Leseprobe aus c't 21/10
Apple hat den Durchbruch ins Tablet-Zeitalter geschafft und eilt der Konkurrenz davon. Google zieht als Erster nach, gefolgt von Intel, Nokia, Microsoft und HP. Wer liefert das beste Paket aus Hardware, Apps und Inhalten?
Ein Auditorium in Kalifornien. Der Redner trägt Brille, Jeans und einen schwarzen Rollkragenpulli. Er hat sein neues Spielzeug mitgebracht. Mit beiden Händen fuchtelt er auf dem Bildschirm herum, sortiert Fotos, vergrößert sie mit zwei Fingern und staucht sie wieder zusammen. „Es gibt keine Bedienungsanleitung. Es passiert genau, was man erwartet.“ Er dreht einen virtuellen Globus, zoomt heran, alles in einer einzigen, flüssigen Bewegung. Die anwesenden Fachleute sind verwirrt, als schauten sie einem Magier zu. Langsam dämmert ihnen, dass sie dem Beginn einer neuen Ära beiwohnen. „Wo ist Dein Labor?“, ruft einer. „Ich bin Forscher an der New York University“, antwortet der Redner. Sein Name: Jeff Han.
Der im Februar 2006 auf der TED-Konferenz gehaltene Vortrag befördert den jungen Wissenschaftler über Nacht zum Helden. Wired nennt ihn einen „Geek-Rockstar“, Time zählt ihn zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Touchscreens gibt es zwar seit Jahrzehnten, auch Multitouch ist nichts Neues, aber Han zeigt das erste praxistaugliche und erschwingliche System, mit perfekt abgestimmten Anwendungen. Er gründet die Firma Perceptive Pixel und verkauft seine Multitouch-Computer an das Pentagon, die CIA und Fernsehsender wie CNN.
Für den Durchbruch auf dem Massenmarkt sorgt aber ein anderer Rolli-und-Jeans-Träger: Im Januar 2007 stellt Steve Jobs das iPhone vor, im Januar 2010 das iPad.
Seitdem steht fest, dass wir unsere Rechner bald streicheln werden, statt auf ihnen herumzuhacken. Das sanfte Antippen mit dem Finger ist der neue Klick. Die Frage ist nur: Wird Steve Jobs das Tablet-Zeitalter dominieren wie Bill Gates die Desktop-Ära? Oder beendet bald der omnipräsente Internetkonzern Google das iPad-Monopol? Gelingt Microsoft vielleicht doch das Comeback? Und welche Rolle spielen der Handy-Marktführer Nokia, der CPU-Marktführer Intel und der PC-Marktführer HP, die allesamt mitmischen wollen?
Diese Fragen bewegen nicht nur Analysten, die die Potenziale der Silicon-Valley-Konzerne bewerten. Apple sperrt seine Kunden in einen goldenen Käfig. Programme und Inhalte werden bequem serviert, vorher aber streng kontrolliert. Google bietet mehr Freiheit, umarmt die Nutzer aber mit so vielen netten Zusatzdiensten, dass viele sich freiwillig binden und die Werbemaschine mit Daten füttern.
Tablets bilden nicht nur eine neue Gerätekategorie. Tablets bedienen wir mit natürlichen Gesten statt mit Krücken wie dem Mauszeiger. Wir blättern fast mit den gleichen Bewegungen durch ein digitales Magazin wie durch ein gedrucktes. Zur Texteingabe wird eine virtuelle Tastatur eingeblendet, die ihre Sprache und Größe an unsere Bedürfnisse anpasst. Einige dieser flexiblen Tastaturen arbeiten sogar adaptiv, sie ahnen voraus, welchen Buchstaben man vermutlich als nächstes drückt und vergrößern die unsichtbare Touch-Fläche dieser Taste. Ein weiterer Vorteil: Geräte ohne Tastatur und Maus sind leichter und damit auch umweltfreundlicher.
HP, Dell und die asiatischen Hersteller stellen sich längst nicht mehr die Frage, ob sie eigene Tablets auf den Markt bringen. Sie müssen, wenn sie im PC-Markt der Zukunft eine Rolle spielen wollen. Das wurde auch auf der IFA Anfang September deutlich. Samsung und Toshiba zeigten ihre Geräte, zahlreiche weitere Hersteller ließen durchblicken, dass sie 2011 nachziehen wollen.
(cwo)
Den vollständigen Artikel finden Sie in c't 21/2010.
Artikel zum Thema "iPad-Konkurrenten" finden Sie in c't 21/2010:
Desktop-PC, Notebook, Netbook, Smartphone – wer braucht da noch ein Tablet? Streng genommen natürlich niemand. Fast alles, was man mit einem Tablet machen kann, geht auch mit dem Notebook: Surfen, Filme ansehen, spielen, lesen, arbeiten, am Schreibtisch wie unterwegs. Trotzdem schalten die iPad-Nutzer in unserer Redaktion ihren Rechner zu Hause nur noch selten ein. Bis der hochgefahren ist, sagen sie, habe ich die Mail auf dem iPad längst abgeschickt. Rund 80 Prozent der Zeit, die sie vorher am PC verbracht haben, verbringen sie nun mit dem iPad, schätzen sie. Und genießen dabei, dass weniger Update-Meldungen nerven und keine Zwangspausen entstehen, weil die Festplatte rödelt.
Anders sieht es beim Arbeiten aus. Mit einem guten RSS-Reader liest und verteilt man Nachrichten auf dem iPad so fix wie am Desktop mit 30-Zoll-Monitor. Die virtuelle Tastatur bremst jedoch beim Artikelschreiben. Das US-Magazin PC-World hat die Tippgeschwindigkeit auf einem 15-Zoll-Notebook, einem Netbook und einem iPad verglichen: Auf dem iPad dauerte das Eintippen eines Textes 1,8-mal so lang wie auf dem 15-Zöller, auf dem Netbook 1,4-mal so lang. Viele Bluetooth und USB-Tastaturen werden unterstützt, aber es bleibt der kleine Bildschirm als Nachteil – Apples VGA-Adapter gibt nur bei manchen Apps ein Signal weiter. Ähnlich sieht es beim Zeichnen aus: Mit Grafiktablett ist man schneller als am iPad, sofern man einen PC in der Nähe hat.
Beim Multimedia-Einsatz punkten das iPad und viele Android-Tablets mit der flüssigen Wiedergabe von HD-Videos, was Netbooks und ältere Notebooks gar nicht oder nur nach Aufspielen der richtigen Player-Software mit effizientem Decoder schaffen. Bei den Auflösungen von 1024 x 768 (iPad) oder 1024 x 600 (Galaxy Tab) kommt HD allerdings nicht voll zur Geltung. Nur wenige Tablets, zum Beispiel das WeTab, zeigen 1366 x 768 Pixel und damit HD-Videos in nativer Auflösung. Videos von einem UPnP-AV-Server gibt das iPad mit der passenden App wieder, das Galaxy Tab soll das ab Werk beherrschen.
Angesichts des großen E-Book-Angebots für das iPad und Samsungs angekündigter Lese-Plattform für das Galaxy Tab stellt sich auch die Frage, inwiefern Tablets einen Reader mit E-Ink-Display ersetzen können. Geräte wie der Kindle oder die Reader von Sony passen in die Jackentasche, wiegen so viel wie ein Taschenbuch, laufen wochenlang und zeigen Texte auch bei Sonnenlicht ohne Spiegelungen auf dem Display, allerdings nur in Graustufen. In einem Labortest der Nielsen Norman Group lasen Probanden auf iPad und Kindle ungefähr gleich schnell. Falls man Comics, Zeitungen und Zeitschriften digital lesen möchte, führt aber kein Weg an den Tablets mit Farbdisplay vorbei. Wie im Vergleich zum Notebook ist es also vor allem der Spaßfaktor, der für die Tablets spricht.
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