Der Kampf um die Netzneutralität

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Anlass für die seit einiger Zeit um die Netzneutralität geführte Schlacht ist das Drängen großer US-Breitbandanbieter und mittlerweile auch einiger europäischer Carrier, für den Aufbau ihrer Hochgeschwindigkeitsnetze Inhalteanbieter zur Kasse zu bitten.

Ein Thema beherrscht seit einiger Zeit die US-Diskussion über politische Weichenstellungen rund ums Internet: der Streit um die so genannte Netzneutralität. Anlass für die Aufregung ist das Drängen großer US-Breitbandanbieter und mittlerweile auch einiger europäischer Carrier, für den Aufbau ihrer Hochgeschwindigkeitsnetze Inhalteanbieter zur Kasse zu bitten. Die Carrier wollen die Struktur des Internet ändern durch Möglichkeiten zur unterschiedlichen Behandlung des Datenverkehrs, abhängig beispielsweise von Quelle, Dienst und Bandbreitenhunger. So könnten sie dann Datenverkehr etwa von besser zahlenden Kunden bevorzugt behandeln. Die Gegner dieses Vorhabens pochen auf die Gleichbehandlung allen Traffics im offenen Internet – unabhängig von Ausgangspunkt oder Inhalt der Datenpakete.

Google, MSN oder die Internet-Telefoniefirma Vonage "wollen meine Leitungen gratis nutzen", platzte AT&T-Chef Ed Whitacre bereits Ende 2005angesichts der rasant wachsenden Umsatzzahlen der Online-Unternehmen der Kragen. "Das werde ich nicht zulassen, weil wir Kapital investiert haben und Rückflüsse brauchen. Es muss einen Mechanismus dafür geben, dass die Leute, welche diese Leitungen nutzen, anteilmäßig dafür bezahlen." Frei im Sinne von kostenlos könne das Internet nicht sein.

Nun führen die Inhalte- und Webapplikationsanbieter schon heute genauso wie die Endnutzer ihren Obolus an die Zugangsanbieter ab. Diese wiederum finanzieren zum Teil die großen Carrier und Netzbetreiber sowie gemeinsame Austauschpunkte für den Datenverkehr. Doch die großen Telcos und die TV-Kabelanbieter wurmt es, dass Internet-Startups wie Amazon, eBay oder Yahoo sich dank dem offenen und innovationsfreundlichen Netzwerk in respektable Geldmaschinen verwandelt haben – nicht nur mit klassischen Webdiensten wie Suchmaschinen oder Online-Shops, sondern auch mit neuen Angeboten wie Video- und Fotoservern oder Musik-Streaming. Gänzlich gallig macht sie, dass ihnen Anbieter von Voice over IP (VoIP) über "ihre" Netze Kunden abspenstig machen.

Netzintelligenz

Die Pläne der großen Telcos zur Errichtung von Mauthäusern und Kontrollpunkten stellen aber das Prinzip des Internet als Universalwerkzeug in Frage. Bislang übernimmt das Netzwerk nur sehr wenige Funktionen selbst, es beschränkt sich im Prinzip darauf, kleine Informationseinheiten in Form von Datenpaketen von einem Server an einen Client zu übertragen. Alle Päckchen sind dabei gleich, unabhängig davon, ob die enthaltenen Bytes im Endeffekt zu einer Text-, Sound-, oder Videodatei gehören oder von welchem Anbieter beziehungsweise Nutzer sie ausgeschickt wurden.

Dieses "End-to-End"-Prinzip (alle anwendungsspezifischen Funktionen bleiben bei den Endgeräten konzentriert, die unteren Transportebenen sind so allgemein und neutral wie möglich gehalten) gilt als wichtiger Faktor für den Erfolg des Internet. Da Programmierer und Nutzer die "Intelligenz" des Netzes an seinen Endpunkten frei definieren können, hat es sich als äußerst nützlich für die unterschiedlichsten Applikationen in sozialen, politischen und wirtschaftlichen Bereichen herausgestellt. Nach wie vor kann jeder Tüftler eigene Anwendungen fürs Internet ausarbeiten, die vom einfach gestrickten Netzwerk anstandslos übertragen werden. Die Innovationskraft des Internet hängt so auch stark von seiner Architektur ab.

Die Ansprüche der Telekommunikationsfirmen setzen nun direkt an der technischen Seite an. Ihre Hochgeschwindigkeitsnetze sollen den Abschied vom "End-to-End"-Prinzip besiegeln und das Netzwerk selbst "intelligent" machen - Analyse des Datenverkehrs zu seiner Priorisierung, Filterung und individuellen Abrechnung inklusive. Die Carrier wollen nicht nur die Möglichkeit haben, etwa für die eigenen IPTV-Angebote Datenströme mit hoher Priorität separiert vom restlichen Internet-Traffic über ihre Leitungen zu jagen. Darüber hinaus soll auch der Internet-Datenverkehr selbst nach Art des Dienstes, Netzbelastung, Urheber der Datenpakete, Empfänger, möglicher Konkurrenz für eigene Dienste und so weiter priorisiert und abgerechnet werden.

Kontrolle

Je unterschiedlicher man Datenverkehr behandeln kann, desto komplexer wird aber auch ein Netzwerk. Die eingeführte "Intelligenz" bedarf zusätzlicher Rechenkapazitäten. Die Betreiber des "Internet2", einem nichtkommerziellen Projekt in den USA zum Bau eines extrem schnellen Netzes, ließen daher bald ab von Plänen, einzelnen Datenströmen Priorität einzuräumen. "Es war kosteneffektiver, einfach mehr Bandbreite zu liefern", erläuterte Gary Bachula aus der Führungsebene der Initiative bei einer Anhörung im Februar im US-Senat. Heute würden über den mittlerweile entstandenen Backbone Abilene gleichzeitig tausende Videokonferenzen und große wissenschaftliche Datenmengen ohne Probleme übermittelt. "Einfach ist billiger", kommentiert Bachula. "Komplexität kostet."

Der deutschen Telekom etwa und den US-Firmen geht es nicht nur darum, zwischen einzelnen Anwendungen zu unterscheiden und Sondernutzungsrechte zu erteilen, missliebigen Kunden oder Konkurrenten damit vor die Tür zu setzen oder ihnen gesalzene Aufpreise zu berechnen. Die Beherrscher der aufgebohrten Datenleitungen dürften zudem verlockt sein, eigenen bandbreitenhungrigen Diensten Vorrang gegenüber denen von Wettbewerbern einzuräumen. Solche Befürchtungen sind keine Hirngespinste. Im Frühjahr und Sommer 2005 haben sowohl Telefon- als auch Kabelnetzbetreiber in den USA versucht, die VoIP-Datenströme des Anbieters Vonage zu verlangsamen oder ganz von ihren Netzen auszuschließen. William Smith von der inzwischen von AT&T geschluckten Firma BellSouth spielte vereits einmal mit der Idee, Durchleitungsgebühren für konkurrierende Internet-Telefoniedienste einzuführen.

Wie die Schlacht auch immer ausgehen mag: Der Analyst Daniel Berninger von der Marktforschungsfirma Tier1 betonte bereits, dass AT&T oder Verizon ihre Netze nicht mehr als "Internet" vermarkten dürften, wenn sie ihre Pläne durchsetzen. Nicht neutrale Netze müssten gegenüber den Verbrauchern deutlich als private und mautpflichtige Datenhighways gekennzeichnet sein. Die Auseinandersetzung ist noch lange nicht beendet:

  • Hintergrundbericht der c't zur Auseinandersetzung um die Netzneutralität in der Ausgabe 14/06, S. 78: Mautstellen für das Internet, Der Kampf um die Netzneutralität

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