Die Woche: Freie Software gegen die Entmündigung der Anwender

@ctmagazin | Kommentar

Die Einführung von UEFI Secure Boot, so wird befürchtet, könnte die Installation von Linux verhindern. Die Konsequenzen könnten aber noch viel weiter reichen.

Normalerweise verwenden wir hier die Begriffe "Open Source" und "freie Software" synonym, sind doch die Open-Source-Definition der Open Source Initiative und die vier Freiheiten der Free Software Foundation, die freie Software ausmachen, inhaltlich weitgehend deckungsgleich. Aber in diesem Wochenkommentar soll es ausdrücklich um freie Software gehen und um die zentrale Idee dahinter: die Freiheit des Anwenders.

Auf dem 28C3 warnte Cory Doctorow in seinem Vortrag vor dem "kommenden Krieg gegen universelle Computer" (deutsche Transkription von Christian Wöhrl). Nach Doctorows Ansicht besteht ein massives wirtschaftliches Interesse daran, universelle Computer, die jede beliebige Software ausführen können, abzuschaffen – so, wie sich derzeit die Unterhaltungsindustrie Computer wünscht, auf denen man Filme, Musik, Bücher und Zeitschriften zwar konsumieren, aber nicht kopieren und weitergeben kann. Angesichts der fortschreitenden Computerisierung aller Lebensbereiche, spekuliert der Blogger, sei der derzeitige Kampf ums Copyright nur der Beginn einer langen Auseinandersetzung um universelle Computer.

Die aktuellen Entwicklungen, die sich im Kontext der Einführung von Windows 8 und der UEFI-Funktion Secure Boot im PC-Markt abzeichnen, lassen diese Befürchtungen durchaus berechtigt erscheinen. Mit Secure Boot, für ARM-Rechner mit Windows 8 verbindlich vorgeschrieben und auch für die x86-Welt auf der Agenda, könnte die Zeit zu Ende gehen, wo der Eigentümer eines PC selbst entscheiden kann, welches Betriebssystem und welche Software er auf seinem Rechner laufen lässt. Bei Smartphones und Tablets aus dem Hause Apple haben wir uns daran gewöhnt, dass der Hersteller entscheidet, welche Programme auf dem Gerät installiert werden dürfen; bei Android-Geräten sieht es nicht viel besser aus. Jetzt scheint die Entwicklung in der PC-Welt in die gleiche Richtung zu gehen.

Das kann man durchaus begrüßen, auch wenn man kein DRM-Fan ist – zum Beispiel aus Sicherheitsgründen: Das größte Sicherheitsrisiko dürften unbedarfte Anwender sein, die auf jeden Link in einer Mail klicken und Programme aus dubiosen Quellen im Netz installieren. Da mag ein PC, der nur die Installation geprüfter Software zulässt und Sicherheitslücken ohne Zutun (oder auch nur Zustimmung) des Anwenders patcht, durchaus attraktiv erscheinen.

Aber man muss sich auch darüber im klaren sein: Wer die Software auf einem Computer kontrolliert, kontrolliert auch die darauf gespeicherten Daten. Im Zeitalter von Google Mail, Dropbox und iCloud mag die Idee ein bisschen altmodisch erscheinen, Daten unter eigener Kontrolle zu haben. Aber wirklich vertrauliche Daten, die keinesfalls in fremde Hände geraten sollen, würde ich weder auf dem iPad noch auf einem Android-Smartphone speichern: Wenn das FBI die Herausgabe meiner Daten wegen einer vermeintlichen Bedrohung der nationalen Sicherheit fordert, dürften sich weder Apple noch Google dagegen sperren – und dann auch schnell an die Daten auf meinem Gerät herankommen.

Die Vorstellung eines PC, der nur das vom Hersteller vorinstallierte Betriebssystem bootet und die Arbeit einstellt, wenn er nicht regelmäßig übers Internet nach Updates schauen darf, der nur die Installation Hersteller-zertifizierter Software erlaubt und nach einer Veränderung am Betriebssystem nicht mehr startet, finde ich gruselig – ganz egal, um welches Betriebssystem es sich handelt. Dass die Linux-Community befürchtet, mit Secure Boot könnte Microsoft die Installation von Linux auf Windows-8-PCs unterbinden, geht am Kern des Problems vorbei.

Das eigentliche Problem ist nämlich der Verlust der Freiheit des Anwenders, sollten Computer für Privatanwender irgendwann so verriegelt sein wie heute schon ein iPhone. Unter der Kontrolle des Besitzers steht ein Rechner nur mit freier Software im Sinne der Free Software Foundation: Nur wenn ich sämtliche Software auf dem Gerät untersuchen und meinen eigenen Bedürfnissen anpassen darf, bin ich wirklich Herr meiner Daten. Mit ist durchaus bewusst, dass das eine theoretische Freiheit ist – natürlich habe ich die 15 Millionen Zeilen Quellcode des Linux-Kernels nicht komplett gelesen, von der restlichen Software ganz zu schweigen. Aber ohne freie Software gibt es gar keine Chance, die Vertraulichkeit der Daten sicherzustellen. Letztlich geht es darum, wer die Kontrolle über den Rechner hat: der Hersteller oder der Besitzer.

Es ist leicht, Richard Stallman wegen seiner extremen Positionen als Spinner abzutun. Ich wäre allerdings nicht verwundert, wenn man den Vordenker der Free Software Foundation irgendwann als Visionär anerkennt, der ein zentrales Problem der digitalen Welt früher erkannt hat als jeder andere. (odi)

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