Leseprobe aus c't 25/12
Jöran Muuß-Merholz
Das Wissensnetz
Ein Rundgang durch Online-Lernwelten
Online-Universitäten erleben einen großen Zulauf, das Internet hält einen gigantischen Fundus an Wissen bereit. Aber kann man wirklich vernünftig per Browser lernen, wenn nebenan der E-Mail-Eingang vollläuft? Ein virtueller Besuch in der Allzweckschule Internet.
Digitale Medien machen dick, dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich; Internetgebrauch führt zu einer Verschlechterung des Gedächtnisses und zu einer verminderten Fähigkeit zur Informationssuche. So urteilt der Gehirnforscher Manfred Spitzer in seinem Buch „Digitale Demenz“.
Viele Medienpädagogen sehen im Internet dagegen vielmehr ein Medium, das das Lernen einfacher, schneller, bunter, lustiger, billiger und demokratischer macht: Eine gigantische Wissensmaschine, die sogar die Fundamente von altehrwürdigen Bildungsinstitutionen wie Universitäten und Schulen in Frage stellt.
Die Versprechungen des Lernens im Netz sind fast so alt wie das Internet selbst. Das Hauptargument: Lernende können online individuell arbeiten und müssen sich nicht an vorgegebenen Zeiten, Orten und Gruppen orientieren. Inhalte und Lernwege lassen sich flexibel an Vorwissen, Lerntempo und die zur Verfügung stehende Zeit anpassen.
Durch Simulationen, Multimedia und Links lassen sich Inhalte vielfältiger, anschaulicher und vernetzter aufbereiten als mit klassischen Papier-Lehrmitteln. Außerdem erhofft man sich von einschlägigen Lernangeboten individuelles und direktes Feedback für Übungen und Tests, die sich wiederholen lassen, bis der Stoff wirklich sitzt. Spielerische Elemente und Belohnungssysteme, neudeutsch Edutainment und Gamification, sorgen für zusätzliche Motivation.
Und schließlich verbindet das Internet Lernende miteinander, die in Communities Fragen, Ratschläge und Erfahrungen austauschen können. Selbst wenn es für ein spezifisches Thema nur wenige Interessenten gibt, so können sich diese dank asynchroner Kommunikation und weltweiter Vernetzung miteinander verbinden. So weit die Theorie.
Buntes Sammelsurium
In der Praxis ist das Internet eine bunte Ansammlung von Angeboten aller Art. Von Einzelnen liebevoll gepflegte Sites wie RCFlug.ch über Modellflug stehen neben riesigen Gemeinschaftsprojekten wie der Enzyklopädie Wikipedia oder professionellen Projekten wie der Do-it-yourself-Gemeinschaft Instructables. Einen gemeinsamen Nenner gibt es nicht.
Generell gilt es dabei, zwischen informellem Lernen und didaktisch aufbereiteten Lernangeboten zu unterscheiden. Im ersten Fall eignet man sich Wissen einfach über das Lesen eines Textes, das Anschauen eines Videos oder das Hören eines Podcasts an. Obwohl die meisten Menschen hier gar nicht sagen würden: „Ich lerne gerade etwas“, machen diese informellen Formen den Großteil unseres Lernens aus.
Auf der Volkshochschule YouTube lernt man zum Beispiel,
einen Schokokuchen zu backen.
Auf der anderen Seite stehen Lernangebote, die ausdrücklich als solche gedacht sind. Der Anbieter hat sich hier explizit Gedanken gemacht, in welcher Form sich ein Stoff zum Lernen eignet. In den meisten Fällen werden hier Konzepte aus der Offline-Welt einfach 1:1 ins Netz übertragen: Texte werden zu starren PDF-Seiten, Vorträge zu 60- oder 90-minütigen Videos, Arbeitsblätter zu digitalen Lückentexten oder Quizaufgaben.
Viele Anbieter betreiben mehr Aufwand, um ihre Inhalte stärker an den digitalen Möglichkeiten zu orientieren. Sie bieten sie also etwa nicht in linearer Form, sondern in in Form untereinander verlinkter Elemente an. Interaktive Modelle oder Simulationen sind solche Formen digitalen Lernens. Sie laden zum Experimentieren ein, ermöglichen so eine intensivere Auseinandersetzung mit den Lerninhalten – und verstärken so den Lernerfolg.
Seltener finden sich ambitionierte Ansätze, die auch die Zusammenarbeit mit anderen Lernenden oder kreatives Arbeiten zum Beispiel zur Erstellung von eigenen Lernobjekten wie Wikis oder Lerntagebüchern umfassen. Solche Formen helfen am besten, den Stoff beim Lernenden zu verankern, weil er ihn aktiv umsetzen muss.
Übergreifend lässt sich ein großer Trend erkennen: das Mikrolernen. Wissen wird in kleine Stückchen portioniert, die man per Smartphone oder Tablet auch mal schnell unterwegs konsumieren kann. In der Kategorie „Bildung“ in Apples App Store dominieren Trainingsprogramme mit diesem Konzept, zum Beispiel für Sprachen, für den Führerschein oder Mathematik, andererseits Nachschlagewerke von der Astronomie-App über den Geschichtskalender bis zu „Sex Fakten“: Lauter Programme, die das Lernen in Häppchen aufteilen, die zwischendurch in bekömmlicher Dosierung konsumiert werden können.
Bewegtbild
Dass heute jedermann einfach Inhalte produzieren und im Netz veröffentlichen kann, ist der wichtigste Schlüssel für informelle Wissensangebote. Das gilt insbesondere für Videos. YouTube ist Anlaufstelle Nummer eins, wenn es darum geht, sich einfache oder komplexe Sachverhalte erklären zu lassen. Amateure und Profis produzieren mit einer Handykamera oder Webcam gleichermaßen Anleitungen und Erklärungen zu jedem erdenklichen Thema. Alleine der Kanal „Stricken & Häkeln mit eliZZZa“ zählt mehr als 30 Millionen Videoabrufe.
Vorlesungen bei Udacity sind in viele kleine Abschnitte mit zugehörenden Übungsaufgaben gegliedert.
Auch zahlreiche professionelle Dienste bieten Erklärvideos, vom Umgang mit der neuen Fotokamera bis zum Rezept für den perfekten Schokokuchen. In letzter Zeit sind zunehmend Videos hinzugekommen, die nicht nur Alltagshilfe leisten, sondern gezielt das Erlernen von klassischen Unterrichtsinhalten erleichtern wollen.
YouTube-Lehrer
Größtes Beispiel ist die Khan Academy. Deren Gründer Salman Khan wollte eigentlich nur seiner Cousine Nachhilfe in Mathe geben. Er nutzte dafür Zeichnungen und kleine Videos, die er auch auf YouTube veröffentlichte. Die Resonanz war so groß, dass Khan 2009 seinen Job bei einem Hedgefonds aufgab, um sich ganz dem rasant wachsenden Videoangebot zu widmen.
Die inzwischen über 3500 Videolektionen wurden über 200 Millionen Mal abgerufen. Die Machart der Videos ist dabei immer gleich: Man sieht einen schwarzen Hintergrund als Tafel, auf der jemand eine mathematische Gleichung oder einen historischen Sachverhalt erläutert. Der Lehrer ist dabei nie selber zu sehen, nur seine Stimme liefert die Erklärungen.
Die Khan Academy expandiert: Seit Kurzem werden die Videos von Freiwilligen in viele Sprachen, darunter Deutsch, übersetzt. Das Themenspektrum, das bisher schwerpunktmäßig Mathematik und Naturwissenschaften umfasst, soll erweitert werden. Ergänzende Materialien, vor allem Quiz-Übungen und Tests, sollen eine Lernkontrolle ermöglichen. Google, Bill Gates und andere Geldgeber unterstützen das Projekt mit mehreren Millionen Dollar.
Kurs mit 160 000 Studenten
Was gut gemachte Videos bewegen können, die geschickt mit anderen Lerntechniken verknüpft werden, zeigt die Plattform Udacity. Vorlesungen bestehen dort aus vielen kurzen, aufeinander aufbauenden Videos, die immer wieder von kleinen Quiz-Einheiten unterbrochen werden.
Die Kombination schafft es offenbar, Studenten gut bei der Stange zu halten: Es entsteht gar nicht erst eine monotone One-Man-Show, die die Zuschauer dazu veranlassen könnte, nebenher mal die Mails zu checken. Die kurzen Aufgaben helfen den Studenten, den soeben gelernten Stoff gleich anzuwenden und geben ihm sofortiges Feedback. Nicht zufällig wissen zwei Berufsgruppen besonders gut, wie wichtig unmittelbare Rückmeldungen für die Motivation sind: Pädagogen und Computerspiel-Designer.
Udacity ist aus einer Hochschulvorlesung „Einführung in Künstliche Intelligenz“ entstanden, die der Stanford-Professor Sebastian Thrun im Rahmen seiner Hochschullehre im Jahre 2011 zusammen mit seinem Kollegen online veröffentlichte – mit überwältigendem Erfolg: 160 000 Menschen aus 190 Ländern schrieben sich für den kostenlosen Kurs ein und übersetzten das Material in 44 Sprachen.
Thruns Online-Studenten erzielten deutlich bessere Kursabschlüsse als ihre Kommilitonen, die die traditionellen Vorlesungen in Stanford besucht hatten. „Nachdem ich das erlebt hatte, konnte ich nicht nach Stanford zurückkehren“, berichtete Thrun Anfang 2012 auf der DLD-Konferenz in München. Thrun ließ sich von seinen Lehrverpflichtungen in Stanford entbinden und gründete Udacity. Mittlerweile haben sich für die bisher 14 Kurse 400 000 Studierende eingeschrieben.
Milliardengeschäft
Udacity hat im Laufe des Jahres 2012 bedeutende Konkurrenz bekommen. Das MIT und Harvard haben gemeinsam die Plattform edX gestartet. Für die ersten sieben Kurse haben sich 350 000 Studierende eingeschrieben. Das ist wenig im Vergleich zu Coursera, eine von Professoren der Stanford University gegründete Plattform.
Sie weist ein halbes Jahr nach dem Start knapp 200 Kurse und 1,7 Millionen Einschreibungen auf. Die Kurse werden in Zusammenarbeit mit bisher 35 Hochschulen angeboten, darunter US-Elite-Universitäten wie Stanford, Columbia oder Princeton, aber auch Hochschulen in Australien, Großbritannien, Kanada, Hongkong, Indien, Israel und der Schweiz.
Die Teilname an Kursen bei Udacity, edX oder Coursera ist bisher kostenlos. Wie stark aber auch die finanziellen Interessen hinter diesen Umbrüchen sind, verdeutlicht eine Zahl, die kürzlich die US-Behörde Consumer Financial Protection Bureau bekannt gab: 1000 Milliarden US-Dollar umfassen die Schulden aus Studienkrediten in den USA. Gleichzeitig zweifeln immer mehr Amerikaner, dass sich die immensen Kosten für traditionelle Bildung tatsächlich auszahlen.
Vor diesem Hintergrund lassen sich die Aktivitäten der traditionellen Universitäten als Vorboten bedeutender Umbrüche verstehen. Alleine MIT und Harvard investierten im Frühling 60 Millionen US-Dollar in ihre Plattform edX – bei den privatwirtschaftlich arbeitenden amerikanischen Universitäten wohl eine Anfangsinvestition, um einen neuen Markt zu ebnen und zu testen. Die sogenannten Massive Open Online Courses (MOOC), also Online-Kurse mit offenem Zugang und Teilnehmerzahlen im Bereich von bis zu Zehntausenden Studierenden, bieten eine Möglichkeit, Hochschullehre zu bezahlbaren Konditionen über das Internet anzubieten.
Bisher gibt es kaum nennenswerte MOOC-Angebote in deutscher Sprache. Erste Hochschulen versuchen sich an experimentellen Angeboten. Ein Open Course der Goethe-Universität in Frankfurt mit dem Titel „Zukunft des Lernens“ zog immerhin 900 Teilnehmende an.
Eigenbau-Uni
Mit wenig Geld und viel Idealismus arbeiten jenseits der großen MOOCs kleinere Initiativen an der Neuerfindung der Bildung. Zum Beispiel an der P2PU – der Peer to Peer University. Hier kann jeder nicht nur kostenlos an Kursen teilnehmen, sondern auch selber welche anbieten. Die P2PU ist quasi die Do-it-yourself-Variante der MOOCs.
An der Peer to Peer University kann jeder Kurse belegen, anbieten und sich mit anderen vernetzen.
Dabei muss es sich nicht immer um einen großen Kurs handeln. Anbieter können auch Studiengruppen und „Challenges“ ins Leben rufen, um sich mit anderen Lernenden zusammenzuschließen. Die Themenvielfalt ist entsprechend bunt, allerdings dominieren Themen mit Technikbezug. Zu den beliebtesten Angeboten gehören „3D Printing Ninja“, „Writing for the Web“, „Programming with the Twitter API“, aber auch „Accounting Jargon“ zum Erlernen von Fachbegriffen des Rechnungswesens.
Noch einen Schritt weiter geht die Initiative „Uncollege“ mit dem Slogan „Hacking Your Education“ des jungen Amerikaners Dale J. Stephens. Auf seiner Website sammelt Stephens Gleichgesinnte und Materialien, unter anderem ein „UnCollege Manifesto“, das für selbstorganisiertes Lernen anstelle des Besuchs einer Hochschule wirbt.
Solche Initiativen in deutscher Sprache sind noch sehr spärlich gesät. Eine der seltenen Ausnahmen bildet ununi.tv – eine „Virtuelle Hochschule für Film, TV & Web“. Die Plattform versteht sich als „Unkonferenz am Unort zur Unzeit“. Bisher liegen die Zahlen der Teilnehmenden im zweistelligen Bereich. Anja C. Wagner, Co-Gründerin von ununi.tv ist realistisch: „Es führt derzeit kein Weg an englischsprachigen Angeboten vorbei. Der deutsche Sprachraum ist zu klein.“
Unterricht umgedreht
Auch wenn die großen internationalen Anbieter vor allem aus den USA stammen, so kommt doch auch hierzulande digitale Bewegung in die Hochschullehre. An der Fachhochschule Bielefeld ist Jörn Loviscach als Professor unter anderem dafür zuständig, seinen Studierenden die Grundlagen von Mathematik und Informatik zu erklären.
Flipped Classroom: Die Vorlesung ist ein Video, das der Student zu Hause bearbeitet. Die so gewonnene Zeit steht für Fragen und Übungen zur Verfügung.
Loviscach macht das mit Hilfe von YouTube, wo er vor dreieinhalb Jahren begann, die Mitschnitte seiner Vorlesungen einzustellen, damit die Studierenden sie für die Prüfungsvorbereitung nutzen konnten. Er ahnte nicht, dass sein YouTube-Kanal einmal 2000 Videos umfassen würde, die schon mehr als 7 Millionen Mal angeklickt wurden.
Das große Potenzial für die Hochschullehre besteht dabei gar nicht nur darin, dass Tausende von Menschen YouTube anstelle des Hörsaals aufsuchen. Auch für den Hörsaal selber oder für das Klassenzimmer können mit YouTube die Verhältnisse auf den Kopf gestellt werden. Denn wenn die Studierenden die Vorlesungen auf YouTube schon vor ihrem Zusammentreffen an der Hochschule anschauen, kann die gemeinsame Zeit vor Ort besser genutzt werden. ...
(jo)
Lernen im Internet
Artikel zum Thema "Lernen im Internet" finden Sie in c't 25/2012:
Das neue Lernen im Netz - Seite 126
Japanisch - Seite 132
Statistik - Seite 134
Gitarre - Seite 136
JavaScript - Seite 138
Haushaltsgeräte reparieren - Seite 140
Überblick weiterer Angebote - Seite 142
Den vollständigen Artikel finden Sie in c't 25/2012.








