Die Woche: Apps für Linux?

@ctmagazin | Kommentar

Einige Gnome-Entwickler denken über ein neues Format für Linux-Anwendungen nach. Eigentlich eine gute Idee, aber leider gibt es einen Pferdefuß.

Die Gnome-Macher haben schon ein Talent dafür, sich in die Nesseln zu setzen. Nicht nur, dass sie bei der Entwicklung ihres Desktops immer wieder Entscheidungen treffen, die ihnen wütende Proteste der Gnome-User einbringen; mit ihrer neuen Idee der "Linux-Apps" haben sie ein neues, nicht minder kontroverses Fass aufgemacht.

Dabei ist die Idee an sich gar nicht so revolutionär: Ein distributionsunabhängiges Paketformat soll Linux-Anwendungen mit allem, was sie benötigen, auf die Platte bringen – ungefähr so wie die Application Bundles unter Mac OS, stelle ich mir vor. Laufen sollen die Linux Apps voreinander geschützt und mit definierten, streng kontrollierten Zugriffswegen auf Hardware und System in Sandboxen – etwa so wie HTML5-Apps in Chrome, denke ich. Nichts grundlegend Neues also.

Bleibt die Frage nach dem Warum. Eigentlich ist die Software-Verwaltung unter Linux doch ein längst gelöstes Problem: Nahezu alle Distributionen verfügen über ausgefeilte Programmpaketmanager, die Anwendungen aus den Repositories der Distribution installieren und dafür sorgen, dass eventuell benötigte Bibliotheken, Programme und Daten mit installiert werden. Das ist bequem und funktioniert meist reibungslos – sofern das gewünschte Programm in den Repositories zu finden ist. (Wenn nicht – also vor allem bei proprietärer Software –, wird es komplizierter. Aber den Gnome-Entwickler geht es vermutlich nicht darum, die Probleme der Hersteller proprietärer Linux-Software lösen.)

Einen kleinen Haken gibt es allerdings: Um ein Programm und die von ihm benötigten Bibliotheken zu installieren, braucht man root-Rechte. Und mit root-Rechten kann man bekanntlich beliebig großen Schaden im System anrichten. Diese Kopplung ist ein Problem: Ich hätte gar nichts dagegen, wenn die Kinder Tuxpaint selbst auf dem Notebook installieren können; aber ich möchte nicht, dass sie aus Versehen /etc löschen. Die traditionellen Paketmanager bieten hier keine Lösung. (Und nein, ich möchte keiner Zehnjährigen beibringen, wie man Anwendungen selbst kompiliert und in ~/bin installiert.)

Ein Programmpaket hingegen, das alles mitbringt, was es jenseits von, sagen wir, C-Bibliothek, Glib, Gtk und D-Bus braucht, könnte man auch einfach in sein Home-Verzeichnis legen. Natürlich, wenn beide Kinder mit Tuxpaint malen wollen, wird das Programm samt Bibliotheken und Daten womöglich zweimal installiert; aber ist das bei heutigen Plattengrößen ein Problem? Die Smartphone-Betriebssysteme iOS und Android zeigen, dass man in der Unix-Welt das Recht zur Software-Installation durchaus von dem Recht trennen kann, den Kernel zu überschreiben. Warum also nicht auch in Linux?

Und trotzdem bin ich mit der Idee der Gnome-Entwickler nicht glücklich. Sorge eins: Werden die "Linux Apps" wohl auch unter KDE, Unity, XFCE, E17, ... funktionieren? Oder werden sie so eng mit Gnome-Schnittstellen und -Infrastruktur verknüpft sein, dass sie in der Praxis nur unter Gnome richtig schön funktionieren?

Vor allem aber möchte ich keine zwei parallelen Softwareverwaltungen auf meinem System haben und bei jedem Programm erst mal überlegen müssen, mit welchem App-Manager es nun installiert oder deinstalliert wird. Und dass die Distributoren ihre eigene Softwareverwaltung drangeben, wird ja wohl niemand glauben. Wobei auch erst noch zu zeigen wäre, dass die Linux-Apps tatsächlich so geschmeidig funktionieren wie apt-get, yum, zypper & Co. Daher, fürchte ich, werden die Linux-Apps wohl eine isolierte Insellösung bleiben – wenn sie denn überhaupt jemals fertig werden. Derzeit gibt es nämlich noch nicht viel mehr als eine Ideensammlung dazu. (odi)

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