Die Woche: OpenStreetMap weist den Weg

@ctmagazin | Kommentar

Der freie Kartendienst OpenStreetMap ist das Paradebeispiel eines erfolgreichen Community-Projekts, das inzwischen nicht nur mit kommerziellen Anbietern gleichzieht, sondern sie in einigen Bereichen überflügelt.

Als OpenStreetMap 2004 gegründet wurde, hätte wohl niemand dem Projekt prophezeit, welch riesigen Erfolg es haben würde. Allzu ehrgeizig schien der Plan, mit freiwilligen Beiträgen aus der Community die Welt kartographieren zu wollen und das so erstellte Kartenmaterial jedem frei zur Verfügung zu stellen. Ich war auch 2006 noch skeptisch: Die Straße, in der ich wohnte, tauchte gar nicht auf, die nahe gelegene Hauptstraße nahm einen mir unbekannten Kurvenverlauf und meine Geburtsstadt war ein nahezu weißer Fleck im OpenStreetMap-Universum.

Ein Kollege und aktiver Streetmapper nahm sich des Problems an, rückte die Hauptstraße zurecht und pflegte meine Adresse ein. Dabei erzählte er, wie er mit GPS-Logger ausgestattet durch die Straßen seines Wohnorts -- ein kleines Nest vor den Toren von Hannover -- gelaufen war, Koordinaten erfasst und später am Rechner bei OpenStreetMap eingetragen hatte. Das klang nach viel Arbeit und machte mich noch skeptischer – ob OpenStreetMap jemals für ernsthafte Dinge zu gebrauchen sein würde?

Heute ist von meiner Skepsis nichts mehr übrig, inzwischen ziehe ich in vielen Fällen OpenStreetMap jedem anderen Kartendienst vor, etwa wenn es darum geht, nach unbefestigten Fuß- und Radwegen für geplante Touren zu suchen. Während Google Maps gerade einmal die befestigten Wege der Hannoverschen Eilenriede anzeigt, finde ich mit OpenStreetMap jeden Trampelpfad und damit auch manchen Abkürzungsgeheimtipp.

Auch beim Eintragen von "Points of Interest" ist die Streetmapper-Community emsig dabei: In dem freien Kartenmaterial findet man nicht nur Restaurants und Sehenswürdigkeiten, sondern auch Briefkästen, Bushaltestellen und Altglas-Container – und das nicht nur in großen Städten. Eine dieses Jahr veröffentlichte Untersuchung von Alexander Zipf, Professor für Geoinformatik an der Universität Heidelberg, hat sich mit der Datenqualität von OpenStreetMap beschäftigt. Danach erreicht das Kartenmaterial in Deutschland inzwischen die Straßenabdeckung des kommerziellen Anbieters TeleAtlas.

Der Umfang des Datenmaterials nimmt zwar in weniger dicht besiedelten Gegenden ab, in dicht besiedelten Gebieten jedoch übertrifft die Menge der in OpenStreetMap erfassten Daten die des kommerziellen Anbieters. Während das Gesamtstreckennetz in Deutschland im April 2009 bei OpenStreetMap noch ein um fast ein Drittel kürzer war als bei TeleAtlas, waren es schon Ende 2009 nur noch sechs Prozent weniger.Den enormen Detailreichtum von OpenStreetMap veranschaulicht diese Vergleichskarte mit Google Maps besonders gut – spielen Sie mal ein bisschen mit dem Schieberegler oben, am besten in einer etwas höheren Zoomstufe.

Dass OpenStreetMap funktioniert und viele Menschen bereit sind, Zeit und Arbeit in das Einpflegen von Daten zu investieren, verdankt das Projekt seinem großen Nutzen und der hohen Nachfrage nach freiem Kartenmaterial. Das Material kommerzieller Anbieter ist teuer und darf nicht ohne weiteres genutzt werden. Einige Anbieter waren dafür berüchtigt, gezielt nach Privatpersonen und Vereinen zu suchen, die sich an ihrem Kartenmaterial bedient hatten, etwa für die Wegbeschreibung zum Vereinsheim, und sie mit deftigen Summen abzumahnen.

Inzwischen helfen neben der OpenStreetMap-Community auch Firmen und Behörden bei dem Projekt mit. Die Stadt Augsburg beispielsweise stellt OpenStreetMap amtliche Geodaten zur Verfügung, sodass die Nutzer alle städtischen Gebäude mit Publikumsverkehr in dem freien Kartenmaterial finden. Microsoft hat letzte Woche eine Zusammenarbeit angekündigt , in deren Rahmen es dem Projekt die hochauflösenden Satellitenbilder seines Kartendienstes Bing zur Verfügung stellen wird. Bing könnte eventuell später von Nutzern erfasste Detail-Informationen aus OpenStreetMap einbinden. Davon profitieren die Nutzer, die die Daten nicht nur zur Recherche, sondern auch für eigene Angebote nutzen können. So setzt beispielsweise der Dienst rollstuhlrouting.de , mit dem man barrierefreie Routen berechnen lassen kann, auf das Kartenmaterial von OpenStreetMap. (amu)

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