Die Woche: Freie Software nach PRISM

@ctmagazin | Kommentar

Bei freier Software geht es auch um Selbstbestimmung. Dazu gehört heutzutage die Verfügungsgewalt darüber, welche Daten an welchen Dienst gesendet werden.

Die Free Software Foundation (FSF) formuliert vier Freiheiten, die ein Programm dem Anwender gewähren muss, um sich als freie Software zu qualifizieren:

  • die Freiheit, es für jeden Zweck auszuführen;
  • die Freiheit, seine Funktionsweise zu untersuchen und eigenen Bedürfnissen anzupassen;
  • die Freiheit, es weiterzuverbreiten;
  • die Freiheit, es zu verbessern und diese Verbesserungen zu veröffentlichen.

Ähnliche Kriterien (wenn auch etwas differenzierter) legt die Open Source Definition der Open Source Initiative an.

Angesichts des NSA-Überwachungsskandals, der sich in den letzten Wochen zu einer wahren Geheimdienst-Schnüffel-Vertuschungs-Verharmlosungs-Affäre ausgeweitet hat, hat nun der KDE-Entwickler Martin Gräßlin die Einführung einer fünften Freiheit angeregt. Unter der Überschrift "Freie Software nach PRISM: Privacy als Default" schlägt er vor, den bekannten vier Freiheiten freier Software eine weitere hinzuzufügen:

  • die Freiheit, zu entscheiden, welche Daten an welchen Dienst gesendet werden.

Die Freiheit, selbst zu entscheiden, wer welche Daten erhält, würde man sich eigentlich von jeder Software und jedem Webdienst wünschen. Dass sie selbst bei freier Software nicht selbstverständlich ist, mag auf den ersten Blick überraschen. Wenn man jedoch an die in Ubuntu 12.10 integrierte Amazon-Suche denkt, die jeden im Dash eingegebenen Suchbegriff samt IP-Adresse an Canonical überträgt, oder an den (letztlich aufgegebenen) Versuch der CyanogenMod-Entwickler mit einer Zwangsstatistik, merkt man, dass die Herrschaft über die eigenen Daten auch bei freier Software nicht automatisch garantiert ist.

Gerade bei Software für Mobilgeräte ist der Datenaustausch übers Netz selbstverständlich geworden: In viele Apps sind Funktionen eingebaut, um ihre Nutzung zu erfassen und zu analysieren; Ad Targeting, worüber viele Entwickler ihre kostenlosen Apps finanzieren, erfordert Informationen über Ort und/oder Person. Von den Synchronisations- und Lokalisierungsfunktionen, die Anwender heutzutage selbstverständlich erwarten, will ich gar nicht erst anfangen. Es sollte mich nicht wundern, wenn auch das eine oder andere der freien Android-Programme im F-Droid Store ohne Rückfrage Daten ins Internet überträgt.

Natürlich kann man bei Open Source unerwünschten Code, der Daten ins Netz verschickt, selbst entfernen – aber besser wäre es, man müsste sich darüber gar keine Gedanken machen. Bei freier Software geht es schließlich auch um Selbstbestimmung. Im Internet-Zeitalter gehört dazu nicht nur die Freiheit, zu entscheiden, welcher Code auf meinem Rechner läuft, sondern auch die Verfügungsgewalt über die Daten.

Ich jedenfalls würde es entschieden begrüßen, wenn mir freie Software grundsätzlich auch die Freiheit ließe, selbst zu entscheiden, welche Daten an welchen Dienst geschickt werden. (odi)

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