Norman S. Matloff, Professor für Computerwissenschaften, unterstellt der Hightech-Industrie, die derzeit besonders unter der allgemeinen Technologie-Rezession leidet, mit falschen Zahlen gearbeitet zu haben. Der Expertenmangel auf dem IT-Arbeitsmarkt sei schon immer ‘ein Mythos’ gewesen.
Das Thema ist mehr als heikel: Während in der momentanen Abschwächungsphase der Technologie-Branche auch in Deutschland die erste und zweite Welle von dem rollt, was man bereits Massenentlassungen nennen könnte, wundern sich gefeuerte Spezialisten darüber, wie die Branche noch vor wenigen Monaten einen Mangel an IT-Personal in sechsstelliger Größenordnung prognostizieren konnte. Das fragte sich auch Norman S. Matloff, Professor für Computerwissenschaften an der University of California in Davis.
Das Interesse des Hochschullehrers an der Thematik entspringt einleuchtenden Motiven: Er musste feststellen, dass erstaunlich viele seiner eigenen Studenten auf dem Softwaresektor keine Jobs fanden - trotz großem Wachstum im Silicon Valley. ‘Ich interessierte mich natürlich für deren Wohlergehen’, meinte Matloff gegenüber c't. Die parallel verlaufende Debatte zur Erhöhung des so genannten ‘H-1B’-Kontingents, der US-Arbeitserlaubnisse für ausländische Experten, nahm er zum Anlass, den amerikanischen Arbeitsmarkt für Programmierer zu untersuchen.
Der Doktor der theoretischen Mathematik, der sich vor seinem Wechsel in die Informatik mit Statistik beschäftigt hatte, stieß auf ungewöhnliche Zahlen. Wie, fragte er bei einer Anhörung vor dem Einwanderungsausschuss des US-Kongresses, kann es sein, dass große Softwarefirmen wie Microsoft oder Oracle nur zwei Prozent aller Kandidaten, die sich bei den Unternehmen bewerben, schließlich auch einstellen, wenn tatsächlich viel zu wenig IT-Experten vorhanden sind? An dieser Personalpolitik habe sich weder in der Boom-Phase bis Mitte 2000 noch im heutigen Abschwung etwas geändert. Keines der von Matloff untersuchten Unternehmen stellte mehr als fünf Prozent der potenziellen Kandidaten ein. Die Personalabteilungen wiesen viele Vorsprechenden auf Grund mangelnder Spezialkenntnisse ab, die auch nicht von den Universitäten vermittelt werden könnten, weil sich die Anforderungen zu schnell änderten.
Matloff hat seine Argumentation samt einem Berg von Quellen und Statistiken in eine lange FAQ [#literatur [1]] gepackt, die er ständig erweitert und ergänzt. Von der Industrie erntet Matloff bislang vor allem Unverständnis - oder Gegenwehr. Harris Miller, Präsident der mächtigen Information Technology Association of America (ITAA) [#literatur [2]], nannte ihn gar den ‘Vorstandsvorsitzenden des Clubs derjenigen, die meinen, die Erde sei eine Scheibe’. Bei der letzten Entscheidung zum ‘H-1B’-Programm im US-Senat im vergangenen Jahr wurde die Erhöhung der Einwanderungsquoten mit 96 zu ei-ner Stimme verabschiedet. Der Kongress stimmte der Regelung am selben Tag zu.
Man kann kaum behaupten, Matloff habe das Thema unter der Decke gehalten. Er schrieb Meinungsstücke für die ‘Washington Post’ und die ‘New York Times’, an Manager gerichtete Informationen im Wirtschaftsmagazin ‘Forbes’ und Magazinbeiträge in ‘Newsday’. Doch das half ihm offenbar alles nichts - die herrschende Meinung in Industrie und Politik ist nach wie vor: Es gibt zu wenige Programmierer, wir müssen uns externe Spezialisten ins Land holen.
Die Arbeitgeber mögen die H-1Bs, weil sie billiger arbeiten.
Die US-Presse nennt Matloff inzwischen vor allem deshalb die ‘Geißel des Silicon Valley’, weil er der IT-Branche unlautere Motive für ihren Druck auf die Regierung unterstellt, mehr ausländische Informatik-Fachleute ins Land zu holen. ‘Die H-1Bs sind billiger und lassen sich auf Grund ihres Abhängigen-Status sehr gut kontrollieren’, meint er scharf und ergänzt, die IT-Migranten seien auf Grund ihres komplizierten Status nichts anderes als ‘Arbeitsabhängige’.
In der Tat erhalten viele der ‘H-1B’-Teilnehmer in den USA zwischen 25 und 30 Prozent weniger als ihre inländischen Kollegen, obwohl sie eigentlich ‘vergleichbar’ verdienen müssten. Doch die enge Bindung an den Arbeitgeber lässt sie kaum mehr fordern. Dieser wirtschaftliche Vorteil gilt in Branchenkreisen als offenes Geheimnis. Auch hat ein Gremium der US-Regierung innerhalb des Einwanderungsprogramms, das Arbeitsaufenthalte für bis zu sechs Jahre ermöglicht, viele Möglichkeiten für Missbrauch entdeckt.
Dass die Technologie-Einwanderer nicht sonderlich zufrieden sind mit ihrer Lage, zeigen auch die Wege, die sie gehen, sobald eine ‘Green Card’ erteilt wurde, was in den USA mit einer weitgehend unbeschränkten Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung gleichzusetzen ist. Relativ wenige Computerexperten bleiben bei dem Arbeitgeber, der sie ins Land geholt hat - und die, die ihren Job behalten, verlangen häufig eine satte Gehaltserhöhung, die sie zumeist auch bekommen. Bevor das Visum da ist, können die Arbeitnehmer ihren Job kaum wechseln, weil sie sonst den ‘Green-Card’-Prozess verlangsamen. Eine entsprechende Gesetzeserleichterung aus dem vergangenen Jahr bringt nach Meinung Matloffs nur schleppende Abhilfe.
Die deutsche Variante namens ‘Green Card’ [#literatur [3]] ist für den Professor nichts anderes als ein Abklatsch des amerikanischen ‘H-1B’-Programmes. Hierzulande kann ein ‘Green Card’-Kandidat bis zu fünf Jahre im Land bleiben. Die Bundesanstalt für Arbeit sucht auf ihren Webseiten explizit geeignete Personen aus den Feldern ‘System-, Internet- und Netzwerk-Spezialisten’, ‘Software- und Multimedia-Programmierer’, ‘Schaltkreis- und IT-Entwickler’ sowie ‘Spezialisten für IT-Consulting’ - für Gegner nur ein Wunschkatalog der Industrie. Bislang wurde das Kontingent mit 8556 Einwanderern auf Zeit (Stand: Ende Juli 2001) allerdings noch nicht einmal zur Hälfte ausgeschöpft. Trotzdem propagiert etwa die Bundesregierung unverzagt weiter die Green Card, wohl auch zur Unterstützung des geplanten Einwanderungsgesetzes: Der Fachkräftemangel in der Informations- und Kommunikationstechnik werde in den nächsten Jahren unverändert hoch bleiben, erklärte erst Ende August der parlamentarische Staatssekretär im Bundesbildungsministerium, Wolfgang Michael Catenhusen.
Ausländerfeindlichkeit kann man dem Anti-‘H-1B’-Aktivisten Norman Matloff allerdings kaum vorwerfen. Er ist selbst mit einer Asiatin verheiratet und spricht fließend Chinesisch. Doch eine konservative Haltung ist ihm anzumerken: ‘Migration ist gut’, meint er, ‘es kommt allerdings auf die richtige Menge an’. Im Interview mit c't gibt Matloff über seine Ansichten und seine Untersuchungen des IT-Arbeitsmarkts genauere Auskunft.
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Norman S. Matloff, nach kritischen Artikeln schon einmal als ‘Geißel des Silicon Valley’ bezeichnet, hält den Mangel an IT-Experten für einen von der Branche geschickt geschürten Mythos. |
c't: Herr Matloff, wenn man sich Ihre Argumentation ansieht, fragt man sich schnell, wie es denn sein kann, dass moderne, hoch angesehene Firmen die ‘H-1B’-Angestellten angeblich wie im Mittelalter behandeln. Wie kommen Sie zu der Annahme?
Norman Matloff: Die Arbeitgeber mögen die H-1Bs, weil sie einerseits billiger arbeiten und außerdem faktisch arbeitsabhängig sind, was sie einfach zu kontrollieren macht. Die Lohnausbeutung der H-1Bs wurde von mehreren Universitätsstudien, einer Untersuchung des National Research Council und auch durch Überprüfungen des US-Arbeitsministeriums festgestellt.
c't: Wenn dem tatsächlich so ist: Warum existiert das Programm dann noch in seiner jetzigen Form - schließlich lag der Sinn doch ganz woanders?
Matloff: Den Kongress interessierten die Gegenargumente nicht. Die Wahlkampfhilfen, die die Industrie leistet, scheinen andere Ideen gar nicht erst aufkommen zu lassen. Ich wurde mehrfach eingeladen, vor den Abgeordneten zu sprechen - am Informationsmangel liegt es also nicht. Ich habe es dann in den Jahren 1999 und 2000 vorgezogen, nicht mehr nach Washington zu kommen, um Zeugnis abzulegen, weil die Politik immer auf der Seite der Industrie bleiben wird, egal, was man tut.
c't: Zumindest in der Boom-Phase der Jahre 1999 und 2000 sah es so aus, als wäre es ziemlich einfach, einen IT-Job zu bekommen. Daher erscheint die von Ihnen ermittelte Anstellungsrate von nur zwei Prozent unter allen Kandidaten ein wenig niedrig gegriffen. Wie haben Sie die berechnet?
Matloff: Eigentlich war es auch im Aufschwung für diverse Programmierergruppen überhaupt nicht einfach, im IT-Sektor eine Anstellung zu finden. Viele Leute wurden dazu gezwungen, das Feld zu verlassen und andere Jobs anzunehmen, um zu überleben. Die 2-Prozent-Zahl kommt heraus, wenn man die Anzahl der Leute, die einen Programmierjob erhielten, mit der Anzahl der Bewerber vergleicht. Andere Werte, beispielsweise die Anzahl erfolgter Bewerbungsgespräche, die auch ein aussagekräftiger Punkt ist, sind ebenfalls niedrig.
c't: Sie werfen den Firmen vor, zu viel auf Spezialkenntnisse zu achten.
Matloff: Der wichtigste Faktor, ein Software-Projekt zum Erfolg zu führen, ist neben der rechtzeitigen Fertigstellung nur das Programmier-Talent der Mitarbeiter. Die Arbeitgeber, die nur auf Spezialkenntnisse schauen, die man eigentlich sowieso schnell erwerben kann, vergessen das. Damit schießen sie sich letztendlich in den Fuß. Bei älteren Angestellten ist das ähnlich. Hier nutzt man die Frage nach Spezialkenntnissen dazu aus, Programmier-Veteranen nicht mehr in die Unternehmen zu lassen. Die bekommen meistens nicht mal mehr ein Bewerbungsgespräch. Dabei darf man nicht vergessen, dass Entwickler ab einer gewissen Altersstufe schlicht einfach teurer sind als die Jüngeren.
c't: Sind ältere Programmierer denn wirklich noch flexibel einsetzbar?
Matloff: Programmieren ist Programmieren ist Programmieren. Ich war beispielsweise nie der Meinung, dass objektorientierte Entwicklung (OOP) ein radikal anderes Konzept wäre. Gute Programmierer verstehen diese Philosophie sehr schnell. Schwache möglicherweise niemals, aber die sollte man sowieso nicht einstellen, egal, in welchem Kontext.
c't: In Deutschland gibt es mit der ‘Green Card’ ein dem ‘H-1B’-System sehr ähnliches Programm. Auch hier wurde das Argument der fehlenden IT-Spezialisten ins Feld geführt. Werfen Sie der Branche auch hier das Motiv des ‘Lohndumpings’ vor?
Die Ähnlichkeit der Argumente ist kein Zufall, die deutschen Lobbyisten nutzen bewusst die Druckmittel der Amerikaner.
Matloff: Ja, absolut. Die Ähnlichkeit der Argumente ist kein Zufall, die deutschen Lobbyisten nutzen bewusst die Druckmittel der Amerikaner. Und die deutschen Parteien, selbst die, die traditionell arbeitnehmerfreundlicher sind, als es die US-Demokraten jemals gewesen wären, erweisen der mächtigen IT-Industrie ihre Ehrerbietung. Genauso wie die amerikanische Politik.
c't: Die ‘H-1B’-Arbeitnehmer gelten als hoch qualifiziert und daher wirtschaftlich als sehr gewünschte Ergänzung.
Matloff: Das sehe ich nicht durchgehend so. Viele H-1Bs lernen die Dinge, die sie eigentlich vorher in ihren Papieren stehen haben, auch nur während der Arbeit. Ironischerweise ist das genau das, was ich von den Arbeitgebern für amerikanische Bewerber fordere: Stellt erfahrene Programmierer ein, die ein hohes Grundtalent haben und lasst sie im Job ihre Qualifikationen verbessern, die die Projekte notwendig machen.
c't: Was wollen Sie denn aus dem ‘H-1B’-Programm machen?
Matloff: Man könnte es wieder auf seine ehemalige Rolle von vor dem Jahr 1990 zurückführen, als es noch ‘H-1’ genannt wurde. Damals ging es schlicht darum, den Weg zu vereinfachen, die ‘Besten und Klügsten’ in unser Land zu holen. Und genau das sollte das Ziel der Gesetzgebung eigentlich sein. (jk)
[1] Norman Matloff, Debunking the Myth of a Desperate Software Labor Shortage
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