Die Woche: Canonicals Wegezoll

@ctmagazin | Kommentar

In letzter Zeit beweist Canonical, die Firma hinter Ubuntu, mit Aktionen wie der geplanten Deaktivierung des Amazon-Shops in Banshee kein glückliches Händchen im Umgang mit der Community. Mark Shuttleworth räumt jetzt zwar Kommunikationsprobleme ein, verteidigt aber Canonicals Haltung.

In letzter Zeit beweist Canonical, die Firma hinter Ubuntu, kein glückliches Händchen im Umgang mit der Community: Die Ankündigung , statt der in Gnome 3.0 enthaltenen Gnome Shell die Eigenentwicklung Unity als Oberfläche für Ubuntu 11.04 nutzen zu wollen, sorgte nicht nur bei den Gnome-Entwicklern, sondern auch bei etlichen Anwendern für Unmut . Kaum haben sich die Diskussionen darüber gelegt, liefert ein Disput mit den Banshee-Entwicklern weiteren Gesprächsstoff: Das Unternehmen sieht in der Amazon-Integration des neuen Standard-Players in Ubuntu Konkurrenz zu seinem eigenen Music Store – scheinbar eine, die es loszuwerden gilt.

Im Gespräch mit dem Banshee-Team hat ein Canonical-Mitarbeiter den Entwicklern zwei Lösungsvorschläge unterbreitet: Bei dem einen hätte Banshee 75 Prozent der von Amazon gezahlten Vermittlungsprovision an Canonical abtreten müssen, der zweite sah vor, dass per Default nur der Ubuntu One Music Store aktiviert ist.

Wohl nicht zuletzt wegen der unverschämten 75-Prozent-Forderung – selbst Apple begnügt sich bei Verkäufen über seinen App Store mit 30 Prozent – entschieden sich die Banshee-Entwickler für die zweite Option: Wollen die Benutzer lieber bei Amazon als im Ubuntu Music Store shoppen gehen, müssen Sie die Vorgabeeinstellungen ändern. Nachdem das Verhalten Canonicals immer mehr kontroverse Diskussionen in Foren und Blog-Kommentaren hervorrief, hat nun Ubuntu-Vater Mark Shuttleworth zu dem Thema Stellung genommen .

Er entschuldigte sich zunächst bei den Banshee-Entwicklern, da es insgesamt zu Kommunikationsproblemen gekommen sei. Während des Ubuntu Developer Summit habe einfach niemand daran gedacht, die Problematik der Store-Integration anzusprechen.Außerdem entschuldigt er sich für das Angebot, das Amazon-Plugin zu deaktivieren – der Mitarbeiter, der den Banshee-Entwicklern dieses unterbreitet habe, sei dazu nicht berechtigt gewesen.

Künftig müsse man die Kommunikation mit den Projekten verbessern, grundsätzlich stehe er aber zu der Haltung Canonicals. Das Unternehmen bezahle die direkte Entwicklung von Ubuntu und stelle für alle freien Projekte gleichzeitig eine Infrastruktur zum Bugtracking und zur Entwicklung zur Verfügung. Um Ubuntu als freies Desktop-System anzubieten, sei es jedoch nötig, über optionale kostenpflichtige Dienste Geld einzunehmen. Dass auch viele freie Projekte zu Ubuntu beitragen, sei Canonical bewusst, schmälere aber den Investitionsaufwand des Unternehmens nicht. Außerdem sei es Ubuntu, das die Projekte in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit bringe. Canonical würde sich bemühen, seine Einnahmen mit den jeweiligen Projekten zu teilen.

Unbestreitbar hat Canonical viel für Linux auf dem Desktop getan, doch die Stellungnahme Shuttleworths muss für die meisten freien Entwickler wie Hohn klingen. Bei einem 75-Prozent-Anteil vom Kuchen, den sich Canonical zuschanzen will, kann man kaum von "teilen" sprechen. Und bei dem Hinweis, dass es Canonical sei, das freie Projekte auf die Desktops der Nutzer bringe, vergisst Shuttleworth wohl die Anfänge seiner Distribution.

Ende 2004, als gerade die zweite Version von Ubuntu, "Hoary Hedgehog ", aktuell war, wurde die junge Distribution noch als Debian mit aufgehübschter Fassade und als das "Gib-ihm-Tiernamen-Linux" belächelt. Freie Projekte wie OpenOffice und Firefox standen zu dem Zeitpunkt längst im Rampenlicht – letzteres spätestens mit der im November 2004 erschienen ganzseitigen Anzeige in der New York Times und in der FAZ, die die Version 1.0 des Browsers ankündigte. Diese und viele andere freie Projekte waren und sind es, die den Erfolg von Ubuntu als benutzbares Desktop-Linux erst ermöglicht haben.

Wenn die Erfolgsgeschichte weitergehen soll, muss Canonical nicht nur die Kommunikation verbessern, sondern auch seine Haltung gegenüber freien Projekten überdenken: Entwickler, die oft unbezahlt und in ihrer Freizeit an einem Projekt mitarbeiten, sind keine kleinen Angestellten, denen man nach Gutsherrenart die Konditionen der Zusammenarbeit diktiert. (amu)

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