Die Woche: Kein Linux im Auswärtigen Amt

@ctmagazin | Kommentar

Das Auswärtige Amt wird seine Desktop-Rechner von Linux auf Windows zurückmigrieren. Wirklich zwingende Gründe scheint es dafür allerdings nicht zu geben.

Einige Dokumente aus dem Auswärtigen Amt, die unter anderem netzpolitik.org zugespielt und dort in Auszügen veröffentlicht wurden, zeigen, dass die Rückmigration von Linux auf Windows auf den Arbeitsplatzrechnern und Notebooks des Auswärtigen Amts keineswegs eine zwingende Entscheidung war. Im Vorfeld hatte das AA die Unternehmensberatung McKinsey zwei Mal mit einer Untersuchung der IT-Strategie beauftragt, und in beiden Studien kamen die Marktforscher zu dem Schluss, dass Linux und Open Source auch auf dem Desktop durchaus ein gangbarer Weg ist.

Aber wie kommt Linux überhaupt ins Auswärtige Amt? 2001 begann das AA mit dem Aufbau eines sicheren Intranets, das die über 200 Botschaften und die Zentrale in Deutschland miteinander verbindet. Die Entscheidung, ein VPN mit freier Software aufzubauen, fiel damals aus Kostengründen. 2004 begann man mit der Einführung von Open Source auch auf dem Desktop: Erst OpenOffice, Firefox und Thunderbird unter Windows, ab 2005 dann auch Linux – auf mobilen Rechnern aus Sicherheitsgründen als alleiniges Betriebssystem, auf Arbeitsplatz-PCs in einer Dual-Boot-Konfiguration mit Windows.

Zu diesem Zeitpunkt geht es den IT-Verantwortlichen beim Einsatz von Linux und Open Source schon nicht mehr so sehr um Kostenersparnis, sondern vor allem um Funktionalität und Sicherheit – das bescheinigt auch McKinsey 2009 in seiner ersten Bewertung der Open-Source-Strategie des Auswärtigen Amts. Was nichts daran ändert, dass sich das AA 2007 nach der Einführung von Linux auf dem Desktop rühmen kann, deutlich weniger Geld pro IT-Arbeitsplatz auszugeben als alle anderen Bundesministerien – trotz erschwerter Bedingungen wie dem Betrieb einer weltweit verteilten Infrastruktur. Insgesamt, so scheint es, ist der Einsatz von Open Source im Auswärtigen Amt eine Erfolgsgeschichte.

2009 kommt auch McKinsey in einer ersten Studie zu dem Schluss, dass in der Open-Source-Strategie des Auswärtigen Amts zwar bei einigen Themen Handlungsbedarf besteht, aber "die Strategie als solche bestätigt werden konnte". Probleme sieht man vor allem bei der Interoperabilität – das betrifft in erster Linie den Austausch von Office-Dokumenten –, in der Konzentration von wichtigem Know-how bei wenigen IT-lern und in der geringen Linux-Akzeptanz bei den Mitarbeitern. Mit einigen Verbesserungen, so die Unternehmensberater, könne das Auswärtige Amt aber seine Open-Source-Strategie erfolgreich fortführen und die derzeit bestehenden Probleme und Risiken beheben. Die Interoperabilitätsprobleme beispielsweise, die auch ein Grund für die geringe Akzeptanz sind, ließen sich schon vermindern, wenn man durchgängig auf allen Linux-Desktops aktuelle OpenOffice-Versionen installiert statt wie derzeit mit verschiedenen älteren Versionen zu arbeiten.

Im Frühjahr 2010 – Westerwelle ist inzwischen Außenminister, die Leitung der IT im Auswärtigen Amt hat Dr. Michael Groß übernommen – vergleicht eine zweite Studie von McKinsey die möglichen Client-Optionen im AA: ausschließlich Linux auf dem Desktop, Dual-Boot-Systeme mit Windows und Linux (die aktuelle Ausstattung der Arbeitsplatzrechner im AA) und eine reine Windows-Lösung. Auch diese Studie kommt zu dem Schluss, dass reine Linux-Desktops ein "gangbarer Weg" seien, bei dem allerdings "gegen die vorhandenen Nutzervorurteile angekämpft" werden müsse. Reine Windows-Desktops halten die Marktforscher für technisch möglich und aus Nutzersicht attraktiv; sie warnen jedoch, dass die Rückmigration teuer und aufwändig sei, Know-how-Verlust drohe und mittelfristig erhebliche Lizenz- und Migrationskosten entstünden.

Trotz dieser Bedenken informiert der Beauftragte des Auswärtigen Amts für Informationstechnik, Dr. Michael Groß, Ende 2010 die Beschäftigen des AA in einem Rundschreiben, dass bereits im August die Entscheidung getroffen wurde, zu Windows-Clients zurückzukehren. Unter der Überschrift: "Der Nutzer im Mittelpunkt" führt Groß "massive Kritik der User an den vielen ungelösten Interoperabilitätsproblemen" sowie den Umstand, dass keine andere Bundesbehörde dem Linux-Weg des Auswärtigen Amts gefolgt sei, als Gründe für den Umstieg an. Das heißt: 2011 werden alle Linux-Systeme auf Windows XP umgestellt, das dann als "einheitliche Basis für den eigentlichen Schritt zu einem neuen Windows 7 und Office 2010 (Word, Excel, PowerPoint) sowie Outlook als neuem Mailsystem" dienen soll.

Was wiederum die SPD-Fraktion unter Federführung des Bundestagsabgeordneten Oliver Kaczmarek dazu bewogen hat, eine Anfrage an die Bundesregierung zur "Nutzung von freier Software im Auswärtigen Amt und anderen Bundesbehörden" zu stellen. Dabei hebt man vor allem auf zwei Aspekte ab: Kosten und Sicherheit. In ihrer Antwort argumentiert die Bundesregierung: "Es entstehen keine mittelbaren Kosten, im Gegenteil, durch die Einführung von standardisierten Software-Produkten und die Nutzung vonim Bund bereits vorhandenen Softwarelösungen [...] werden Effizienzgewinne [...] erwartet." Konkrete Zahlen fehlen freilich. Schutzmaßnahmen zur Erhöhung der IT-Sicherheit wiederum seien "grundsätzlich unabhängig von der Frage, ob quelloffene oder proprietäre Software eingesetzt wird." Dem SPD-Mann reicht das so nicht – er möchte in einer weiteren Anfrage Details erfahren.

Ändern wird das freilich nichts: Das Experiment "Linux auf dem Behörden-Desktop" im Auswärtigen Amt dürfte wohl beendet sein. Dafür gibt es, wie die jetzt aufgetauchten Dokumente zeigen, keinen zwingenden sachlichen Grund; es handelt sich letztlich um eine strategische Entscheidung. Ebenso übrigens, wie die Entscheidung für Linux vor einigen Jahren. (odi)

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