Die Woche: (K)eine Chance für OpenOffice?

@ctmagazin | Kommentar

Unter dem Dach der Document Foundation soll OpenOffice künftig frei von Firmeninteressen weiterentwickelt werden. Um ohne Oracle Erfolg zu haben, wird das Projekt jedoch einige Hürden überwinden müssen.

Nachdem sich Oracle auch auf dem letzten OpenOffice-Kongress Anfang September nicht zu seinen Plänen bezüglich der freien Büro-Suite geäußert hatte, hat die Community die Document Foundation gegründet, unter deren Dach OpenOffice frei von Firmeninteressen weiterentwickelt werden soll. Von Seiten Oracles habe sich diesbezüglich nur noch wenig getan, wohl da die Hamburger Entwickler derzeit an einem kommerziellen Cloud Office arbeiteten, wie ein Insider gegenüber heise online sagte.

Neu ist die Idee einer Foundation nicht: Schon bei der Freigabe des Quelltextes von StarOffice durch Sun war die Gründung einer solchen Stifung fester Bestandteil des Freigabeplans. Unter dem Dach der OpenOffice.org Foundation sollte ein Projektmanagement-Komitee die Fäden in der Hand halten und die weitere Entwicklung steuern. Für Sun war ein mit den anderen Mitgliedern gleichberechtigter Sitz im Komitee vorgesehen. In die Tat umgesetzt wurde der Plan jedoch bis zur Übernahme von Sun durch Oracle nicht.

Die Intention der Document Foundation sei nicht der Bruch mit Oracle, so Florian Effenberger, Leiter des OpenOffice-Marketing-Teams. Man würde die Mitwirkung Oracles in der Foundation im Gegenteil sehr begrüßen und sich freuen, wenn die Firma sich dazu entschließen könne, die Markenrechte am Namen OpenOffice.org auf die Foundation zu übertragen. Bis es soweit sei, werde man die Bürosuite unter dem Namen LibreOffice zum Download anbieten.

Inwieweit die erfolgreiche Weiterentwicklung der Büro-Suite unter dem Dach der neu gegründeten Foundation ohne die Mitwirkung von Oracle möglich ist, ist allerdings fraglich. Ein wesentlicher Grund dafür ist die Geschichte des OpenOffice-Projekts und der Aufbau der Community. Trotz der Freigabe des StarOffice-Quelltextes und der Gründung des OpenOffice-Projekts fand die Hauptentwicklung immer bei Sun statt. Code-Beiträge aus der Community wurden häufig abgelehnt und fanden sich später nur im Projekt Go-oo. Das machte die Mitarbeit an OpenOffice für freie Entwickler eher unattraktiv. Wer investiert schon Monate, um sich in den relevanten Code reinzufuchsen und ein neues Feature zu implementieren, um dann eine Absage zu kassieren?

Während Mitglieder der Community bei klassischen Open-Source-Projekten am gesamten Entwicklungsprozess, vom Coden, Übersetzen, Dokumentation schreiben bis zur Vermarktung mitwirken, hatte die OpenOffice-Community nur einen minimalen Anteil an der Entwicklung. Diese fand -- wie schon zu den Zeiten, als StarOffice noch StarDivision gehörte -- bei dem alteingesessenen Hamburger Entwicklerteam statt, das seit zwei Jahrzehnten den Code betreut. Novell-Entwickler Michael Meeks stellte 2008 in seinem Blog fest, dass das Engagement von Sun für OpenOffice zurückginge, dieser Rückgang aber nicht durch Beiträge außerhalb von Sun aufgefangen werde. Er forderte schon damals, für eine sichere Zukunft müsse sich das Projekt von Sun lösen und den Entwicklern mehr Macht eingeräumen.

Die Gründer der neuen Foundation sind optimistisch, das Büropaket auch ohne eine Beteiligung Oracles weiterentwickeln zu können. Einige Firmen, darunter Google, Novell und Red Hat hätten bereits zugesagt, Mitarbeiter dafür abzustellen. Aber reicht das aus? Allzu stark dürfte das Interesse der drei Firmen an einem freien OpenOffice nicht sein. Google will am liebsten alle lokalen Anwendungen ins Web verlagern und hat mit "Google Text und Tabellen" bereits ein Online-Office-Paket am Start. Die beiden Linux-Distributoren konzentrieren sich hauptsächlich auf den Server-Bereich und verfolgen keine konsequente Desktop-Strategie. Eine freie Büro-Suite ist für sie nur für ihre Enterprise-Desktop-Produkte von Belang, die jedoch nicht das Kerngeschäft ausmachen.

Doch selbst wenn sich die drei Firmen ausreichend Entwickler für LibreOffice abstellen würden, ist das noch kein Garant für schnellen Erfolg: Der Code des Projekts umfasst mehrere Millionen Zeilen und gilt als schlecht dokumentiert. Sich dort einzuarbeiten, wird auch erfahrenen Entwicklern nicht von heute auf morgen gelingen. Um Erfolg zu haben, muss die Foundation viel Geduld mitbringen, um diese Durststrecke zu überwinden, und die Zeit nutzen, um weitere freie Entwickler ins Boot zu holen. (amu)

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