Die Woche: Apps für Ubuntu

@ctmagazin | Kommentar

Canonical möchte mehr Programmierer dazu bringen, kleine Anwendungen für den Ubuntu-Desktop zu entwickeln. Aber ob das für eine Revolution auf dem Linux-Desktop reicht?

Ein Grund für das weitgehende Scheitern von Linux auf dem Desktop ist der Mangel an Desktop-Programmen. Nein, ich meine weder den vierzehnten Editor auf GtkSourceView-Basis noch die "großen" Anwendungen wie Webbrowser oder Textverarbeitung – da herrscht kein Mangel. Was fehlt, sind die vielen kleinen nützlichen und unterhaltsamen Tools und Progrämmchen, neudeutsch: Apps. Apps, die aktuelle Aktienkurse oder das Wetter anzeigen, die die Rezeptsammlung speichern oder Fotos aufpeppen; interessante Spielchen, unterhaltsame Lernsoftware, Wohnungsplaner und Reiseführer. Apps vor allem, die von der Bedienung und Oberfläche her konzipiert sind, die Spaß machen und sich intuitiv verwenden lassen – ohne Handbuchstudium.

Das möchte Canonical, das Unternehmen hinter Ubuntu, gerne ändern. Um Programmierern den Einstieg zu erleichtern, wurde die Developer-Site von Ubuntu überarbeitet. In vier einfachen Schritten – Projekt starten, entwickeln, zusammenarbeiten, veröffentlichen – sollen sie von der Idee zum fertigen Programmpaket gelangen. Die Initiative zielt auf einzelne Programmierer und kleine Teams oder Unternehmen, die mit der Entwicklung starten oder eine bereits bestehende App von einer anderen Plattform portieren wollen, erklärte John Oxton, User Experience Architect bei Canonical, zum Start der neuen Entwickler-Site.

Die Woche: Apps für Ubuntu

Um dem Ganzen noch etwas mehr Drive zu geben, veranstaltete man unlängst eine Ubuntu App Developer Week. In über 20 Chat-Sessions erfuhren angehende Entwickler unter anderem, wie man mit Python, Go oder Vala programmiert, welche Plugins die Arbeit mit Gedit erleichtern oder wie die Multitouch-Erweiterung von Gtk funktioniert.

Die meisten Sessions drehten sich allerdings um sehr Ubuntu-spezifische Dinge: Wie man eine App in den Ubuntu-Desktop Unity integriert; wie man Canonicals Entwicklungs- und Hosting-Plattform Launchpad, das Versionskontrollsystem Bazaar und die Entwicklungsumgebung Quickly nutzt; wie eine App in das Software Center von Ubuntu kommt; wie Apps den Cloud-Dienst Ubuntu One nutzen oder Statusinformationen über die Indikatoren ausgeben können. All das sind Dinge, die außerhalb der Ubuntu-Welt kaum oder gar nicht nützlich sind – und um die sich 99 Prozent der vorhandenen Linux-Desktop-Anwendungen nicht kümmern.

Und auch die Developer-Site führt einen sehr direkt in die Ubuntu-Welt: Da wird Quickly als Entwicklungsumgebung empfohlen; Alternativen wie Eclipse oder der Qt Creator werden lediglich kurz angerissen. Unter der Überschrift "Entwickeln" erfährt man natürlich eine Menge über die verschiedenen Programmiersprachen, über GUI- und Multimedia-Bibliotheken, Datenbanken und Dateisystemfunktionen; aber Ubuntu-spezifische Themenkomplexe wie die Unity-Integration stehen gleichberechtigt daneben. Beim Stichwort "Zusammenarbeit" geht es dann nur noch um die Canonical-Plattform Launchpad, und "veröffentlichen" bedeutet in der Ubuntu-Welt: ab ins Software Center – gewissermaßen der Ubuntu App Store.

Es scheint, als wolle sich Canonical ein ganz eigenes Ubuntu-Universum bauen: ein eigener Desktop mit eigenen Schnittstellen für Apps (Stichworte: Launcher, Lenses, Ubuntu One, Indikatoren, Ayatana); ein exklusiver App Store, auf den man nur über das Ubuntu Software Center zugreifen kann; der nur in Ubuntu integrierte Cloud-Dienst Ubuntu One; die eigene Launchpad-Plattform. Was immer in diesem Umfeld entwickelt wird, dürfte sich – wenn überhaupt – nur mit Schwierigkeiten auf anderen Linux-Systemen nutzen lassen.

Mir kommt das ein bisschen vor wie die Apple-Strategie bei der Einführung des iPhone 3G vor drei Jahren. Damals entwickelte man Anwendungen für Smartphones überwiegend in Java; das war mühsam und funktionierte nie so hardwareunabhängig, wie Java eigentlich gedacht war. Entsprechend wenige Programme wurden auf den Internet-fähigen Handys von Nokia, Motorola und Co. installiert. Mit dem iPhone 3G warf Apple Java radikal über Bord, erfand eigene Programmierschnittstellen, sorgte für eine geeignete integrierte Entwicklungsumgebung und schuf mit dem App Store gleich einen einfachen Vertriebsweg für iPhone-Programme. Der Rest ist Geschichte.

Ob die Initiative von Canonical so den App-Knoten für den Linux-Desktop zerschlagen kann? Nicht sehr wahrscheinlich. Der Frust vieler kommerzieller Entwickler mit Linux mag mag durchaus der Situation in der Smartphone-Welt vor drei, vier Jahren ähneln; aber Canonical kann den Apple-Weg längst nicht in dieser Radikalität gehen. Um den Linux-Desktop komplett neu zu erfinden, fehlen dem Unternehmen die Ressourcen; und so schleppt Ubuntu immer noch eine Menge Linux-Altlasten mit sich herum, die ein paar neue APIs für den Desktop nicht ausbügeln können.

Zudem ist fraglich, ob sich der Linux-Desktop überhaupt in der Radikalität neu erfinden lässt, wie es Apple mit seinem Touchscreen-Handy in der Smartphone-Welt vorgemacht hat. Und so fehlt auch der Reiz des Neuen, der viele Programmierer zu iOS oder Android treibt. Denn trotz Qickly, Python und Unity: Am Ende landet man doch bei den alten Schnittstellen, die das Developer Network der Linux Foundation schon seit Jahren dokumentiert hat. Aber wenn Canonical ein paar neue Programmierer für den Linux-Desktop begeistert und ein paar coole Apps dabei herauskommen, hat es sich ja auch schon gelohnt. (odi)

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