Kein Analyst kann wirklich erklären, warum sich der Wert der Telekom-Aktie auf dem Weg zum Mittelpunkt der Erde befindet. Das Beispiel des deutschen Telecom-Unternehmens MobilCom macht allerdings deutlich, wohin die Krise der Telcos führt: zu einer schlimmeren Krise der Telcos.
Die Telekommunikationsbranche in Europa hat ihren vorläufigen Tiefpunkt erreicht. Von den Aktienmärkten besonders gebeutelt ist der einst so unbesiegbar geglaubte magentafarbene Riese - die Deutsche Telekom AG. In den vergangenen Tagen war der Kurs des Wertpapiers der 10-Euro-Grenze gefährlich nahe gekommen, vielleicht hat die Aktie diese magische Grenze bei Erscheinen des Magazins bereits ‘touchiert’. Analysten konnten die Talfahrt seit der Telekom-Hauptversammlung am 28. Mai nicht erklären - achselzuckend merkten sie an, das Papier sei ‘unterbewertet’.
Ein wichtiger Grund für die U-Bahn-Fahrt der Telecom-Werte an den europäischen Börsen - die Deutsche Telekom ist hier keineswegs eine überraschende Ausnahme - bleibt der unheimliche Milliarden-Euro-Schuldenberg, der auf den Unternehmen lastet; nicht zuletzt angehäuft beim internationalen Zukaufsbummel der Telcos und der verschwenderischen Auktion um die Lizenzen für die bislang wenig glamouröse UMTS-Mobilfunkzukunft. Auf den geplanten Börsengang des Mobilfunkablegers T-Mobile, der dringend benötigtes Geld in die Kassen des mit 67 Milliarden Euro verschuldeten Konzerns spülen sollte, will die Telekom in diesem Jahr dann auch erst einmal verzichten.
Auf der Telekom-Aktionärsversammlung in der Köln-Arena ging es hoch her. Während viele Kleinanleger im vergangenen Jahr noch die Faust in der Tasche ballten und sich in der Versammlungspause brav am Buffettisch anstellten, wäre der eine oder andere in diesem Jahr bestimmt bereit gewesen, irgendeinem der Vorstandsvertreter eine Bulette ins Gesicht zu werfen. Für fast tumultartige Szenen sorgte die Debatte um die Anhebung der Vorstandsgehälter. Dazu nahm der Aufsichtsratsvorsitzende Hans-Dietrich Winkhaus - mit Ausnahme von Gewerkschaftsvertreter Michael Sommer, der am Versammlungstag in Berlin zum DGB-Bundesvorsitzenden gewählt wurde, waren Vorstand und Aufsichtsrat geschlossen angetreten - bereits vor Ron Sommers Rede Stellung.
Die Erhöhung der Vorstandsgehälter auf 17,4 Millionen Euro erklärte er mit darin enthaltenen Abfindungen für zwei ausgeschiedene Vorstandsmitglieder, ansonsten würden sich die Gehälter im ‘marktüblichen Rahmen’ bewegen. Auch der oft zum Buhmann der Nation aufgebaute Ron Sommer vertrat die Ansicht, dass sich der Vorstand nicht bereichert habe. Diese Aussage fiel ihm allerdings nicht leicht - viermal musste er von Proteststürmen unterbrochen innehalten.
In diesem Sturm der Entrüstung segelten die Aktienschützer auf der Polemik-Welle. ‘Wer in Zeiten der Cholera Kaviar bestellt, kann nicht mit der Zustimmung der Aktionäre rechnen’, so Jella Benner-Heinacher von der Aktionärschutzvereinigung DSW unter heftigem Beifall der Aktionäre. Sie fragte nach, ob der Vorstand tatsächlich einen neuen Jet für rund 110 Millionen Euro kaufen wolle. In Anspielung auf Ron Sommers Vergangenheit als Topmanager von Sony Deutschland sagte sie: ‘Es wäre fatal, wenn sich der Vorstandsvorsitzende während seiner Regentschaft vom Sony-Boy zum Sonnenkönig entwickelt hätte.’
Besonders schwierig hatte es der Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick. Er musste das miese Ergebnis - 2001 waren es bei der Telekom mit 3,5 Milliarden Verlust nach Zinsen, Steuern und Abschreibungen (hier besonders auf UMTS-Lizenzen und Firmenwerte) erstmals tiefrote Zahlen - erläutern und hatte bereits vor der Hauptversammlung ein noch düsteres Bild für das laufende Jahr an die Wand gemalt: Er rechnet damit, dass sich die Verluste bis Jahresende auf 5,5 Milliarden Euro auftürmen werden. Das wollten die genervten ‘Volksaktionäre’ - deren Verluste beträchtlich sein dürften und denen das Unternehmen in diesem Jahr sogar die Dividende gekürzt hatte - dann auch gar nicht mehr hören. Sie unterbrachen den Finanzchef mit rhythmischem Klatschen und skandierten lautstark: ‘Aufhören, aufhören.’
Wenig konkret waren Ron Sommers Aussagen zur künftigen Firmenstrategie. Beim Reizthema UMTS versuchte sich der sonst stets nüchterne Manager als Schwärmer: ‘Die kritischen Stimmen fragten auch 1992: Wer braucht schon ISDN? Sie fragten 1995: Wer braucht schon einen Internetanschluss?’ Heute habe man 21 Millionen ISDN-Kunden in Deutschland und über neun Millionen Teilnehmer beim Internetdienst T-Online. ‘Auf die Frage ‘wer braucht schon UMTS?’ antworte ich heute: Schon in naher Zukunft sehr viel mehr Menschen, als sich die Kritiker heute vorstellen können.’ Überzeugen konnte er damit nicht. Eine Initiative von Kleinaktionären, den Telekom-Vorstand nicht entlasten zu wollen, blieb aber angesichts der Eigentumsverhältnisse - größter Anteilseigner ist der deutsche Staat - im Ansatz stecken. Bundeswirtschaftsminister Werner Müller wies das im Zuge der Versammlung aufgekommene Gerücht, die Regierung plane eine Abberufung Ron Sommers nach der Bundestagswahl, umgehend zurück.
Weniger Glück hatte der CEO des Telecom-Konzerns MobilCom Gerhard Schmid. Ihm wurde auf der Hauptversammlung seines Konzerns die Entlastung mit überwältigender Mehrheit verweigert. Im Vorstands-Sattel halten konnte sich der einstige Visionär der New Economy bis Redaktionsschluss allerdings trotz eines Verlustes vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen in Höhe von 65,5 Millionen Euro in 2001. Abgewatscht wurde er nicht nur aufgrund des Ergebnisses - so tiefrot wie der Teppich auf der Aktionärsversammlung -, sondern vielmehr in Folge des MobilCom-Hauskrachs mit dem Partner France Telecom. Bereits seit Februar wollen die Franzosen die Mehrheit an dem Unternehmen aus Büdelsdorf übernehmen. Im Laufe des Streits um die Höhe der weiteren UMTS-Investitionen hatte Schmid bereits vor Wochen erklärt, er werde ein Angebot aus Paris annehmen, demnach France Telecom seine Aktien zu einem Stückpreis von 22 Euro kaufen wolle.
Dabei hatte der ehemalige französische Staatskonzern aber anscheinend übersehen, dass mit dem Angebot an Schmid auch ein gleich lautendes Angebot an die anderen Aktionäre fällig wäre. Bislang kam der Handel deshalb nicht zu Stande. Ohne diesen, so erklärte Schmid, werde er den Chefsessel aber nicht räumen. Sichtlich angeschlagen agierte der Unternehmensgründer auf der Hauptversammlung aber auch aufgrund der Vorwürfe zu einem Aktienoptionsprogramm. Dabei hatte er seiner Frau Sybille Schmid-Sindram eine Prämie von 68 Millionen Euro dafür überwiesen, dass sie 3,6 Millionen MobilCom-Aktien zur Verfügung stellte. Laut einem Rechtsgutachten lief dieser Deal hinter dem Rücken von Vorstand und Aufsichtsrat ab. Schmid gestand das als Fehler ein. Bis zur Aufsichtsratssitzung am 7. Juni sollte das Geschäft wieder rückgängig gemacht werden. Dazu ist es aber bislang nicht gekommen.
Der Bestand des Unternehmens scheint nun ernsthaft gefährdet, nachdem die Vertreter der France Telecom bei der Aufsichtsratssitzung erneut mit ihrem Versuch scheiterten, den CEO abberufen zu lassen. Insider-Berichten zufolge hatten sich die Arbeitnehmervertreter im letzten Moment hinter Schmid gestellt und damit die notwendige Mehrheit der acht von insgesamt zwölf Stimmen für seine Abberufung verhindert. Damit ist fraglich, ob die Franzosen einen Kredit von 4,7 Milliarden Euro, der Ende Juli fällig wird, wie angekündigt übernehmen.
Hinter dem MobilCom-Drama steckt aber weniger Borniertheit oder der handfeste Streit von Macho-Männern. Es ist die Krise der Telco-Branche, welche die Krise weiter verschlimmert: France-Telecom-Chef Michel Bon sitzt auf einem Schuldenberg von 61 Milliarden Euro und versucht derzeit krampfhaft, sich am eigenen Schopf aus diesem Sumpf zu ziehen. (tol)
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