Microsoft ergänzt Windows XP um die Tablet PC Edition und erweitert mobile Geräte um ein neues, altes Kommunikationsmittel: den Stift. Damit ausgestattete Notebooks haben einen Touchscreen, oder die Geräte sind reine Tablet PCs mit externer Tastatur. Doch die Tablet PC Edition bringt viel mehr mit als nur die digitale Version von handgeschriebenen Notizzetteln, wie wir anhand eines ersten Prototypen von Acer sehen konnten.
Die schnell hingeworfene Skizze, die Notizen aus dem letzten Meeting oder erläuternde Striche auf dem Blatt Papier zur grafischen Unterstützung beim Brainstorming belegen die Daseinsberechtigung des Stifts - der Rechner blieb bislang außen vor. Damit soll in Zukunft Schluss sein, wenn Microsoft die Funktionen von Stift und Papier in der Windows XP Tablet PC Edition integriert. Auch das Schreiben von Hand pofitiert nun von rechnertypischer Unterstützung wie Suchen, Verschieben und Ersetzen: Vorbei sind die Zeiten, in denen man in der Zettelwirtschaft auf dem Schreibtisch fieberhaft nach den Notizen aus dem letzten Meeting gewühlt hat, denn die neue Plattform kann nach handschriftlichen Einträgen suchen - integrierte Handschrifterkennung machts möglich.
Trotz zahlreicher Ansätze in den letzten 20 Jahren setzte sich der Stift auf PC-Plattformen nicht durch. Das könnte sich jetzt ändern, weil Microsoft seine Betriebssystem-Vorherrschaft und seinen Einfluss auf Hardware-Hersteller einsetzt, um den digitalen Stift zu etablieren. Neue Mobilgeräte nach Microsofts Maßgabe und neue Software sind dafür die Voraussetzung. Ein Hardware-Hersteller muss einige Vorgaben erfüllen, um eine Lizenz für die Tablet PC Edition zu bekommen, darunter den Einbau einer elektromagnetischen Stifterkennung unter dem Display. Die Schicht detektiert das vom Stift (eventuell mit integrierter Maustaste) geänderte Magnetfeld auf dem Display. Gegenüber dem aufgesetzten Touchscreen hat dieses Verfahren den Vorteil, dass die Displayqualität unverändert bleibt. Des Weiteren muss ein Tablet PC vom Quer- zum Hochformat umschaltbar sein und in wenigen Sekunden aus dem Standby aufwachen. Dazu kommen Vorgaben wie Legacy Free (kein Parallelport, kein RS-232, kein PS/2) und eine Shortcut-Taste für die Passwortanmeldung ohne Tastatur.
Die Richtlinien lassen den Hardware-Herstellern viel Raum für interessante Produktkonzepte. Tablet PCs mit externer Tastatur wollen Fujitsu-Siemens und Compaq bringen, aber das innovativste Design stammt von Acer. Das TravelMate 100 ist ein Subnotebook, dessen Display man so drehen und klappen kann, dass daraus ein Tablet PC wird. Diesen ersten Test der Tablet PC Edition führten wir mit dem TravelMate 100 durch. Die Displayhelligkeit des 10,2-Zoll-Display (XGA) überzeugte uns beim Prototyp noch nicht - wir hoffen aufs Seriengerät. Die Akkulaufzeit liegt bei drei Stunden; WLAN gibt es als Option. Die geschwungene Tastatur ist zwar klein, trotzdem werden Vielschreiber wegen der erstklassigen Tasten wenig Probleme damit haben. Alles in allem ist das TravelMate 100 schon in diesem frühen Entwicklungsstadium ein vorzeigbares Subnotebook.
Auf Betriebssystemseite steckt hinter der Windows XP Tablet PC Edition ein Windows XP Professional inklusive das bevorstehende Service Pack 1, erweitert um die Stiftoption.
Der Nutzer sieht vor allem die Anwendung Windows Journal und das damit einhergehende neue .jnt-Format. Auf verschiedenen Vorlageblättern (kariert, liniert, weiß, Notenblatt) schreibt, malt und skizziert man, was der Stift hergibt. In Journal kann der Tablet-PC-Besitzer auch beliebige Dokumente mit Anmerkungen versehen. Dafür steht ihm unter anderem ein virtueller Druckerport zur Verfügung, der das Dokument in eine Journal-Datei ‘druckt’, ganz gleich, aus welcher Anwendung es kommt. Das Originaldokument selbst bleibt unverändert, kommentiert wird in der neu angelegten Journal-Datei.
Unbemerkt vom Nutzer, der seine Notizen und Skizzen zu Display bringt, lässt Windows Journal in Echtzeit eine Handschrifterkennung mitlaufen, die ohne Lernmodus jedes geschriebene Wort interpretiert und im .jnt-File mit abspeichert. Weil dies selbst dann passiert, wenn der Inhalt nicht für den Nutzer konvertiert wird, können die handschriftlichen Dokumente nach beliebigen Wörtern und Zeichen genauso durchsucht werden wie ein mit der Tastatur eingegebener Text.
Auch kann eine Journal-Datei ohne Einschränkung an jeden anderen Tablet-PC-Besitzer geschickt werden. Damit auch Nicht-Tablet-PC-Besitzer die Datei lesen können, fragt Journal vorm Senden, ob die Datei im .jnt-Format oder als Schwarzweiß-TIFF (!) beziehungsweise mhtml-Datei geschickt werden soll.
Journal erlaubt, den Dateinamen handschriftlich einzugeben, und der Journal-Datei-Manager zeigt ihn dann auch genauso an. Im Windows-Explorer listet das Betriebssystem den von der im Hintergrund laufenden Erkennung übersetzten Dateinamen auf.
Dieses Konzept steht und fällt mit der Qualität der Handschrifterkennung - und diese ist beachtlich. Sogar ein nur noch für den Schreiber selbst entzifferbares Gekrakel erkennt Journal fast vollständig. Der Anwendung ist es völlig egal, ob man auf dem digitalen Blatt waagerecht, schräg oder von oben nach unten notiert. Spaßeshalber schrieben wir entlang eines Kreises, und selbst das war für Journal kein Problem. Natürlich gibt es fehlinterpretierte Wörter, aber die Anwendung schlägt weitere Wörter in einer Liste vor, erlaubt die Korrektur per virtuellem Display oder mit einer ‘richtigen’ Tastatur. Die Erkennung ist sprachenabhängig und soll in Europa zunächst für Englisch, Deutsch und Französisch auf den Markt kommen. Eine Option für Spracherkennung wird allerdings nur die englische Tablet PC Edition mitbringen.
Wegen der für den Anwender verborgenen Handschrifterkennung kann das Geschriebene stehen bleiben, ohne es in Text umzuwandeln. Ob und wann die Konvertierung erfolgt, ist einer Journal-Datei egal. Das Problem dabei ist nur, dass man ohne Kontrolle der mitlaufenden Erkennung vertrauen muss. Läuft die schief, dann gibts Probleme.
Umfangreiche Einstellmöglichkeiten erlauben es dem Benutzer, die Stiftbedienung seinen Bedürfnissen anzupassen. Die Tablet and Pen Settings unterscheiden zum Beispiel Links- und Rechtshänder. Tippt ein Rechtshänder auf ein Menüfeld, dann poppt es links vom Stift auf, beim Linkshänder dagegen rechts.
Microsoft gibt mit Journal ein Format vor, und erst wenn Software-Anbieter dies in ihren zukünftigen Versionen berücksichtigen, kann man das volle Potenzial des Stifts nutzen. Ein Tablet PC Platform SDK, APIs für die digitale Tinte und die in .NET eingebunde Tablet PC Managed Library stehen dafür zur Verfügung.
Für Office XP wird es ein kostenloses Tablet-PC-Edition-Add-on geben: In PowerPoint kann der Vortragende während der Präsentation mit dem Stift seine Argumente grafisch unterstreichen, auch Word, Excel und Outlook sind Journal-fähig. Das Betriebssystem Windows XP Tablet PC Edition ist damit eng mit der Anwendung Office XP verzahnt. Einige Juristen werden sich vielleicht schon die Hände reiben.
Nicht umsonst geht Microsoft mit dem Acer TravelMate 100 als erstem Gerät mit der Windows XP Tablet PC Edition zu potenziellen Entwicklern und Kunden: Der Rechner ist zuallererst ein gewöhnliches Subnotebook und erst in zweiter Linie, sozusagen als Zugabe, ein Tablet PC und im Hochformat ein E-Book-Lesegerät. Dieses Konzept hat dann Erfolg, wenn Acer das TravelMate 100 zu marktüblichen Subnotebook-Preisen verkauft. Der Kleine macht im Meeting ebenso Sinn (keiner versteckt sich mehr hinter dem aufgeklappten Display) wie beim Brainstorming oder für Skizzen und taugt auch fürs E-Book-Lesen auf dem Sofa (mit Microsoft Reader, Acrobat Reader, HTML- und ASCII-Dateien). Firmen wie Fujitsu-Siemens und Compaq folgen dagegen dem üblichen Tablet-PC-Design. Deren Anwenderkreis dürfte selbst im Business-Umfeld deutlich begrenzter sein.
Letzten Endes entscheidet der Nutzer, ob Microsofts Eingabeschnittstelle ‘Stift’ zusätzlich zur Tastatur und Maus Sinn macht. Eine bessere Handschrifterkennung gibt es derzeit nicht, und sie ist pfiffig in das Betriebssystem integriert. Vielschreiber sehen die Tablet-PC-Edition als Rückschritt ins Zeitalter des handgeschriebenen Papiers an, denn mit Tastatur sind sie schneller und exakter. Für diejenigen aber, die gerne und oft Papier und Stift nutzen, könnte die Tablet PC Edition die Plattform sein, die Handschriftliches im Rechner integriert. Ende des Jahres sollen die ersten Geräte auf dem Markt sein, nachdem Microsoft die Verfügbarkeit für den 7. November angekündigt hat. (jr)
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