Daten auf der Autobahn

Audi connect macht das Auto zum Hotspot

Wissen | Hintergrund

Internet im Auto ist nicht mehr der Oberklasse vorbehalten. Audi bietet sein System inzwischen sogar im City-Flitzer A1 an, allerdings als nicht gerade billige Sonderausstattung. Wir haben einen A6 mit Audi connect getestet.

Letztes Jahr führte Audi für den A8 als Sonderausstattung einen ins MMI (Multi Media Interface) integrierten Computer mit UMTS/WLAN-Router ein, der nun auch für den A1, A6 und A7 erhältlich ist. Er ist der zentrale Baustein der Audi connect genannten Vernetzungsstrategie. Der Online-Verkehrsdienst (Inrix) etwa meldet die Fahrzeugbewegung anonym an einen Server, der anhand der Meldungen den aktuellen Verkehrsfluss analysiert und so dem Navigationssystem, ergänzend zu TMCpro, Informationen zur schnellsten Route liefert.

Ebenfalls nahtlos ins Navigationssystem integriert ist ein Google-Earth-Client, der die Karte auf Wunsch mit Satellitenbildern überlagert. Demnächst soll das System noch um die Streetview-Ansicht des Ziels erweitert werden. Außerdem lädt Audi connect Nachrichten sowie Wetter- und Reiseinformationen und zeigt sie auf dem Monitor an.

Mathias Halliger, der bei Audi die Entwicklung der MMI-Architektur leitet, betonte, dass das aktuelle System Grundlage für weitere Schritte sei, um Daten, die offboard gespeichert sind, im Auto zugänglich machen. Dabei sei reines Browsen aber zu kurz gesprungen. Fahraktive Anwendung integriere Audi voll in die Fahrzeuginformationssysteme, sodass das Internet gar nicht als Medium in Erscheinung tritt.

Interaktive Dienste wie Facebook oder Twitter während der Fahrt hält Halliger nicht für praxistauglich. Audi lässt etwa auch das Schreiben von SMS nur über Textbausteine zu, da der Fahrer sonst zu stark abgelenkt würde. Beifahrer hingegen können über den Hotspot im Auto ihre gewohnten mobilen Geräte nutzen. Im Test vermissten wir allerdings einen E-Mail-Notifier, der über eingehende Nachricht informiert; hier soll eine Lösung folgen.

Audi führt intensive Usability-Untersuchung durch. Dabei schneidet das hauseigene Touchpad sehr gut ab, das in unserem Test mit dem Finger gemalte Buchstaben zuverlässig erkannte und akustische bestätigte. Es lenke nach den Ergebnissen der Studien den Blick weniger ab als Dreh/Drücksysteme oder Touchscreens und sei ideal für alle, die keine Sprachbedienung wollen, sagte Halliger.

Die Hardware hinter Audi connect ist modular aufgebaut. Die meisten Komponenten stecken in einem Autoradiogehäuse mit einfacher DIN-Bauhöhe: DVD-Laufwerk, FM-Doppeltuner, eventuell auch DAB-Modul, Digital-Verstärker (6 Kanäle), Telefonmodul mit UMTS-Einheit.

Der Lebenszyklus moderner Elektronik ist jedoch nicht kompatibel zur Laufzeit eines Autos. Eine Fahrzeugtopologie ist etwa 7 Jahre lang stabil; Schnittstellen ändern sich kaum. Außerdem wird ein Auto meist länger als 10 Jahre gefahren. Demgegenüber ändern sich bei Computern die Anforderungen an CPU, Speicher und Grafik in viel kürzeren Abständen. Viele Systeme sind nach weniger als 3 Jahren bereits veraltet.

Audi verfolgt daher ein zweiteiliges Konzept aus RCC (Radio and Car Control Unit) und MMX (Multimedia Extension Module), die wiederum modular aufgebaut sind. Die beiden Subsysteme haben unterschiedliche Lebenszyklen. So soll das Computerboard alle 18 bis 24 Monate überarbeitet werden. Aktualisierte Versionen gibt es dann zunächst für Neufahrzeuge. Eine Wechselstrategie für ältere Fahrzeuge wird noch erarbeitet; eine Aufrüstung auf neue Hardware soll künftig einfach möglich sein. Aber auch die anderen Komponenten werden weiterentwickelt. So gibt es bereits den Prototypen eines Mobilfunkmoduls für LTE, das aber voraussichtlich nicht vor 2013 in Serie gehen wird.

Aktuell verbaut Audi Boards mit einer Renesas-SH4A-CPU und einem Grafikchip von Nvidia. Die nächste Generation ist bereits fertig und besteht aus einer steckbaren Platine mit Dual-Core-ARM-CPU (Tegra 2, Cortex-A9) und 1 GByte RAM.

Im Test galt es zunächst, ein Notebook per WLAN zu koppeln. Das Einstellmenü des Fahrzeugs ist übersichtlich. Wir änderten dort als Erstes das WLAN-Passwort, das mit „AUDIAUDI“ etwas zu simpel eingestellt war. Auch der Name des Netzes findet sich dort und lässt sich ändern.

Vergrößern Die Sicherheitseinstellungen fürs WLAN sind übersichtlich zusammengefasst.

Nach dem Einbuchen in das WPA2-geschützte WLAN waren zwei interne Netze erreichbar. In einem befand sich der UMTS-Router, der per DHCP die IP-Adressen an die angemeldeten Geräte vergab. Im zweiten meldete sich der für die Namensauflösung zuständige DNS-Server. Die Überprüfung des Routers mit dem Portscanner nmap förderte außer DHCP keine weiteren offenen Ports zutage. Nmap ordnete die MAC-Adresse des Routers dem Hersteller des Multi Media Interface (MMI) Harman/Becker Automotive Systems GmbH zu. Ein Scan des DNS-Servers lieferte ebenfalls keine offenen Ports (außer DNS).

Während das Autoradio eine Scheibenantenne besitzt, nutzt das UMTS-Modul von Telit den Haifischzahn auf dem Dach. Es erwies sich damit als deutlich empfangsstärker als ein Smartphone im Fahrzeuginneren. Audi hat nach eigenen Angaben die Handover-Strategie in Zusammenarbeit mit Mobilfunkbetreibern optimiert, um beim Wechsel der Funkzelle möglichst geringe Ausfälle zu erreichen. Wählt der Fahrer den telefonieoptimierten Modus, wechselt das Modem früher von 3G in 2G-Netzwerke als im datenoptimierten Modus.

Vergrößern Datenroaming im Ausland wird schnell teuer, lässt sich aber einfach unterbinden.

Über der Mittelkonsole befindet sich eine Klappe, die zwischen zwei SDHC-Slots auch den für eine Mini-SIM-Karte verdeckt. Wer bereits einen Datenvertrag mit Multi-SIM-Option abgeschlossen hat, kann hier seine zweite Karte einstecken. Die PIN lässt sich abspeichern, wenn man sie nicht regelmäßig neu eingeben möchte. Das Telefonbuch aus der SIM kann man ins Telefonmodul importieren. Gut gelöst: Mit einem Klick schaltet man das potenziell teure Datenroaming im Ausland ab.

Viele Mobiltelefone (aber nicht das iPhone) unterstützen das SIM-Access-Profile. Dann benötigt man keine zweite SIM, sondern muss nur das Handy per Bluetooth mit dem Telefonmodul des Audi verbinden. Auch hier ermöglicht die Nutzung der Dachantenne einen besseren und stabileren Empfang.

Unsere Durchsatzmessungen fanden verkehrsbedingt meist zwischen 160 und 220 km/h statt, selten darüber. Wir fuhren dazu auf der A2 und A7 um Hannover und nutzten abwechselnd die Netze der Telekom, von Vodafone und O2. Dabei erfassten wir mit wget die Download- und mit iperf die Uploadgeschwindigkeit.

Beim Download erreichten wir auch bei höherem Tempo häufig gute, aber wechselnde Datenraten zwischen 1 und 2 MBit/s, wobei es gelegentlich kurze Einbrüche auf um 400 kBit/s gab. Bisweilen kam es auch zu Unterbrechungen, offenbar beim Zellenwechsel. Ähnlich sah es bei der Uploadgeschwindigkeit aus, die meist um 380 kBit/s lag, aber ab und zu auf 65 oder 0 kBit/s zurückging.

Bei langsameren Fahrten erreichten wir selten höhere Bandbreiten, im Gegenteil: Auf der Autobahn war die Netzversorgung oft besser als auf Landstraßen.

Im Praxistest nutzten Beifahrer verschiedene Internetdienste. Für Audio- und Videostreaming oder Online-Spiele erwies sich die Verbindung als nicht ausreichend stabil. E-Mail-Lesen, Surfen, Twittern und Ähnliches klappte hingegen prima; kurze Unterbrechungen fallen dabei selten auf.

In der Praxis bewährte sich die Integration der Online-Verkehrsdienste in das Navigationssystem auf freien Straßen um mehrere Staus herum.

Laut Audi arbeitet die Google-Earth-Anwendung mit 2 GByte Cache auf der Festplatte und einem intelligenten Kachelmanagement, das Bildteile zur berechneten Route vorweg herunterlädt. Die stehen dann etwa bei Ausflügen ins Ausland zur Verfügung, auch wenn Datenroaming abgeschaltet ist.

Vergrößern Hat man sein Fahrzeug bei Audi registriert, kann man Ziele für die Navigation verwalten, um sie übers Internet ins Auto zu laden.

Fahrzeugbesitzer können sich auf dem Audi-Portal einen Account anlegen und den Wagen mit der Fahrgestellnummer registrieren. Darüber lassen sich dann unter anderem Adressen ins Navi laden oder auch Wegpunkte direkt über die Webseite von Google Maps. Das Auto wird dabei anonym unter einer Zufallsnummer angesprochen, die sich bei jedem Anlassen ändert. Änderungen der Fahrzeugeinstellungen oder gar das Öffnen der Zentralverriegelung sind online nicht möglich.

Den Online-Verkehrsdienst kann man übrigens auch mit der iOS-App myAudi mobile assistant nutzen, die wiederum Bewegungsdaten an das System überträgt und so die Verkehrsdichteberechnung verbessert. Die Anzeige von Nachrichten und Wetterdaten ist sehr unspektakulär. Eine Sprachausgabe wie bei den TMCpro-Meldungen ist derzeit noch in der Entwicklung.

Audi verwendet das Echtzeitbetriebssystem QNX. Sein Mikrokernel sorgt für eine hohe Stabilität, da es selbst einen Treiberabsturz übersteht. Dabei müssen nahezu alle Anwendungen lange Zeit ohne Systemreset parallel laufen können.

Als Grafikframework dient OpenGL, das Applikationsframework wird von e.solutions weiterentwickelt, einem Joint Venture zwischen Elektrobit und Audi. Es baut künftige Software-Stacks, um alle 18 bis 24 Monate ein neues System-Upgrade herausbringen zu können

Auf dem System laufen derzeit mehr als ein Dutzend Anwendungen. Die Anwendungen werden in Embedded Java geschrieben. Das System habe etwa 80 Prozent Überdeckung mit Android, sagte Halliger, Teile davon seien in die Entwicklung des BlackBerry PlayBook eingeflossen.

Audi plant, über Remote HMI (Human Machine Interface) Software auf Servern im Internet oder auch auf Smartphones im Auto laufen zu lassen, die über einen XML-Dialekt mit dem Audi-System kommuniziert, das dann die Oberfläche darstellt. Das Ganze funktioniert wie ein Widget-Baukasten für Bedienelemente und soll unter anderem Cloud-Anwendungen ins Auto holen.

Um Audi connect nutzen zu können, muss man mehrere Sonderausstattungsposten ordern, der teuerste ist MMI Navigation plus. Dazu gehört auch das Navigationssystem mit TMCpro, eine Festplatte für Musik und das Audi Music Interface, über das iPod oder iPhone Anschluss finden. Beim A1 kostet das mit 6,5-Zoll-Farbdisplay 2650 Euro. Beim A6 und A7 bezahlt man dafür 3500 Euro, erhält dafür aber auch ein 8-Zoll-TFT und MMI touch. Im A8 kostet dieses Paket 2900 Euro.

Die nächste notwendige Option ist das Bluetooth-Autotelefon online. Es enthält das UMTS-Modul für die Daten- und Telefonverbindung sowie den SIM-Kartenslot und kostet im A1 720 Euro, in den anderen Modellen 890. Nur im A1 benötigt man außerdem das Multifunktions-Sportlederlenkrad (ab 130 Euro) und das Fahrerinformationssystem (180 Euro).

Audi holt das Internet sehr behutsam ins Auto. Dabei ist das Konzept sicher nicht schlecht, den Beifahrern einen stabilen Hotspot bereitzustellen, über den sie mobile Geräte nutzen können, während der Fahrer möglichst wenig abgelenkt wird. Der wünscht sich aber dennoch ein paar mehr Apps, etwa um E-Mails empfangen zu können.

Doch Erweiterbarkeit und Flexibilität sind die Stärken von Audi connect. Daher darf man damit rechnen, dass sich nicht nur die Hardware, sondern auch das Angebot an Applikationen an die Ansprüche der Nutzer anpassen wird. (ad)

Kommentare

Anzeige