Die Woche: Höhenflug gestoppt

@ctmagazin | Kommentar

Die Mozilla Foundation macht sich Gedanken um ihre Zukunft. Nicht zu Unrecht, denn das Erfolgsprojekt Firefox ist erstmals gezwungen, aus der Defensive zu agieren.

Die Mozilla Foundation, die gemeinnützige Organisation hinter Projekten wie Thunderbird und Firefox, hat die Community dazu aufgerufen, die zukünftige Rolle von Mozilla in einem sich ändernden Internet zu diskutieren. Die Diskussion soll zunächst auf Community-Mitglieder beschränkt sein, die sich aktiv an der Entwicklung des Projekts beteiligen, später soll auch die breite Öffentlichkeit mit einbezogen werden. Wie Michell Baker, Chefin der Mozilla Foundation, schreibt, ist die Diskussion nötig, um sicherzustellen, dass die Mozilla-Projekte in einem dem Wandel unterworfenen Internet nicht an Relevanz verlieren.

Der Wunsch, den eigenen Standpunkt zu definieren und die Zukunft zu planen, kommt nicht von ungefähr: Firefox, der seit 2004 als Shooting Star der Browser-Szene den damaligen Fast-Alleinherrscher Internet Explorer rotzfrech angriff und ihm Marktanteile abjagte, ist nun selbst in der Position, seine Nutzerbasis verteidigen zu müssen. Als 2004 Firefox 1.0 erschien, war das Projekt in voller Fahrt: Spenden aus der Community finanzierten zur Markteinführung ganzseitige Anzeigen in der New York Times und der FAZ , sodass auch Windows-Nutzer, die nie etwas anderes als den Internet Explorer benutzt hatten, auf das freie Projekt aufmerksam wurden. Und Firefox kam zur rechten Zeit, denn der Microsoft-Browser machte damals eher durch Sicherheitslücken als durch komfortable Funktionen von sich reden. Erst im September 2004 hatte das Bundesamt für Sicherheit die Nutzung anderer Browser befürwortet, da ein Großteil der Schadsoftware auf den Microsoft-Browser zugeschnitten sei.

Nicht nur wegen der Sicherheit, auch wegen seinen Features gewann Firefox immer mehr Freunde: Der Browser konnte praktisch von Beginn an Websites in mehreren Tabs statt Fenstern öffnen, ließ sich optisch bis ins Detail konfigurieren und bot viele Optionen, mit denen man ihn an sein Surf-Verhalten anpassen konnte. Das führte dazu, dass Firefox immer mehr Marktanteile gewann. Diese ermitteln eine Reihe von Dienstanbietern , die das Surf-Verhalten auf ausgewählten Websites auswerten. Da Browser bei der Übermittlung ihrer Kennung schummeln können und die einzelne Dienste unterschiedliche Seiten auswerten (nur amerikanische Sites oder nur deutschsprachige Angebote), sind alle diese Statistiken nicht genau, liefern aber zumindest eine Tendenz.

Betrachtet man etwa nur die Zugriffe auf heise online, so kamen dort im Juli 2009 66 Prozent aller Zugriffe von Mozilla-Browsern, im Juli 2010 immer noch 62 Prozent der Zugriffe. Zu dieser Zeit wurde der Ende 2008 von Google vorgestellte Browser Chrome immer populärer. Hatte er auf heise online im Juli 2009 nur einen Anteil von etwas über einem Prozent, so konnte er den Wert innerhalb eines Jahre auf mehr als das vierfache (5,2 Prozent) steigern. Im Juli 2011 lag Chromes Anteil der Zugriffe auf heise online bei fast 9 Prozent, die Mozilla-Browser waren auf 59 Prozent abgerutscht. Auch die Apple-Browser (Safari und iOS-Browser) legten in dieser Zeit bei den Zugriffszahlen auf heise online zu: von 5 Prozent im Juli 2009 auf 9 Prozent im Juli 2011.

Beim Stöbern in den Zahlen stelle ich fest, dass die heise-Statistik mein eigenes Nutzerverhalten ziemlich genau widerspiegelt: Seit ich ein iPad habe, verbringe ich Surf-Abende weit lieber mit dem Tablet auf der Couch als am Rechner – und auf dem hat Google Chrome den Firefox bereits vor einem Jahr abgelöst. Ich war es leid, dass eine schlecht programmierte Flash-Anwendung regelmäßig Firefox mitsamt 20 geöffneten Tabs in den Abgrund riss. Chrome ist da wesentlich cleverer, da dort nur der betreffende Browser-Tab abstürzt und geschlossen werden muss.

Funktionsvielfalt und Erweiterbarkeit über Add-ons sind kein Alleinstellungsmerkmal von Firefox mehr. Auch das Sicherheitsargument vergangener Tage wiegt nicht mehr so schwer: Aufgrund der weiten Verbreitung ist nun auch Firefox ein attraktives Angriffsziel – dass der Browser Open Source ist und Sicherheitslücken in der Regel schnell gefixt werden, hilft einem nur, wenn diese bis dahin nicht ausgenutzt wurden.

Bei der Diskussion über die Zukunft wird die Community sich überlegen müssen, welche Schwerpunkte Mozilla bei der Weiterentwicklung des Browsers setzt. Ein großer Schritt nach vorne, der mich bewegen könnte, wieder mal einen Blick auf Mozilla zu werfen, wären stabile Versionen des Browsers für diverse Mobilsysteme wie Android und iOS. Auf jedem meiner Geräte Zugriff auf Lesezeichen, zuletzt besuchte Seiten, Formulareingaben und Suchen zu haben, wäre beispielsweise eine tolle Sache. Die bislang erhältliche Android-Version von Firefox konnte mich leider nicht überzeugen: zu langsam und hakelig in der Bedienung habe ich doch immer wieder auf den vorinstallierten Browser oder Skyfire zurückgegriffen. (amu)

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