Debian 8.0 Jessie im Kurztest

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Auch wenn die Einführung von Systemd als Standard-Init-Dienst große Wellen bei den Entwicklern geschlagen hat, ist Debian Jessie nach nur zwei Jahren fertiggestellt. Neben Verbesserungen auf dem Desktop und vielen Aktualisierungen musste aber auch die Unterstützung einiger CPU-Architekturen eingestellt werden – Mangels Entwicklern.

Die Entwicklung von Debian 8 mit dem Codenamen Jessie verlief ungewöhnlich turbulent: Mitglieder des Technical Committee legten ihren Posten nieder, Maintainer warfen hin und eine Grundsatzentscheidung warf einen dunklen Schatten auf den Zeitplan. Trotzdem haben die Debianer Jessie in nur zwei Jahren fertiggestellt. Der Stein des Anstoßes, die Einführung von Systemd als Standard-Init-Dienst, ist dann auch die größte Neuerung – lässt sich aber leicht entfernen und wird bei Upgrades auch niemandem aufgezwungen.

Wie schon der Vorgänger Wheezy bietet auch das neue Debian Jessie drei Installationsmodi: Den Textmodus-Installer, der mit einfachen Textmenüs arbeitet, den grafischen Installer, bei dem die Textmenüs grafisch aufgepeppt sind und die sprachgeführte Installation, mit der Sehbehinderte auch ohne Braille-Zeile Debian installieren können.

Die Dialoge im Textmodus und in der grafischen Installation sind nahezu identisch, was die Programmierung vereinfacht. Dadurch bleiben aber viele ergonomische Optimierungsmöglichkeiten in der grafischen Installation ungenutzt und zusammenhängende Konfigurationsdialoge, etwa beim Anlegen des Benutzers, werden in viele Einzelschritte aufgespalten. Zum Schmunzeln: Der letzte Daily Build des Debian-Installer kennt für Deutschland genau zwei Zeitzonen – die für Berlin und die für Büsingen.

Unkomfortabel ist auch, dass der Anwender während der gesamten Installation anwesend sein muss, weil sie immer wieder durch Rückfragen unterbrochen wird. Andere Distributionen fragen die für die Einrichtung notwendigen Daten zu Beginn ab und arbeiten den Rest der Installation weitgehend automatisiert ab.

Für die sprachgeführte Installation kommt ein Synthesizer zum Einsatz, der den Bildschirminhalt mit einer männlichen Stimme über die Soundkarte vorliest. Das Installationsprogramm arbeitet deshalb auf der Kommandozeile, anstatt durch Textmenüs zu navigieren bekommt der Anwender bei jedem Schritt eine nummerierte Liste von Optionen, aus der er per Tastatureingabe auswählt.

Auch hier erweisen sich die über alle Installer hinweg vereinheitlichten Dialoge als Nachteil für den Anwender: Gleich als erstes werden ihm fast 50 Optionen zur Sprachauswahl vorgelesen, von denen manche praktisch gar nicht zur Wahl steht, weil sie der Synthesizer nicht beherrscht. Wer zum Beispiel Griechisch auswählt, bekommt anschließend nur noch die Ziffern in Englisch vorgelesen – welche Optionen sich dahinter verbergen, behält der Installer für sich. Praktisch wäre hier eine mehrstufige Siebung etwa nach Kontinent und Region, sodass es pro Dialog höchstens noch ein Dutzend Optionen gibt. Englischkenntnisse sind ohnehin erforderlich, allein schon, um die Sprachauswahlmöglichkeiten zu verstehen.

Die umstrittenste Neuerung in Debian Jessie ist die Einführung von Systemd als Standard-Init-Dienst. Für Admins bedeutet das einige Umstellungen, für die Netzwerkkonfiguration ist etwa zukünftig eine Datei aus dem Verzeichnis /etc/systemd/network zuständig. Jessie berücksichtigt aber weiterhin zusätzlich eine in der Datei /etc/network/interfaces hinterlegte Netzwerkkonfiguration. Für Anwender spielt die Umstellung in diesem Fall keine Rolle, sie konfigurieren das Netzwerk weiterhin über den NetworkManager auf dem Desktop.

Debian Jessie funktioniert aber auch ohne Systemd, indem man SysV-Init aus der Paketverwaltung nachinstalliert und Systemd entfernt lässt sich Jessie jederzeit auf das alte Init-System zurückstellen. Auch wer zuvor Debian 7 Wheezy installiert hatte, behält SysV-Init, beim Upgrade bleibt das alte Init-System Standard. So ist gewährleistet, dass Admins bestehende Server-Installationen nicht grundlegend neu konfigurieren müssen.

Desktop-Anwender können bei der Installation zwischen Gnome, Xfce, KDE, Cinnamon, Mate und LXDE (in dieser Reihenfolge) auswählen. Vorausgewählt ist bei den NetInstall-CD standardmäßig zwar keiner der Desktops, wer aber den Debian Desktop ohne weitere Konkretisierung auswählt, erhält automatisch das gut sechs Monate alte Gnome 3.14 mit Gnome Shell installiert. Der Standardbrowser ist wie bei Debian üblich der Firefox-Abkömmling Iceweasel, installiert wird die Version 31.6, für E-Mails ist Evolution zuständig, alternativ lässt sich der Thunderbird-Abkömmling Icedove in Version 31.6 aus dem Standard-Repository installieren. Zum Standard-Installationsumfang gehören noch LibreOffice Version 4.3.3 und Rhythmbox 3.1 – diese Programme sind auch im Dock auf der linken Seite abgelegt. Bei etlichen Programmen, darunte der Datei-Manager Nautilus und der Texteditor Gedit, wurden Schaltflächen aus der Toolbar in die Titelzeile des Fensters integriert, um für mehr Platz auf dem Bildschirm zu sorgen.

Die Debian-Entwickler haben ansonsten überwiegend Produktpflege betrieben und gegenüber dem Vorgänger-Release Wheezy diverse Dienste und Programme aktualisiert, allem voran den Kernel. Zum Einsatz kommt nun Linux 3.16, sodass Jessie auch die Hardware aktueller Notebooks gut unterstützt. KDE lässt sich in der Version 4.11 installieren, Xfce liegt in Version 4.10 vor, Apache wurde auf die Version 2.4 und Bind auf die Version 9.9 aktualisiert. Neben der Datenbank MySQL 5.5 sind auch PostgreSQL 9.3 und erstmals MariaDB 10.0 aus dem Standard-Repository verfügbar. Ebenfalls neu: Eine Reihe Meta-Packages vom Debian Games Team soll die Installation von Spielen unter Jessie vereinfachen.

Auch bei den unterstützten Architekturen hat sich mit Jessie einiges getan, so gibt es jetzt Portierungen für 64-Bit-ARM-Geräte (arm64) und 64-Bit-PPC-Prozessoren (ppc64el). Sie stehen neben den CD-Images der anderen Portierungen beim Debian-Projekt zum Download bereit. Dafür wurden die Portierungen ia64, sparc und s390 sowie die FreeBSD-Portierungen kfreebsd-amd64 und kfreebsd-i386 entfernt – meist, weil sich nicht genügend Entwickler um die jeweilige Portierung kümmerten.

Mit der Veröffentlichung von Jessie ist das Support-Ende des Vorgängers Wheezy absehbar, die Distribution wird voraussichtlich noch bis Ende April 2016 mit Updates versorgt. Behalten die Debian-Entwickler ihren fast schon regelmäßigen Release-Zyklus bei, erscheint das nächste Stable Release, Stretch, im zweiten Quartal 2017. Der Name des nächsten Testing-Entwicklungszweigs wird traditionell im ersten Status-Bericht nach dem jetzt erfolgten Release bekanntgegeben. (mid)

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