Leicht konnte ein unvorbereiteter Besucher den Eindruck gewinnen, er habe sich in der Veranstaltung geirrt, wenn er die Computermesse bits&fun 95 durch die "falsche" Halle betrat.In Halle 4 des M.O.C. in München, in dem die Messe München GmbH die neuartige "Informations- und Verkaufsshow für Computer und Kommunikation" veranstaltete, deutete eigentlich alles auf einen Sport-Event.
In manchen Stunden war hier, im "Apple Fun Park", der Bär los: Jugendliche von 9 bis 19 tobten mit Skateboards und Rollerblades durch die Gegend, hüpften auf Trampolinen oder trieben anderen sogenannten "Fun-Sport". Der Link zum Computer: Die Kids konnten sich über ein paar herumstehende Rechner in das Internet einwählen und sich über ihre sportiven Hobbys informieren oder sonstigen Netzaktivitäten nachgehen. Die "Familienshow" bits & fun wandte sich speziell an "private Anwender, Kids und Computerfreaks, Freiberufler, kleine Unternehmen sowie Aus- und Weiterbildungseinrichtungen" aus München und seinen umliegenden Regionen. Und: die Zielgruppen sollten die angepriesenen Produkte an Ort und Stelle auch gleich kaufen.
Das neue Messekonzept stieg auf große Resonanz -- nicht nur bei der EDV-Industrie, sondern auch bei Verlagen sowie Rundfunk- und Fernsehsendern. 180 Unternehmen buchten vier Hallen (15.000 qm) bereits Wochen vorher aus. Dies zeige, so Dr. Joachim Enslin, Geschäftsführer der Messe München GmbH, daß der Markt auf dieses Konzept gewartet habe. "Mit der bits & fun haben wir eine deutliche Position in der deutschen Messewirtschaft bezogen", betonte Enslin. Gegenüber der im nächsten Jahr erstmals stattfindenden "CeBIT home", die auch den Handel anspreche, positioniere sich die bits & fun vor allem durch die Orientierung auf das Informationsbedürfnis des Verbrauchers und die Betonung des direkten Verkaufs, hieß es von der Messe München. Diese zeigte sich überaus zufrieden Über 32.000 Besucher, die am Wochenende des 24. bis 26. November, "fünf Wochen vor Weihnachten", bei nur zehn Mark Eintritt (Schulklassen 5 DM pro Person) die Veranstaltung frequentierten.
Neben dem "Fun-Anteil", zu dem auch Gewinnspiele, Virtual-Reality-Spiele und die Live-Produktion der Kabel1-TV-Game-Show "Hugo" gehörten, waren Multimedia, Aus- und Weiterbildung, Online-Dienste/Internet und Präsentationen respektive Podiumsdiskussionen auf einer "Show-Bits"-Bühne die Schwerpunkte. Ein mitunter etwas ausufernder Lärmpegel rings um das Show-Bits-Areal erschwerte allerdings gelegentlich das konzentrierte Verfolgen der Gespräche und Diskussionen. In allen Hallen kämpften Aussteller oft mit lautem Sound und marktschreierischen Anpreisungen gegeneinander an und scharten die Leute um ihre Stände, wenn etwa mit vollen Armen CD-ROMs und Disketten mit Free- und Shareware-Programmen unters Volk geworfen wurden. Doch gab es auch ruhigere Ecken -- etwa die "World on Screen", wo sich Kids, Eltern und Pädagogen über spielerische Lernsoftware informieren konnten.
Eine "Lernwelt Television 2000" der Bavaria Interactive zeigte dort interaktive Informationsvermittlung über ökologische Daten und Fakten, und Bildungsexperten standen für Gespräche zur Verfügung. Im T-Online-Internet-Surf-Cafe waren die Rechner natürlich wieder kontinuierlich umlagert, und auch die diversen Homebanking-Informationsstände von Banken und Sparkassen konnten nicht über mangelndes Interesse klagen.
Wichtige Neuheiten an Soft- und Hardware waren, wie zu erwarten, insgesamt ziemlich rar. Microsoft stellte die neuen 32-Bit-Anwendungen der MS-Home-Reihe vor. Apple kündigte für Ende 95 die Implementierung von StarOffice 3.0 für den PowerPC an. Außerdem wurde ein "Schul-Macintosh" vorgestellt, ein preiswertes Hard- und Software-Paket speziell für den (deutschen) Schulbereich. Dazu gehört auch der neue Apple-Monitor Multiscan 14. Abgesehen von der Stillung eines allgemeinen Informationsbedürfnisses konnten kaufentschlossene Besucher vor allem so manches "Schnäppchen" machen. Da ging etwa ein TEAC-sechsfach-CD-Rom-Laufwerk inklusive Software für 399 Mark über den Tresen, wer wollte, konnte sich für 10 Mark ein 2400-bps-Commodore-Modem unter den Arm klemmen, und Wühltisch an Wühltisch bot preiswerte Software oder Bücher. Selbst "ungeprüfte, gebrauchte und unvollständige oder defekte" Hardwarekomponenten aus Versicherungsschadenfällen fanden noch reichlich Abnehmer.Auch seriöse Unternehmen wie IBM gaben sich während der drei Tage ganz leger -- bei den meisten Ausstellern blieben die Anzüge im Kleiderschrank. Ein junges Jeansjacken-Team von IBM pushte OS/2 Warp und "feierte den einjährigen Geburtstag" der Version 3 des Betriebssystems, inklusive der Präsentation des 1.111.111ten OS/2-Warp-Anwenders. Siemens Nixdorf zeigte Flagge mit seinem neuen "Scenic"-Multimedia-Computer und unterstrich des Konzerns "verstärktes Engagement in Richtung Consumer".
Daß die bits & fun ein großartiger "Volltreffer" war, wie die Messe München in einer abschließenden Presseerklärung unterstrich, mögen einige Aussteller und auch mancher Besucher etwas relativieren. Stichprobenartig über ihren Verkaufserfolg befragt, war die Reaktion mancher Aussteller nicht gerade euphorisch. Doch Konzept und Umsetzung der neuen Münchner "Computershow" werden sicherlich verbessert -- davon wird man sich wohl auf der nächsten "bits & fun", vom 22. bis 24. November 1996, überzeugen können. Die WWW-Seiten (http://www.west.de/activity/bits&fun.html) bieten noch bis Ende Dezember weitere Impressionen. (ae)
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