Leseprobe aus c't 18/12
Jan-Keno Janssen
Das vermessene Ich
Körper- und Lebensdaten sammeln rund um die Uhr
Quantified Self, Lifelogging, Self-Hacking: Das Anhäufen von Daten über den eigenen Körper und das eigene Leben könnte sich vom Nerd-Vergnügen zum Massenphänomen mausern. Skeptiker sehen allerdings eine Gesundheitsdiktatur dräuen.
Wissen Sie, was Sie am 14. November 2011 zum Frühstück gegessen haben? Nicht? Merkt sich doch keiner? Falsch – es gibt Menschen, die sich das merken. Und sie merken sich noch viel mehr: Stimmung, Blutdruck, Gewicht, täglich gelaufene Schritte, Kalorienverbrauch, Schlafphasen, Sexfrequenz … Obwohl: Eigentlich lassen sie merken. Technische Hilfsmittel wie Aktivitäts-, Schlaf und Pulssensoren schreiben die Körperdaten direkt in die Cloud, Smartphone-Apps erleichtern die Aufzeichnung von Ernährung, Stimmung und Bewegungsdaten.
Über das Prinzip Datensparsamkeit, wie es seit Jahren von Datenschützern propagiert wird, können die Anhänger der „Quantified-Self“-Bewegung (QS) nur lächeln – sie leben das genaue Gegenteil: Je mehr Daten sie über sich zusammentragen, desto interessanter werden für sie die Visualisierungen, desto aufschlussreicher die Korrelationen. Seit 2008 treffen sich Gleichgesinnte zu QS-„Meetups“, die inzwischen in mehr als 50 Städten weltweit stattfinden. Seinen Ursprung hat die QS-Idee – natürlich – im Silicon Valley; einem Ort, der von Körperkult, Technikgläubigkeit und der Begeisterung für Daten aller Art geprägt ist.
Kaffeekorrelationen
Die Ziele der Körper- und Lebensdatensammler sind höchst unterschiedlich: Die einen wollen ihre sportlichen Leistungen verbessern, andere ihre Erinnerungen auslagern. Wieder andere nutzen technische Hilfsmittel wie Schlaftracker, um in unbekannte Bewusstseinsebenen abzutauchen (siehe Test auf Seite 78 in c't 18/12) – und dann gibt es noch die Datenfreaks, denen es einfach Spaß macht, grafische Auswertungen ihrer Kaffeekonsum-Körpertemperatur-Korrelation auf den Bildschirm zu holen.
Mit Datenbrillen wie Googles Glass kann man permanent seinen Alltag aufzeichnen.
Der Begriff „Quantified Self“ ist deshalb auch nur ein Versuch, die unterschiedlichen Körperdatensammler irgendwie unter einen Hut zu bringen – genau wie die Bezeichnungen „Lifelogging“ oder „Self-Hacking“ in der Vergangenheit.
Datensammeln als Privatvergnügen – in Deutschland, dem Land der Hausverpixeler, sieht man das traditionell skeptisch. Die taz überschrieb im Januar einen Artikel über Quantified Self bedrohlich mit „Die Körperkontrolleure kommen“ [1], die Autorin Juli Zeh zog gleich die Nazi-Keule: „Es gab in Deutschland schon einmal eine Bewegung, die meinte, den Wert eines Menschen am Kopfumfang ablesen zu können“ [2]. Auch „Die Welt“ beschäftigt sich ungern ernsthaft mit den neuen Ideen – und stellt die Datensammler bequem in die Beklopptenecke: „Ärzte warnen vor einer neuen Störung“ [3]. Dabei reicht ein Spaziergang durch den Park aus, um festzustellen, dass die Quantified-Self-Philosophie längst im Mainstream angekommen ist: Gefühlt jeder zweite Jogger trägt heutzutage ein Smartphone um den Arm und erfasst damit die Laufstrecke per GPS sowie die Herzfrequenz per Brustgurt.
Dass Quantified Self nicht zwangsläufig mit perfektionshungrigen Maschinenmenschen zu tun hat, sieht man an Christian Heller. Der Berliner Autor, der sich im Netz Plomplomplom nennt, veröffentlicht seit über zwei Jahren seinen detaillierten Tagesablauf sowie alle seine Ausgaben und Einnahmen in einem öffentlich zugänglichen Wiki auf www.plomlompom.de/PlomWiki. Wer es liest, weiß: Heller ernährt sich fast ausschließlich von Döner, Salami und Schokopudding, treibt keinen Sport und schläft meistens bis mittags. Unter „QuantifiedPlom“ finden sich außerdem detaillierte Informationen zu seiner Steuererklärung sowie seiner Flaschenpfand-Bilanz.
All das ist nicht nur Provokation. Der Autor bezeichnet sein Wiki-Projekt zwar nonchalant als Experiment (siehe Interview auf Seite 76 in c't 18/12) – es ist aber wohl vor allem ein politisches Statement: Der Datenschutz ist gescheitert, wir müssen uns an eine Welt ohne Geheimnisse gewöhnen. In seinem lesenswerten Buch „Post-Privacy – Prima leben ohne Privatsphäre“ argumentiert Heller, dass sich nicht die Technik verändern muss, sondern die Menschen.
Nerd vs. Urmensch
Dieser These muss man auch als Nutzer von Quantified-Self-Technik nicht zustimmen: Alle Dienste sind nämlich grundsätzlich passwortgeschützt. Nur auf Wunsch wird den Kontakten in den sozialen Netzwerken mitgeteilt, dass man 500 Gramm abgenommen oder gerade einen 10-minütigen Koitus beendet hat – Letzteres kann man übrigens auf bedpost.com speichern.
Wer QS-Fans grundsätzlich einen Hang zum Narzissmus unterstellt, übersieht, dass man die Daten nicht zwangsläufig mit der ganzen Welt teilen muss. Ein gutes Beispiel ist Googles Geolokalisierungstool Latitude – wenn man will, kann man es als Kommunikationsmittel verwenden, um seinen Kontakten zu zeigen, wo man gerade ist, andererseits lässt es sich aber auch einfach als persönliches digitales Tagebuch einsetzen oder als Urlaubsfoto-Geotagger.
Der noch nicht offiziell gestartete Webdienst TicTrac will sich als Kommandozentrale für Lebens- und Körperdaten etablieren.
Doch auch wenn man die Daten nicht veröffentlicht, sondern nur für sich selbst verwendet, finden Kritiker das suspekt: Die extreme Beschäftigung mit sich selbst deute doch wohl auf eine narzisstische Störung hin. Und sowieso: Ob man gut schläft oder sich genug bewegt, wisse man auch so, dafür brauche man keine technischen Hilfsmittel. Quantfied-Self-Anhänger glauben das nicht. Sie verweisen dann gerne auf unsere selektive Wahrnehmung: So neigen Menschen dazu, vieles unbewusst zu verdrängen und anderes dafür tagelang nicht aus dem Kopf zu bekommen. Rational ist das nicht, sondern eher überlebenstaktischer Urmenschinstinkt.
Trotz ihrer Sehnsucht nach Rationalität: Die starke Orientierung nach innen eint Quantified-Self-Adepten mit extrem religiösen Menschen. Und auch sonst finden sich in der QS-Bewegung religiös anmutende Themen. Unsterblichkeit zum Beispiel: Mit einem sogenannten Mindfile, so die Theorie, können Computer in Zukunft womöglich eine ganze Persönlichkeit replizieren. In solchen Mindfiles stecken Fotos, Videos, persönliche Dokumente, Kalender – kurzum: Alles, aus dem man irgendwie Rückschlüsse auf die Persönlichkeit ziehen kann.
Aus einer solchen Datei baut die Firma Lifenaut auf Wunsch einen kostenlosen Avatar, der angeblich so handelt wie man selbst. Letztlich kommt dabei ein Chatroboter-Applet für die eigene Webseite heraus, das ungefähr so viel Persönlichkeit hat wie das gute alte ELIZA-Programm von 1966. Aber das sei ja auch alles erst der Anfang, heißt es beschwichtigend auf lifenaut.com. Schon in 20 oder 30 Jahren könne man aus den Daten womöglich einen echten Replikanten bauen – zum Beispiel ...
(jkj)
Literatur
[1] Meike Laaff, Die Körperkontrolleure kommen: www.taz.de/!86056/
[2] Juli Zeh, Der vermessene Mann: www.tagesanzeiger.ch/ipad/kultur/Der-vermessene-Mann/story/19200678
[3] Klaus Vogt, Messen von Körperfunktionen kann süchtig machen: www.welt.de/gesundheit/psychologie/article13759652/Messen-von-Koerperfunktionen-kann-suechtig-machen.html
Das vermessene Ich
Artikel zum Thema "Das vermessene Ich" finden Sie in c't 18/2012:
Den vollständigen Artikel finden Sie in c't 18/2012.








