In San Francisco trafen sich vom 14. bis zum 16. Februar Entwickler und Investoren, um über die nächste Generation von Internet-Applikationen zu diskutieren. Die Themen waren so vielfältig wie die Möglichkeiten, übers Netz zusammenzuarbeiten.
Seit dem Trubel um Napster gelten Peer-to-Peer-Netze als heißer Trend für die Zukunft des Internet. In der vom O’Reilly-Verlag organisierten P2P-Konferenz ging es nicht nur um dezentrale Netztechnik oder File Sharing à la Napster, sondern auch um Themen wie Instant Messaging, verteiltes Rechnen, Groupware, P2P-Web-Dienstleistungen und kollaborativer Journalismus. Die ‘Hysterie um das geistige Eigentum’ verdecke die wahren Chancen von Peer-to-Peer, so Verleger und Technologie-Aktivist Tim O’Reilly.
In einer Diskussionsrunde erklärten verschiedene P2P-Entwickler ihre unterschiedlichen Projektziele, darunter auch der Freenet-Schöpfer Ian Clarke (siehe Artikel S. 150 in c't 6/2001). In seinem völlig dezentralen Netz, das die anonyme und effiziente Speicherung von Informationen ermöglichen soll, sei es essenziell gewesen, alle zentralen Kontrollpunkte zu eliminieren, so Clarke. ‘Das ist schwierig; es gibt Probleme mit der Skalierbarkeit, Effizienz und Netzlast-Verteilung.’
Ray Ozzie, Entwickler von Lotus Notes, stellte seine Firma Groove Networks vor. Mit seiner P2P-Groupware Groove, die bereits eine Menge Vorschusslorbeeren erhalten hat, kann man so genannte ‘Spaces’ gründen, Gruppen für verschiedene Anwendungen. Bereits vorhandene Applikationen sind Chat, gemeinsames Zeichnen, File Sharing, Meetings, Event-Planung und Projektkollaboration. Die Kommunikation innerhalb einer Gruppe ist verschlüsselt und weitgehend dezentral.
Auch das Kapital hat P2P entdeckt: Larry Cheng von Battery Ventures gab einen Überblick über verschiedene Firmen im P2P-Bereich. Insgesamt seien bereits rund 350 Millionen Dollar im P2P-Sektor investiert worden, davon jeweils etwa ein Drittel in die Bereiche Distributed Computing und Groupware-Lösungen. Der Bereich File Sharing ist mit zehn Prozent kaum repräsentiert, da Investitionen dort wegen der rechtlichen Lage als unsicher gelten.
SETI@Home, die Suche nach extraterrestrischer Intelligenz, ist das wohl erfolgreichste Projekt im Bereich Distributed Computing: Rund drei Millionen Anwender holen sich bei SETI@Home Datenpakete vom Arecibo-Teleskop in Puerto Rico ab, verarbeiten sie auf ihren Rechnern und senden die Ergebnisse zurück. Das Programm läuft als Screensaver und damit weitgehend unbemerkt im Hintergrund. SETI@Home-Techniker David Anderson nannte Gründe für den Erfolg des Projekts.
Man müsse die Nutzer emotional an die Software binden, daher habe man bei SETI@Home viel Zeit darauf verwandt, die Analysen optisch ansprechend zu gestalten. Wenn jemand auf irgendeinem Rechner die farbigen Balkengrafiken und Kurven sehe, die SETI@Home produziert, frage er, was das denn sei - und nach einer Erläuterung habe SETI@Home dann oft einen Fan mehr. Darüber hinaus benötigten die Nutzer ‘ständiges Schulterklopfen’ für ihre Verdienste - am liebsten wäre es Anderson, wenn sich jeder User in einer Top-10-Liste wiederfinden könnte.
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SETI@Home fasziniert die User durch seine Funktion und bunte Grafik. |
Suns Chefwissenschafter Bill Joy sprach über JXTA. Mit JXTA (von ‘juxtapose’, nebeneinander stellen) will Sun eine offene Peer-to-Peer-Infrastruktur für beliebige Applikationen schaffen. Man entwickle JXTA vor allem, um es selbst einzusetzen. Die Software soll wie auch Suns Projekt Open Office mit der Open-Source-Community unter dem Dach des collab.net-Systems entwickelt werden. Ersten Code will man im April veröffentlichen.
Eine Diskussionsrunde beschäftigte sich mit der Zukunft des Journalismus. Im Mittelpunkt standen die Slashdot-Gründer Rob Malda und Jeff Bates (siehe auch c't 1/01, S. 42). Slashdot ist ein ‘Weblog’, das über Neuigkeiten berichtet, die vor allem für Open-Source-Fans interessant sind. Dabei kommentieren die Leser die Berichte, wobei ausgewählte Benutzer die Kommentare anderer User mit Bewertungen versehen und so die Spreu vom Weizen trennen können. Der Quellcode des Weblogs steht jedermann zur Verfügung (www.slashcode.com) und kommt nun auch in Plastic zum Einsatz, einem gemeinsamen Projekt verschiedener Online-Magazine.
Rob Malda fasste die Probleme mit einem total offenen Forum wie Slashdot zusammen: ‘Es gibt immer Leute, die in den Pool pinkeln.’ Postings, die absichtlich provozieren oder beleidigen, seien an der Tagesordnung. Eine Bedrohung der traditionellen Medien durch solche Systeme sieht Malda noch nicht, dazu sei die Zielgruppe von Slashdot viel zu eingeschränkt. Die große Chance der neuen Medien sieht Dave Winer von userland.com in der größeren Unabhängigkeit. In einem Weblog, bei dem die Nachrichten teilweise sogar von den Benutzern selbst stammen, sei eine zentrale Kontrolle der Inhalte kaum möglich.
Am letzten Tag der Konferenz wurde es politischer: Lawrence Lessig, Rechtsprofessor an der Stanford University, forderte die anwesenden Entwickler auf, um die Datenfreiheit zu kämpfen. Prozesse wie der um das DVD-Entschlüsselungs-Tool DeCSS könnten die Rechte der Konsumenten massiv beschränken. Jack Valenti, Vorsitzender des Filmindustrie-Verbands MPAA, habe noch den Videorecorder mit dem Würger von Boston verglichen (einem brutalen Serienmörder), und die gleiche Radikalität spiegele sich auch im Kampf der Filmindustrie gegen das Internet wider.
‘Wenn Sie jetzt nicht politisch aktiv werden, wird Ihr Recht verschwinden, diese Netze zu bauen.’ Lessig wies darauf hin, dass Konflikte mit geistigen Eigentumsrechten wie bei Napster in jedem P2P-Netz auftreten werden. ‘Als Rechtsanwalt kann ich Ihnen garantieren, dass es in Ihren Netzen Rechtsverletzungen gibt.’ Ein privates P2P-Netz wie Groove Networks ist ja auch in der Tat nicht nur für Firmen geeignet, sondern zum Beispiel auch zum geheimen Tausch von Kinderpornografie.
In einer anschließenden Diskussionsrunde wurde John Perry Barlow, Mitgründer der Electronic Frontier Foundation, noch deutlicher: ‘Nach meiner Meinung ist der einzige Weg, mit Gesetzen im Cyberspace umzugehen, sie zu ignorieren, wild und schamlos. Ich will, dass jeder in diesem Raum sich als Revolutionär betrachtet, da rausgeht und entwickelt, was immer er will.’
Aber auch technische Aspekte kamen zur Sprache. So stellte das Freenet-Team das eigene Netz vor und erklärte dessen Funktionsweise und Skalierbarkeit. In Simulationen habe man zeigen können, dass das Netz logarithmisch skaliere, der Weg zu den Daten also mit steigender Zahl von teilnehmenden Nodes nur unwesentlich länger werde. Bis zu 20 Prozent der Nodes könnten gezielt abgeschossen werden, bis zu 30 Prozent zufällig ausfallen, ohne dass das Netz kollabiere. Freenet garantiere auch die Echtheit der empfangenen Daten, da der Inhalt einer Datei über eine Prüfsumme an ihren Namen gebunden ist.
Das am MIT entstandene Freehaven-Projekt bemüht sich, ein noch anonymeres Protokoll als Freenet zu entwickeln. Der Kryptologie-Experte Roger Dingledine erklärte unterschiedliche Ansätze, um die knappen Ressourcen im Netz gerecht zu verteilen. Entweder könne man Nutzern mit hoher Reputation, die bereits in der Vergangenheit Platz bereitgestellt haben, größere Prioritäten einräumen, oder man lege für unterschiedliche Transaktionen Preise fest, die mit Micropayments beglichen werden.
Einer der letzten Vorträge war deutlich futuristischer. Marshall Burns und Jamie Howison von der Ennex Corporation erklärten, wie sich das Napster-Modell auch auf die materielle Welt anwenden lasse. Sie stellten so genannte ‘Fabber’ vor, Maschinen, die bei der Erstellung von Industrie-Prototypen eingesetzt werden. Diese Geräte schneiden beispielsweise aus Plastik exakte Reproduktionen eines 3D-Modells. Fabber würden immer kostengünstiger und leistungsfähiger und könnten in Zukunft - mit Fortschritten in der Mikro- und Nanotechnologie - möglicherweise hochkomplexe Produkte erzeugen.
Fabber würden bereits in vielen Anwedungsbereichen eingesetzt: Autoteile, Spielzeuge, Möbel, Verpackung, Medizin und sogar Kunst würden im Eiltempo und in durchaus akzeptabler Qualität mit den Maschinen hergestellt. Bereits heute gebe es Firmen, die aus von Kunden gelieferten 3D-Mustern physische Produkte machen: Toybuilders.com etwa produziert maßgeschneiderte Spielzeuge ab 25 Dollar, 3DQ und Bits2Parts stellen Prototypen für die Industrie her.
Die 3D-Modelle, die als Grundlage der Produkte dienen, stünden kurz vor der ‘Napsterisierung’. Bereits heute tausche die Fabber-Community auf Mailing-Listen die begehrten Daten. In Zukunft müsse man Wege finden, die Schöpfer der Modelle zu bezahlen - wobei Jamie Howison hier vor allem an freiwillige Modelle und Vorauszahlungen glaubt. (odi)
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Allmählich zeichnet sich ab, in welche Richtung eine Einigung zwischen Napster und der Musikindustrie laufen könnte. Noch bevor das endgültige Urteil ergangen ist, legte Napster bereits Pläne vor, wie man Urheberrechtsverletzungen zukünftig blockieren will. Filter sollen geschützte Stücke aus den Dateilisten der Nutzer aussortieren und so verhindern, dass derartiges Material im Napster-Index auftaucht. Um die betroffenen Stücke zu erkennen, will man mit der Musikindustrie zusammenarbeiten.
Die sieht in den Filtern zwar einen Schritt in die richtige Richtung, stört sich aber noch an Details der Umsetzung: Napster fordert von der Musikindustrie Listen mit den Namen zu sperrender Dateien, während der Verband der amerikanischen Musikindustrie (RIAA) nur die Namen von Künstlern und Stücken liefern will. Auch ist noch nicht klar, ob sich das Gericht mit einer solchen Lösung zufrieden geben wird.
Gleichzeitig erneuerten die Napster-Macher den Vorschlag, in den nächsten fünf Jahren eine Milliarde Dollar an die großen Labels zu zahlen, um die Rechteinhaber zu honorieren und eine legale Basis für den MP3-Tausch über Napster zu schaffen. Napster-Chef Hank Barry will so ‘die Napster-Community und das Erlebins des File Sharing über Napster erhalten’ - und wohl verhindern, dass die Napster-Fans zu anderen Diensten abwandern (siehe Seite 150 in der c't 6/2001). Hier besteht die RIAA jedoch weiter auf individuellen Vereinbarungen mit den großen Labels.
Auch den Napster-Alternativen soll es an den Kragen gehen. Die RIAA hat 60 Provider aufgefordert, Übertragungen von urheberrechtlich geschützten MP3s zu unterbinden. Dazu soll Schnüffelsoftware zum Einsatz kommen, die den Datentransfer belauscht und gegebenenfalls die Verbindung kappt. Kleine Fußnote am Rande: Ferrero geht zurzeit gegen deutsche Betreiber von gnutella-Sites vor - mit dem Argument, der Ruf von Gnutella als Software zur ‘Verbreitung illegaler Software, Musik und pornografischer Inhalte’ schade dem guten Namen der eigenen Nuss-Nougat-Creme Nutella.
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