dienste mit Hilfe von Microsofts MapPoint Location Server anbieten wollen. Geplant seien etwa Wegbeschreibungen zum nächsten Restaurant oder Touristen-Informationen über die Stadt, in der man sich gerade aufhält. Die Partner wollen ihre Dienste in Großbritannien und Schweden starten, doch welche Inhalte abrufbar sein sollen und wann es endlich losgeht, verschwiegen sie. In Anbetracht der Tatsache, dass Microsoft diesbezüglich schon im vorigen Jahr eine bislang fruchtlose Kooperation mit Vodafone ausposaunte, werden spruchreife Lösungen wohl auch bei O2 und TeliaSonera noch ein Weilchen auf sich warten lassen.
Handhelds ohne Mobilfunk fanden auf der TechEd, die immerhin in diesem Jahr auch Zielpunkt aller Mobility-Entwickler sein sollte, wenig Erwähnung. Stattdessen verwies man gerne auf die Vorteile von Microsofts Smartphone-Betriebssysteme. Auch in Redmond glaubt man offenbar, dass Multifunk-PDAs mit GSM/GPRS in der Gunst der Anwender stetig steigen, während der klassische Pocket PC von den Drahtlos-Minirechnern immer mehr ins Abseits gedrängt wird. Immerhin avanciert ein Pocket PC mit WLAN- und GSM-Kombi zum Überallkommunikator, entweder als Handy oder IP-Telefon.
Wie ausgereift IP-Telefonie heute schon ist, zeigte der Redmonder Konzern auf dem gesamten Konferenzgelände: Erstmals auf einer TechED stellte man tausend IP-Telefone für die etwa 6500 Delegierten und Besucher bereit. Mit diesen Geräten konnte jeder Konferenzteilnehmer je Gespräch fünf Minuten lang weltweit umsonst telefonieren. Vom Angebot wohlweislich ausgenommen waren allerdings 0190-Nummern. (dal)
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