Der Feind im Fenster

Deutsche Multiplayer-Games auf Browser-Grundlage

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Rollen- und Strategiespielfreunde brauchen nichts als Mozilla, Internet Explorer oder Opera, um mit Tausenden von Mitspielern per Internet in spannende Partien einzutreten. Viele Games, die nur mit Hilfe eines Web-Browsers laufen, bieten monatelange Unterhaltung, sind komplexer als viele herkömmliche Computerspiele und meist sogar kostenlos zu nutzen.

Aufmacher

Am Anfang gibt es nur einen Planeten, öde und leer. Bald entstehen Eisenförderung, Forschungszentrale, Verteidigungsanlagen und eine Raumschiff-Fabrik. Das alles kann der Spieler bequem per Mausklick in seinem Browser veranlassen. Die planetare Schrebergartenidylle ist aber dahin, wenn ein gieriger Nachbar zum Beutezug startet und mit Plünderungen beginnt. Spätestens dann erwägen die meisten Spieler, einer bestehenden Allianz beizutreten oder eigene kleine Bündnisse zu schmieden - gemeinsam ist man bekanntlich stärker, also auch besser geschützt.

Hier wird der Unterschied zwischen den so genannten Browser-MMOGs (Massive Multiplayer Online Games) und den zahlreichen Online-Solospielen besonders deutlich, die als kurzweilige Pausenfüller konzipiert sind und meist knallig bunt auf Java- oder Flash-Grundlage daherkommen: Bei den ernst zu nehmenden Online-Spielen steht die Interaktion zwischen den Teilnehmern im Vordergrund.

Wie die lokal zu installierenden Kommerz-Klassiker Ultima Online oder Everquest bieten auch Browser-Spiele echte Massive-Multiplayer-Erlebnisse nach dem Modell der „Persistent Worlds“ [#literatur [1]]: Jeder Spieler ist Teil einer komplexen virtuellen Welt, die sich in Echtzeit weiterentwickelt, auch wenn er sich gerade mal nicht online betätigt. Aber die im Browser ablaufenden Games erfordern keinen Client, den man erst kaufen und einrichten muss. Daher sind sie weitgehend systemunabhängig, meist kostenlos und können auch im Büro oder im universitären Rechenzentrum gespielt werden. Es ist allerdings erforderlich, dass der verwendete Browser Cookies annehmen darf. Alle in diesem Beitrag vorgestellten Spiele arbeiten damit.

Die MMOGs, die der Steckbriefkasten auf Seite 182 exemplarisch aufführt, laufen mit aktuellen Versionen von Mozilla unter Linux ebenso gut wie mit Internet Explorer oder Opera unter Windows und mit Safari unter Mac OS X. Die Darstellung ist überall bis auf wenige, kaum ins Gewicht fallende Ausnahmen einwandfrei. Apples Safari füllt bei Xwars nicht alle Hintergründe vollständig aus, der Internet Explorer 5.2.2 zeigt diesen Fehler bei Galaxy-Network auf dem Mac. Die meisten Darstellungsprobleme begegnen noch im Konqueror-Browser unter Linux/KDE - zu beobachten bei Xwars, Galaxy-Network und Wogen des Schicksals. Darunter brauchen aber weder Spielbarkeit noch Spielspaß der betreffenden MMOGs zu leiden.

Spiele der hier vorgestellten Art sind also Musterknaben in puncto Plattformunabhängigkeit. Die Kehrseite der Medaille besteht darin, dass der Spieler mit einer eher unspektakulären Optik vorlieb nehmen muss. Im besten Fall ist die Navigation noch schick gestaltet - im Idealfall zeigt sie sich auch noch einfach und aufgeräumt. Vielleicht findet sich bei Science-Fiction-Welten noch eine grafische Darstellung der Raumschiffe. Der Rest sind Text, Zahlen und Tabellen. Doch das vergessen die meisten Spieler nach kurzer Zeit - und zwar auch diejenigen, die sonst prächtig gerenderte Grafik bei gekauften Games genießen und um Shareware oder Werbespielchen einen großen Bogen machen.

Bei den erfolgreichsten Browser-MMOGs begegnet man immer wieder dem gleichen Spielprinzip [#literatur [2]]: Es geht um Echtzeit-Aufbaustrategie im Weltraum. Man errichtet Gebäude, produziert militärische Einheiten, schmiedet Bündnisse. Anleihen bei Play-by-E-Mail-Legenden wie „VGA Planets“ oder „Stars!“ sind unübersehbar.

So ähnlich die Konzepte auf den ersten Blick wirken, so groß sind die Unterschiede im Detail. Die Bauzeit eines Gebäudes kann bei XWars einige Stunden betragen, bei Space Assault nehmen Forschungsvorhaben teilweise mehrere Tage in Anspruch. Bei OGame dagegen ist das alles eine Sache von wenigen Minuten. XWars hat einen ausgefeilten Tech-Tree, also eine Hierarchie technisch einsetzbarer Spielmöglichkeiten, dessen Verästelungen auch nach Wochen noch nicht erforscht sind. Bei Galaxy-Network ist die Phase des Entdeckens und Ausprobierens hingegen nach wenigen Tagen vorbei - Kämpfe, Bündnisse sowie andere Feinheiten des Mit- und Gegeneinanders spielen hier eine viel größere Rolle. Die Diplomatie ist verzwickt, Allianzen werden gebildet und zerbrechen, mehrere Gruppen schließen sich zu Meta-Bündnissen zusammen.

Neben den Science-Fiction-Spielen, die gegenwärtig das Schwergewicht bilden, finden sich auch einige Titel, deren Handlung in Fantasy- oder Mittelalter-Szenarien angesiedelt ist. Meist darf man sich dabei dann als Herrscher um die einzelnen Untertanen kümmern und diese für verschiedene Berufe ausbilden. Ansonsten ist das Spielprinzip ähnlich wie bei den Weltraumstrategen.

Ein etwas eigenwilliges Gepräge hat vor allem Mystics Kingdoms. Hier dreht sich alles um das Aufpäppeln eines einzelnen Charakters. Anfangs kann man zwischen den typischen Fantasy-Helden-Klassen wählen. Dann schickt man die eigene Spielfigur in den Kampf, dessen Ausgang der Server anhand der Eigenschaftswerte wie Stärke und Konstitution sowie der Ausrüstung berechnet. Der Sieger wird mit Erfahrungspunkten belohnt, die nach und nach zum Erreichen der nächsten Stufe führen. Oft bleiben auf dem Schlachtfeld Ausrüstungsgegenstände zurück, die man sich aneignen und anlegen, aber auch mit Teammitgliedern gegen andere Dinge tauschen kann.

Auch Mystics Kingdoms ist kurzweilig, aber das Gefühl, Teil einer großen Welt zu sein, ist schwächer ausgeprägt als bei anderen Browser-Spielen. Es beschränkt sich vorrangig auf kurze Kampfrunden.

Zusammengenommen verzeichnen die deutschen Browser-MMOGs derzeit vielleicht 100 000 Spieler mit rapide steigender Tendenz - aber kaum jemand außerhalb der Spielergemeinde hat davon bislang Notiz genommen. Ihren beachtlichen Anklang haben diese Spiele fast völlig ohne Werbung gefunden. Bloße Mundpropaganda hat immerhin dazu geführt, dass man in Deutschland augenblicklich von so etwas wie einem heimlichen Boom der Browser-MMOGs sprechen kann.

Als internationaler Urvater des neuen deutschen Multiplayer-Vergnügens kann „Planetarion“ [#literatur [3]] gelten, das schon einige Jahre auf dem Buckel hat. Hierzulande ging vor einem guten Jahr die erste Welle solcher Spiele in die Alpha-Testphase. Inzwischen ist eine Hand voll hochwertiger Projekte fertig, etliche viel versprechende Welten sind noch in Entwicklung. Nicht zuletzt die zunehmende Verbreitung von Flatrates kommt den Browser-Spielern entgegen: Während das Spiel selbst oft nur erfordert, dass man sich täglich ein paarmal für fünf Minuten einloggt, sind die einschlägigen IRC-Channels ganztägig überfüllt. Schließlich müssen sich Allianz-Mitglieder besprechen. Das tut man bevorzugt im Chat, und der kostet Online-Zeit.

Die Entwickler beginnen das Ganze meist als Hobbyprojekt. Doch mit wachsenden Nutzerzahlen machen sich viele inzwischen Gedanken darüber, mit ihrem Spiel Geld zu verdienen. Space Assault ist bereits kostenpflichtig geworden. Einige weitere Spielbetreiber denken darüber nach, Premium-Dienste anzubieten, die Teilnehmer durch zusätzlichen Spielluxus zum Zahlen motivieren sollen. Die Entwicklung steht noch am Anfang - wahrscheinlich wird sich aber in den nächsten Monaten die Spreu vom Weizen trennen. Die führenden Spiele werden ihre Position ausbauen und verschiedene Finanzierungsmodelle ausloten. Völlig unklar ist noch, ob beziehungsweise wie sich der Siegeszug der Browser-Spiele auf den Absatz von Online-Spielen in den Regalen des Handels auswirken wird. (psz)

[1] David Adamczewski, Andreas Lober: Welten am Draht, Gemeinsam statt einsam - PC-Spiele übers Internet, c't 5/02, S. 128

[2] vgl. Konrad Lischka: Güter und Gegner, Wirtschaftssysteme in Online-Rollenspielen, c't 11/03, S. 182

[3] Planetarion, inzwischen in zehnter Generation als „X - Genesis“: www.planetarion.com

[4] GameSurf-Server: http://gamesurf.tiscali.de/gaming/roleplaying/

[5] 4Players-Server: www.4netplayers.de

[6] Eine Liste von Gameserver-Anbietern findet sich unter http://gscn.de/anbieter.html.

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Viele der Browser-Games haben als reine Hobbyprojekte das Licht der Netzwelt erblickt. Wer selbst mit dem Gedanken spielt, ein eigenes systemübergreifendes Spieluniversum für Browser-Nutzer zu schaffen, sollte sich bewusst sein, dass dies mit einem gewissen Aufwand verbunden ist.

Praktisch alle aktuellen Spiele im Softwarehandel entstammen Kombinationen aus Low- und High-Level-Programmierung. In der Regel schreibt man die Engines und Interfaces in C++, während das Drumherum „gescriptet“ wird. Bei den meisten Browser-Spielen ist hingegen PHP angesagt. Dabei wird nur Port 80 benötigt - also können auch Spieler aus Universitäts- und Firmennetzwerken teilnehmen, die hinter einer Proxy-/Firewall-Kombination sitzen.

Das wäre zwar auch mit Perl oder ASP zu erreichen. Von Perl sehen die meisten Spieleschöpfer aber wegen der größeren Serverbelastung und der anspruchsvolleren Programmierung ab. Der Einsatz von ASP erfordert idealerweise eine homogene Microsoft-Webserver-Umgebung, was mit Kosten verbunden ist. Flash und Shockwave, von Grafikern geliebt, von Programmierern oft gehasst, benötigen aufgrund der Grafiklastigkeit viele Ressourcen auf dem PC des Spielers. Auch das ist ein K.O.-Kriterium für viele Uni-Rechner. Zudem sind Flash- und Shockwave-Spiele meist mit längeren Ladezeiten verbunden.

Um Browser-Spiele mit einigen tausend Teilnehmern am Laufen zu halten, sollte man Mehrprozessormaschinen mit mehreren Gigabyte RAM einsetzen. Aus Kostengründen kommt meist ein Apache-Server unter Linux mit MySQL zum Einsatz. Bei ordentlicher Programmierung verkraftet eine typische Maschine rund 500 User, die parallel online sind. Zum Vergleich: Derselbe Rechner könnte rund 100 Counter-Strike-Spieler bedienen. Da im Schnitt rund zehn Prozent der aktiven Spieler gleichzeitig im Netz sind, wäre dies bei Browser-Spielen eine ausreichende Kapazität für rund 5000 Aktive.

Die Kosten einer solchen Ausstattung liegen mit rund 4500 Euro für ein Hobbyprojekt ziemlich hoch. Anfangs mieten deshalb viele Entwickler günstige Server geringerer Leistung und ohne volle Administrationsrechte. Später wechseln die Erfolgreichen oft zu Anbietern wie GameSurf (Tiscali Games) [#literatur [4]] oder 4Players (Freenet) [#literatur [5]], die gegen Revenue-Sharing die Technik stellen und teilweise auch bei der kommerziellen Vermarktung behilflich sind [#literatur [6]].

Der entstehende Traffic auf den Servern hält sich in Grenzen - gemessen an dem, was bei Spielservern üblicherweise auftritt. Das Nadelöhr sind Speicher und Rechenleistung. Wenn man auf einen eigenen Client verzichtet und PHP einsetzt, muss der Server jede Spieloperation berechnen. Zudem laufen erhebliche Zugriffszeiten auf, denn der Server im Web muss den zur Laufzeit zu interpretierenden PHP-Code Befehl für Befehl übersetzen.

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Deutschsprachige Browser-orientierte Online-Multiplayer-Spiele
URL Besonderheiten Team-
Aspekte
Langzeit-
Motivation
Umsetzung Teilnahme-
kosten1
Die Ewigen (DE) www.die-ewigen.com Urvater der deutschen Browser-Spiele; verschiedene Server mit unterschiedlichem Spieltempo; Hosting-Dienstleistungen für den Betrieb eigener DE-Spielserver lassen sich gelegentlich bei eBay ersteigern; LAN-Version erhältlich; krude grafische Darstellung [+] [+] [+] keine
Galaxy-Network www.galaxy-network.de Teamspiel statt ausgefeiltem Tech-Tree; mittlere Spielgeschwindigkeit; gewöhnungsbedürftige Benutzerführung; Spielbetreiber veranstalten eigene LAN-Partys; zentrale Speicherung des Pfades für das lokal zu installierende Grafikpaket: beim Wechsel des Spielrechners gegebenenfalls Anpassung der Pfadeinstellungen erforderlich [++] [+] [+] keine
Ogame www.ogame.de extrem hohe Spielgeschwindigkeit; Schwerpunkt auf Kampf; Benutzeroberfläche schlicht, aber funktional [+] [+] [+] keine
Mystics Kingdoms kingdom.mystics.gamigo.de statt eines Planeten wird hier ein Fantasy-Held aufgepäppelt; benötigt weniger Online-Zeit als die Science-Fiction-Spiele; Schwerpunkt auf dem Horten wertvoller Gegenstände [±] [±] [+] keine
Space Assault www.spaceassault.de gediegene Ausführung; sehr gemächliches Spieltempo; unterschiedliche Karrierewege; demnächst Missionen für mehr Einzelspielerspaß; nach Schnuppermonat kostenpflichtig [+] [++] [++] monatlich 4 EUR bzw. 35 EUR für 12 Monate
Wogen des Schicksals www.wogen-des-schicksals.de ziemlich komplexes Spiel mit Mittelalter-Szenarium; Kampf der Herrscher; noch Stabilitätsprobleme, Schwächen bei der Benutzerführung [+] [±] [±] keine
XWars www.xwars.de gemächliches Spieltempo - auch mit wenig Zeitaufwand pro Tag gut spielbar; verschiedene Rassen; ausgefeilter Tech-Tree, der auch nach wochenlangem Spiel noch nicht voll erforscht ist; Konstruktion eigener Raumschiffmodelle möglich; schöne grafische Oberfläche [+] [++] [++] keine
1 außer Verbindungsgebühren
[++] sehr gut [+] gut [±] zufriedenstellend [-] schlecht – sehr schlecht

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