Die Woche: Canonicals Sonderwege

@ctmagazin | Kommentar

Mit der Ankündigung, einen eigenen Grafik-Stack für Ubuntu zu entwickeln, hat Canonical für Unmut in der Linux-Desktop-Welt gesorgt. Doch dafür gibt es eigentlich keinen Grund.

Kennen Sie das "Not invented here"-Syndrom? Damit ist gemeint, dass Unternehmen lieber etwas Eigenes erfinden, als mit dem bereits Bestehenden zu arbeiten. Zum Beispiel Canonical: Der Ubuntu-Hersteller entwickelt für seine Vision "Ubuntu für alle Geräte vom Smartphone bis zum Desktop" lieber einen eigenen Display Server, als auf bestehende Lösungen wie das bewährte X Window System, dessen designierten Nachfolger Wayland oder den Android-Display-Server Surfaceflinger zurückzugreifen.

Dabei sind X11, Wayland und Android alle Open Source. Canonical könnte jedes dieser Projekte als Grundlage für einen eigenen Grafik-Stacks nehmen und um die fehlenden Funktionen erweitern. Oder einfach aktiv bei einem dieser Projekte einstiegen – naheliegend wäre der Display Server Wayland, der ganz ähnliche Ziele verfolgt wie Canonicals geplanter Mir und den Ubuntu-Mäzen Mark Shuttleworth schon vor zweieinhalb Jahren als X11-Nachfolger für Ubuntu propagiert hat.

Andere Linux-Distributoren praktizieren so etwas schon lange: Red Hat hat mehrere Gnome-Entwickler angestellt, die dafür sorgen, dass sich die Interessen des Unternehmens in der Entwicklung des Desktops niederschlagen. Suse hat dasselbe mit KDE gemacht. Beide – und etliche andere Firmen – bezahlen Kernel-Entwickler, die an den Stellen im Linux-Kernel anpacken, die dem jeweiligen Unternehmen wichtig sind.

Klar, die Software anderer Leute passt nie perfekt auf das eigene Problem; und jeder Programmierer hat schon die Erfahrung gemacht, dass es manchmal einfacher ist, von vorne anzufangen, als bestehenden Code anzupassen. Zudem kann es ganz schön mühselig sein, die eigenen Ideen mit den Vorstellungen einer Community unter einen Hut zu bringen. Aber mit der Entscheidung, mal wieder sein eigenes Ding durchzuziehen, statt den Open-Source-typischen Weg der Zusammenarbeit zu gehen, hat Canonical einiges Porzellan zerschlagen. Und das betrifft nicht nur die Wayland-Macher, die angepisst waren, weil die Mir-Entwickler ihre Entscheidung gegen Wayland zunächst mit nicht fundierten Vorwürfen gegen Wayland begründet hatten.

Sowohl die Gnome- als auch die KDE-Entwickler haben jetzt demonstrativ bekräftigt, dass sie ihre Desktops auf Wayland portieren wollen. Es scheint, als ob damit die Linux-Desktop-Welt in zwei Lager zerfallen ist: Canonical mit Mir auf der einen Seite, alle anderen mit Wayland auf der anderen. Was allerdings nichts Neues ist: Der Unity-Desktop ist auch eine Canonical-only-Geschichte geblieben, auf die weder externe Desktop-Entwickler noch andere Distributoren eingestiegen sind.

Letztlich läuft es wohl darauf hinaus, dass Canonical einen eigenen Grafikstack für Ubuntu entwickelt. Wirklich schlimm ist das aber für niemanden.

Denn Ubuntu braucht Anwendungen: Chrome, Firefox, Thunderbird, die diversen Gnome-Programme von Gedit bis zu den Gnome-Konfigurationstools. Um eine Gtk-Portierung auf Mir wird Canonical daher nicht herumkommen. Qt, das andere große GUI-Toolkit der Linux-Welt, muss sowieso ein Mir-Backend erhalten, schließlich soll der Ubuntu-Desktop zukünftig in Qt5 und QML entwickelt werden. Damit wird man auch Qt- und KDE-Programme unter Mir nutzen können. Und einen X11-Kompatibilitätslayer braucht Ubuntu sowieso. Ubuntu-User werden daher vermutlich gar nichts von der Umstellung auf den neuen Display Server Mir in Ubuntu 13.10 oder 14.04 merken – nicht mehr zumindest als von einer Umstellung auf Wayland: Knirschen wird es so oder so, wenn das X Window System abgelöst wird.

Und auch den Anwendern anderer Desktops und Linux-Distributionen geht nichts verloren. Mit Intel engagiert sich bereits ein finanzkräftiges Unternehmen für Wayland; die Entwicklung von Wayland läuft auch ohne Canonical. Bislang zeichnet es sich auch nicht ab, dass in größerem Umfang attraktive Anwendungen speziell für Ubuntu entwickelt würden. Und wenn doch, wird sich sicher ein Weg finden, die Ubuntu-spezifischen APIs auf anderen Distributionen nachzurüsten – der Code liegt ja offen.

Bleibt die Frage, ob Canonical die Entwicklung eines eigenen Grafik-Stacks stemmen kann. Wir waren schon bei Unity skeptisch, mussten uns aber eines Besseren belehren lassen: Canonical hat in Eigenregie einen durchaus brauchbaren Linux-Desktop entwickelt. Vermutlich werden sie das auch mit ihrem Display Server hinkriegen. Ich bin gespannt, ob ich eher Gnome oder KDE auf Wayland oder Unity auf Mir funktionieren sehe. (odi)

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