Die Bayern-Belgien-Connection

Der BND als einer der Ausgangspunkte des Skandals um Lernout & Hauspie

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Lernout & Hauspie, der belgische Spezialist für Spracherkennungssysteme, steckt in einer tiefen finanziellen Krise, gegen einige Manager steht sogar Betrugsverdacht im Raum. Nun stellt sich heraus, dass der bundesdeutsche Auslandsnachrichtendienst in den Finanzskandal um Lernout & Hauspie verwickelt ist.

Sammeln, verarbeiten, analysieren und verbreiten - das ist der Wissenszyklus der Nachrichtendienste. Er unterscheidet sich nur unwesentlich von dem der Wissensmanagementfirmen: Einfangen, umwandeln, kommunizieren, nutzen. In den USA setzen die Nachrichtendienste seit Mitte der 90erJahre auf die Entwicklung neuer Werkzeuge für das Wissensmanagement. Nicht zuletzt aus Kostengründen griffen die Dienste zu Produkten aus dem Ladenregal ... und schnitten sie auf ihre Bedürfnisse zu: Zum einen passten Systemintegratoren verschiedene Werkzeuge genau auf die Anforderungen an, zum anderen förderten die Dienste die technische Entwicklung in den Firmen und Universitäten. Sowohl für die Dienste als auch für die Industrie war das eine glückliche Situation.

Die Zusammenhänge zwischen dem BND und Lernout & Hauspie kommen in der grafischen Darstellung der Firmenbeziehungen deutlich zum Vorschein.

Genau nach diesem Prinzip arbeitete auch der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) - allerdings mit fragwürdigen Methoden. Er gründete über Tarnfirmen und dubiose Investoren Startups rund um den in finanzielle Turbulenzen geratenen [8|#literatur] belgischen Sprachtechnologiekonzern Lernout & Hauspie, die Übersetzungskomponenten für Sprachen wie Farsi (Persisch), Bahassa und Slawisch entwickelten. Der BND trieb die Entwicklung von Wissensmanagementsystemen in EU-Projekten voran und bootete im EU-Projekt SENSUS eine Anbieterfirma aus. Doch das sollte sich als Stolperstein herausstellen.

Die EU-Kommission fördert mit 2,1 Millionen Euro seit Mai 1998 die Entwicklung eines multilingualen Informationssystems für europäische Sicherheitsbehörden: Projektname SENSUS [1|#literatur]. Abgeschlossen wurde das Projekt am 31. Oktober 2000. Entwickelt wurde eine Demo, die jedoch von einem ‘projektfähigen Produkt noch weit entfernt ist’, erklärt Franz Kögl von der Münchner Firma Mevisto. ‘Weitere zwei Millionen Euro müsste ein Anwender noch in das Projekt bis zur kommerziellen Produktreife hineinstecken.’ Ein Abschlussbericht steht noch aus.

Projektkoordinator für SENSUS ist Stephan Bodenkamp vom ‘Amt für Auslandsfragen’, einer Tarnbehörde des BND im Süden Münchens. Dort ist er Direktor für ‘maschinelle Übersetzung und künstliche Intelligenz’. Die Zugehörigkeit des Amts für Auslandsfragen (AfA) zum BND sei der Europäischen Kommission von Anfang an bekannt gewesen, teilte der ehemalige Projekt-Manager der EU-Kommission, Norbert Brinkhoff-Button, gegenüber c't mit. Die Tarnbehörde sei von sich aus wegen der Finanzierung an die Kommission herangetreten.

Am 20. Dezember 2000 wird ein Strafbefehl wegen Urkundenfälschung und versuchten Betrugs rechtskräftig gegen einen ‘Christoph Klonowski’. Im Urteil kann man nachlesen, dass ‘Klonowski’ der Klarname für den BND-Mitarbeiter Bodenkamp ist. Das Gericht verurteilt Klonowski zu einer Geldstrafe von 13 500 Mark wegen Fälschung des Konsortialvertrags mit einem Anbieter im SENSUS-Projekt. Eine Sprecherin des Bundesnachrichtendienstes konnte gegenüber c't dazu nicht detailliert Stellung nehmen. Der Vorgang sei ihr bekannt und werde derzeit noch überprüft. Bodenkamp/Klonowski war telefonisch wegen Urlaubs nicht zu erreichen.

Der betroffene Anbieter, die Münchner Firma Polygenesys [3|#literatur], ist Entwickler und Inhaber der Rechte für Polygon, einem Information-Management-System, das im SENSUS-Projekt zum Einsatz kam. Auf Grund des gefälschten Vertrags wäre Polygenesys daran gehindert worden, Lizenzen für ihre Produkte zu erhalten und die Projektergebnisse künftig kommerziell zu verwerten. Die Chance dazu sollte sich aber bald ergeben: Europol vergab im Dezember 1999 einen Vertrag mit einem Volumen von zehn Millionen Euro für die Entwicklung des Europolis-Informationssystems. Pikanterie dabei: Europol und zwei der drei Auftragnehmer, die Münchner Firma Sail Labs und der italienische Systemintegrator Datamat, waren ebenfalls Vertragspartner im SENSUS-Projekt.

Die Beteiligten hatten sich erstmals 1996 in einem EU-geförderten Projekt zusammengefunden: Aventinus [2|#literatur] sollte ein ‘fortgeschrittenes Informationssystem für die multinationale Drogenbekämpfung’ entwickeln. Projekt-Koordinator war die Münchener GMS (Gesellschaft für multilinguale Systeme mbH), Vorgängerin von Sail Labs. BND-Mann Bodenkamp war Vertreter der Anwender, der Europol-Vorgänger EDU (European Drugs Unit) war durch den ‘Beobachter’ und leitenden Kriminaldirektor Klaus Schmidt vertreten.

Projekt-Koordinator war der Linguistikexperte Gregor Thurmair von GMS/Sail Labs. Die Firma erhielt 1998 den Zuschlag für SENSUS und 1999 für Europolis. Auch die Schwesterfirma von Polygenesys, Genesys, war mit von der Partie bei Aventinus: Das Ergebnis des Projekts war ein Architekturkonzept für das Informationssystem, das auf den Technologien von GMS und Polygenesys beruhte.

Gegenüber c't sagte die Geschäftsführerin von Polygenesys, Annette Brückner: ‘Die Technologien von Sail Labs und Polygenesys ergänzen einander ideal’. So verfügt Sail Labs über die Metal-Technologie für maschinelle Sprachanalyse und Übersetzung, Polygenesys über die inzwischen patentierte Polygon-Technologie [5|#literatur]. Vorläufer von Polygon war Anfang der 90er Jahre ein Informationssystem für den Schalck-Golodkowski-Untersuchungsausschuss im Deutschen Bundestag. Polygenesys entwickelte das Systemkonzept sowie eine Indexierungs- und Retrievallösung auf der Basis einer relationalen Datenbank. 1994 gewinnt Polygenesys eine Ausschreibung des Bundesinnenministeriums für ein integriertes Informationssystem für Kriminalpolizeibehörden in Ungarn, der Slowakei, später auch in der Ukraine. Die hohen Anforderungen an die Flexibilität der Datenbank und der Wunsch nach übersichtlicher, grafischer Darstellung komplexer Zusammenhänge führen zur Entwicklung von Polygon. Ein Gerichtsgutachter wird das Konzept von Polygon später als ‘meiner Meinung nach nahezu genial’ bezeichnen.

Metal (Machine evaluation and translation of natural language) wird in den 80er Jahren bei Siemens entwickelt. Bereits damals arbeitet Gregor Thurmair an der Entwicklung mit. Das System übersetzt vor allem technische Texte in andere Sprachen. Anders als bis dahin bekannte Lösungen analysiert Metal ganze Sätze und trifft die Entscheidung über die endgültige Übersetzung nach dem Vergleich aller möglicher Interpretationen der Satzteile. Durchschnittlich verarbeitet das Programm ein Wort je Sekunde und kann damit zwei Seiten Text in acht Stunden übersetzen. Damit konnten 40 Prozent der Kosten und 70 Prozent der Zeit gespart werden.

Metal ist nicht nur zur Übersetzung, sondern auch zur Sprachanalyse zu gebrauchen. Das macht die Integration mit Polygon interessant: Denn Metal ist in der Lage, die Bestandteile eines Satzes, wie Personennamen, KFZ-Kennzeichen, Orts- und Datumsangaben oder Telefonnummern zu erkennen. Mit Polygon können diese ‘Informationsobjekte’ zusammen mit ihrer Bedeutung gespeichert werden. Polygon erhält nach einer Metal-Analyse Objekte, die im Satz ursprünglich Subjekt und Objekt waren, und setzt diese zueinander in Beziehung. Metal liefert dazu das Prädikat des Satzes - die Satzaussage.

Polygon kann zudem beschreibende Attribute zu Objekten und Beziehungen hinzufügen. Damit ist das Informationskondensat eines Satzes automatisch in eine Datenbank überführt und kann sehr präzise gesucht werden. Die Lösung ist nicht nur für Polizeibehörden interessant, sondern für alle Anwender, die große Textmengen automatisch indizieren und speichern wollen.

Schon in den 80er Jahren war der Bundesnachrichtendienst Metal-Kunde. Als Siemens-Chef Heinrich von Pierer 1995 das Unternehmen umorganisiert und nicht profitable Unternehmensbereiche abgebaut werden, wird die Metal-Entwicklung bei der Siemens-Tochter Sietec eingestellt. In der Szene kursiert das Gerücht, dass damals Bodenkamp Metal von Siemens für eine Mark kaufte. Fakt ist: Bis heute ist unklar, wer die Rechte an Metal tatsächlich besitzt.

Kurze Zeit später jedenfalls taucht der leitende Metal-Entwickler Gregor Thurmair bei der Firma GMS auf. GMS ist eine kleine Firma, 1993 in Berlin gegründet. Seit 1995 beschäftigt sich die GMS mit ‘Machine Translation’ - basierend auf der Metal-Technologie. Ein Vertrauter Bodenkamps arbeitet bei der Firma als Chief Operating Officer: Bernard Olthues, der später auch für die Radial Sprachtechnologie GmbH arbeitet.

Die GMS entwickelt ein einziges kommerzielles Produkt: T1. Es wird mit dem Langenscheidt-Lexikon Deutsch-Englisch integriert und an Langenscheidt lizenziert. Im Mai 1997 kauft der belgische Konzern Lernout & Hauspie die Münchner Firma GMS für 10,7 Millionen US-Dollar und weiteren Aktien an L&H. Die Metal-Rechte der GMS liegen nun bei Lernout & Hauspie. Die GMS wird in Lernout & Hauspie Language Technologie GmbH umbenannt, später in Sail Labs. Von außen sind jedoch außer den Umsätzen mit T1/Langenscheidt und einigen EU-Förderprojekten keine weiteren Erlösquellen zu erkennen.

1997 ist absehbar, dass Europol 1998 offiziell seinen Betrieb aufnehmen wird. Ende 1997 beginnt die Ausschreibung für Eurint als Teil des zu implementierenden Europol-Informationssystems. Für die kommerziellen Anbieter ist Eurint hochinteressant: Es geht um die frühzeitige strategische Positionierung für die künftige Ausstattung großer Polizeibehörden in allen EU-Mitgliedstaaten. Die Ausschreibung ist unterteilt in Teilaufgaben. Sie beziehen sich auf Standardhardware und -software, zum Teil aber auch auf die spezifische Anforderungen der Behörde.

Die Großen der Branche sind dabei: Debis, Bull, Alcatel und auch die niederländische Siemens-Dependance. Allianzen werden gebildet. Die großen Anbieter können die spezifischen Anforderungen nicht mit eigenen Produkten bedienen. Die GMS und Polygenesys werden Allianzpartner der beiden Anbieterkonsortien, die sich letztendlich etablieren. Grundlage ihres aufeinander abgestimmten Angebots ist das Architekturkonzept, das bei Aventinus gemeinsam entwickelt wurde.

Überraschenderweise vergibt Europol schließlich nicht Aufträge für alle Teilausschreibungspakete. Das Paket für das Informationssystem wird beispielsweise nicht vergeben. Europol hat auf Grund der Ausschreibung detaillierte Lösungskonzepte der Anbieter in der Hand und erklärt, selbst entwickeln zu wollen. Von der Nichtvergabe ist auch Polygenesys betroffen.

Zur gleichen Zeit - im Mai 1998 - beginnt das Projekt SENSUS als Nachfolger von Aventinus. Nachdem in Aventinus die Spezifikation erarbeitet wurde, sollte SENSUS auf dieser Grundlage einen Machbarkeits-Prototypen entwickeln. Die Aufgaben im Projekt werden neu verteilt: Diesmal ist das Amt für Auslandsfragen der Projektkoordinator, die GMS einer der Vertragspartner. Ende 1998 kommt die italienische Firma Datamat als Vertragspartner dazu, im November 99 wird Europol offizieller Vertragspartner. Klaus Schmidt, bei Europol zuständig für ‘Planning and Development’, wird ‘Chairman of the user group’.

Bei SENSUS sollen Metal und Polygon zum ersten Mal praktisch integriert werden. Polygenesys beginnt im November 1998 an dem Projekt zu arbeiten. Schnell stellt sich ein größeres Problem heraus: Bodenkamp will die Vertragsunterlagen nicht herausrücken. Insbesondere der technische Annex zum Vertrag, in dem die Aufgabenpakete, Zeit- und Kostenansätze beschrieben sind, liegt nicht vor.

Fast 10 Monate später, im September 1999, wird endlich das ‘Consortium Agreement’ beziehungsweise der Konsortialvertrag zwischen Polygenesys und dem Amt für Auslandsfragen unterzeichnet - noch immer ohne Anlagen. Die Polygenesys GmbH ist demnach ‘Associate Partner’. Als solcher kann sie die gemeinsamen Projektergebnisse später kommerziell mitverwerten, Lizenzzahlungen für die ins Projekt eingebrachte Polygon-Technologie erhalten und Zugang zu den Technologien anderer Projektpartner bekommen.

Polygenesys steckt in finanziellen Schwierigkeiten und muss kurz darauf Insolvenzantrag stellen. Die Mitarbeiter der Firma, darunter Franz Kögl, kündigen eine Woche später und verlassen die Firma. Die Entwickler bleiben noch bis zum Monatsende. Bernhard Messer, bei Polygenesys der ‘Technical Manager’ für das SENSUS-Projekt, nimmt an einem SENSUS-Meeting in Rom teil. Am gleichen Tag wird die Domain für Mevisto.de bei DENIC registriert. Messer verlässt die Firma zum 30. September und arbeitet seit Anfang Oktober weiter am Projekt SENSUS.

Am 23. Oktober gründen fünf Mitarbeiter von Polygenesys, darunter Franz Kögl und Bernhard Messer, eine eigene Firma: Die Mevisto Software GmbH. Die Firma arbeitet sogleich dem SENSUS-Projekt zu und dabei auch eng mit Sail Labs zusammen. Sail Labs wird im Dezember 1999 Auftragnehmer für das Europolis-Informationssystem. Im April 2000 wird Francesco Formentin Geschäftsführer von Mevisto. Formentin ist zugleich auch Geschäftsführer für die Radial Sprachtechnologie GmbH.

Polygenesys kämpft mit den Folgen des Insolvenzantrags. Die Hausbank verwertet die gestellten Sicherheiten - Wohnhaus und Lebensversicherungen der Gründer beziehungsweise Gesellschafter sind weg. Im November meldet sich ein Kunde bei Polygenesys, das Landeskriminalamt Sachsen, und erzählt von dem merkwürdigen Anruf einer ihm unbekannten Firma ‘Mephisto’, die ein ‘zu Polygon datenkompatibles’ Programm angeboten habe. Polygenesys stellt Nachforschungen an. Doch erst im Dezember erscheint der entscheidende Hinweis - auf der SENSUS-Webseite: Dort ist jetzt Mevisto anstelle von Polygenesys als Vertragspartner eingetragen. Polygenesys erstattet Strafanzeige gegen die ehemaligen Mitarbeiter.

Die Vertragsseite mit dem Amt für Auslandsfragen macht nur zähe Fortschritte: Im Januar 2000 schließlich übersendet die Behörde auf Druck der vorläufigen Insolvenzverwalterin die kompletten Vertragsunterlagen. Schnell stellt sich heraus, dass die Fassung des Konsortialvertrags gefälscht ist. Polygenesys erstattet eine weitere Strafanzeige. Die Ermittlungen werden an das Landeskriminalamt Bayern übertragen.

Ende Februar kommt es zu Hausdurchsuchungen bei Mevisto und den ehemaligen Mitarbeitern. Mehrere Computersysteme werden beschlagnahmt. Ein zähes Ringen um die Begutachtung beginnt. Das Verfahren wird später eingestellt: Der Gutachter konnte keine Kopien der Polygon-Software bei Mevisto feststellen.

Im April schließlich gesteht Bodenkamp, den Konsortialvertrag mit Polygenesys gefälscht zu haben. Er hatte den Vertragsstatus der Firma als ‘Associate partner’ durch den eines ‘Subunternehmers’ ersetzt und den Namen der Schwesterfirma von Polygenesys eingesetzt. Bodenkamp glaubte offensichtlich, dass diese Firma die Patentrechte an Polygon besitzt. Als ‘Subcontractor’ hätte Polygenesys jedoch weder das Recht gehabt, die Projektergebnisse kommerziell zu verwerten, noch Lizenzzahlungen zu erhalten. Die Rechte an den Projektergebnissen wären an das Amt für Auslandsfragen übergegangen. Die Staatsanwaltschaft beantragt einen Strafbefehl gegen Bodenkamp wegen Urkundenfälschung und versuchten Betrugs. Bodenkamp legt Rechtsmittel ein und zieht diese am 19. Dezember 2000 zurück. Am gleichen Tag wird der interne Audit-Bericht von Lernout & Hauspie bekannt, in dem ein ‘Stephan Bodenkamp’ als Gesellschafter und Direktor von drei Startups genannt ist, die mit Lernout & Hauspie im Zusammenhang stehen.

Die Zugspitzstraße 10 in München ist der Sitz der Radial Sprachtechnologie GmbH. An der gleichen Adresse fand sich auch das SENSUS-Büro, das seine Arbeit Ende Oktober 2000 einstellte. Das Logo, das Radial verwendet, ist dem SENSUS-Logo zum Verwechseln ähnlich. Gegenüber c't wollte sich Hanni Münzer, bei Radial zuständig für ‘Marketing’ nicht darüber äußern, ob ihr bekannt gewesen sei, dass das Amt für Auslandsfragen zum Bundesnachrichtendienst gehört hat. Geschäftsmodell und Einnahmequellen von Radial sind etwas unklar. Nach eigenen Angaben [6|#literatur] unterstützt Radial ‘potenzielle Anwender mit Informationen zu Investmentmöglichkeiten sowie mit praktischer Beratung und Dienstleistungen’. Dabei hat Radial ein ‘Netzwerk unabhängiger, aber ökonomisch verbundener Unternehmen’ in Belgien, Frankreich, Spanien, Deutschland, der Tschechischen Republik und Ungarn aufgebaut. Partner in Südostasien stellen ‘relevante Informationen zur Verfügung und fungieren als Entwicklungssites für asiatische Sprachkomponenten’. Für sensible Bereiche in Hochsicherheitsumgebungen stellt Radial ‘qualifiziertes Personal’ zur Verfügung.

Als das SENSUS-Projekt Ende 1998 in die technische Implementierungsphase ging, war der Sprachtechnologieexperte des BND, Stephan Bodenkamp, an der Gründung von mindestens drei belgischen Startups beteiligt, der Farsi Development Company, der Bahassa Development Company und der Slavic Development Company. Sie gehören zu den belgischen Startups rund um Lernout & Hauspie.

Auch Frans van Deun, Geschäftsführer der Radial Belgium N.V., einem Schwesterunternehmen der Radial Sprachtechnologie GmbH, ist Manager und Anteilseigner bei denselben Startups wie Bodenkamp. Er gilt als dessen belgischer Verbindungsmann. Radial Belgium war der anfängliche Investor bei diesen Startups. Van Deun war zudem bei weiteren vier Startups für griechische, polnische, ungarische und tschechische Sprachentwicklung beteiligt.

Dies geht aus dem Audit-Bericht hervor, den John Duerden, Chef des schwer angeschlagenen Sprachtechnologieunternehmens, am 3. Januar 2001 vollständig veröffentlichte [7|#literatur]. Darin heißt es: ‘Große Anstrengungen wurden unternommen, um die Investoren bei den LDCs [Language Development Companies], CLDCs [Cross-Language Development Companies] und IACs [Intelligent Agent Companies] zu identifizieren und zu sprechen. Das Management und einige Vorstandsmitglieder haben den Prozess mehr als nötig erschwert.’ Die Hintermänner von vier der insgesamt 30 Startups sind auch in diesem Bericht nicht genannt. Dazu gehört auch die Turkish LDC. Die Bodenkamp-Radial-Startups werden Ende 99 verkauft.

Zweifel an den Buchungspraktiken von Lernout & Hauspie waren bereits im Sommer 2000 aufgetaucht: Das Wall Street Journal stellt fest, dass ein Teil der behaupteten Erlöse auf Geschäfte mit verbundenen Firmen zurückzugehen scheinen. Lernout & Hauspie hatte demnach die Lizenzeinnahmen von elf Startups aus Belgien sowie 19 Startups aus Singapur als Einnahmen in Höhe von drei Millionen bis acht Millionen US-Dollar verbucht, und zwar aus Softwarelizenzen zur Entwicklung neuer Anwendungen. Vier der Startups geben jedoch im Juli 2000 in ihren finanziellen Stellungnahmen gegenüber der belgischen Zentralbank nur Vermögenswerte in der Höhe von 1,5 Millionen US-Dollar an. Auch zeigen sie keine Abschreibungen, die annähernd so hoch gewesen wären. Allein die Farsi- und Türkisch-Startups geben Stellungnahmen ab, aus denen drei Millionen US-Dollar Lizenzzahlungen hervorgehen.

Die amerikanische Börsenaufsichtsbehörde SEC leitet eine formelles Untersuchungsverfahren ein. In einem Artikel des Wall Street Journal’ wird ‘Stephan Bodenkamp’ erstmals in Verbindung gebracht mit diesen Firmen. Er soll in der Geschäftsleitung von einigen dieser verbundenen Firmen gewesen sein - zwischen Ende 1998 und Ende 1999. L&H weigert sich zunächst jedoch trotz massiven öffentlichen Drucks zu veröffentlichen, wer hinter den verbundenen Firmen steht.

Sowohl für Bodenkamp beziehungsweise den BND als auch für Learnout & Hauspie handelt es sich bei der Kooperation um eine Gewinn bringende Situation: Bodenkamp bekommt die Entwicklung von Sprachkomponenten, die für den BND von strategischem Interesse sind. Lernout & Hauspie verbucht angebliche Lizenzeinnahmen in Höhe von 61 Millionen US-Dollar. In Wirklichkeit wird jedoch nur ein Bruchteil gezahlt. (jk)

[1] EU-Projekt SENSUS, http://www.SENSUS-int.de/

[2] EU-Projekt Aventinus, http://svenska.gu.se/aventinus/index. html

[3] Polygenesis, http://www.polygenesys.com/

[4] Polygon, http://www.delphion.com/details?pn=WO09715015A2

[5] Arbeitsgruppe ‘Komplexe Ermittlungsverfahren’, http://www.polizei.brandenburg.de/info110/2_98/digital.htm

[6] Radial, http://www.radialmuc.de/

[7] Prüfungsbericht Lernout & Hauspie, http://www.lhsl.com/pressroom/audit/

[8] Ulrike Kuhlmann, Klassenziel verfehlt, c't 26/2000, S. 38

[9] Spracherkennungsforschung bei DARPA, http://www.arpa.mil/ito/research/tides/index.html

[10] Folienvortrag Klaus Schmidt zu Aventinus/SENSUS: http://www.bka.de/text/analytikertagung/aventinus_sensus/

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