Die Woche: Quo vadis, Moblin?

@ctmagazin | Kommentar

Die Linux Foundation hat das Ruder beim Moblin-Projekt übernommen. Schließen sich jetzt, wo Intel nicht Länger Hausherr ist, auch andere Hersteller dem Projekt an, oder ist die Loslösung von Intel vielleicht der Anfang vom Ende der Open-Source-Plattform?

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Der Ausflug des Prozessor-Riesen Intel in die Welt der Betriebssystem-Macher scheint vorbei zu sein: Nach nicht einmal zwei Jahren übergibt Intel das Ruder des Moblin-Projekts an die Linux Foundation. Das eröffnet dem Projekt neue Perspektiven bei Unterstützungspartnern und Hardware-Plattformen, birgt aber auch das Risiko, dass Intel sein Engagement zukünftig herunterfährt und damit die Weiterentwicklung ins Stocken gerät.

Am Anfang von Moblin standen die MIDs (Mobile Internet Device): Die neue Geräteklasse besonders kleiner, fürs Surfen unterwegs gedachter Mini-PCs sollte mit den (für eine x86-kompatible CPU) sehr stromsparenden Atom-Prozessoren bestückt werden, anstatt wie in dem Bereich üblich einen Embedded-Prozessor oder System-on-Chip (SoC) einzusetzen, wie es Nokia bei seinen Internet Tablets 770 und N800 zu der Zeit tat. Auch im Bereich des In-Vehicle-Entertainments, also Unterhaltungselektronik in Autos, sollte der Atom-Prozessor Fuß fassen. Als Betriebssystem wollte Intel genauso wie Nokia ein auf die Mobilgeräte angepasstes Linux einsetzen.

So befassten sich einige von Intel bezahlte Entwickler damit, Linux auf die kommende MID-Plattform zu portieren. Als Mitte 2007 das Basissystem fertiggestellt und auch das Applikation-Framework definiert war, hob Intel das Moblin-Projekt aus der Taufe, um die Linux-Plattform zukünftig mit Hilfe der Linux-Community weiterzuentwickeln.

Doch Intel hatte die Rechnung ohne Asus gemacht: Der Eee-PC, ebenfalls mit Intels Atom-Prozessor ausgestattet, entwickelte sich zu einem überraschenden Kassenschlager. Plötzlich gab es keinen Bedarf mehr für ein etliche hundert Euro teures MID, wenn man doch für 300 Euro ein Netbook bekam. So änderte denn auch das Moblin-Projekt seinen Fokus und unterstützte nun neben MIDs offiziell auch Netbooks.

Mit der Zeit wurde die Ausstattung der Netbooks immer besser: Bei großen SSD (Solid State Disk) oder herkömmlichen Notebook-Festplatten, mehr RAM und größeren Displays war es nicht länger notwendig, ein besonders schlankes Linux zu verwenden, sondern es ließ sich auch Windows XP installieren. Das führte zu einem dramatischen Rückgang des Linux-Anteils bei den Netbooks.

Für den Chip-Giganten Intel dürfte es letztlich egal sein, ob die Atom-Prozessoren in MIDs oder in Netbooks stecken – mit dem Unterschied, dass man bei den Netbooks kein eigenes Linux-System mehr braucht. Und im Automobil-Sektor kann man auf den Kooperationspartner und Embedded-Linux-Spezialisten Wind River mit seinem Wind River Linux für Atom zählen, sodass es auch nicht mehr zwingend notwendig erscheint, die Entwicklung im eigenen Haus fortzuführen. Wollte sich Intel aus der Moblin-Entwicklung zurückziehen, hätte man sich mit der Übergabe von Moblin an die Linux Foundation elegant der Projektverantwortung entledigt. Zwar sollen die Intel-Programmierer auch weiterhin an Moblin mitarbeiten, doch das ist sicher nicht in Stein gemeißelt.

Auf der anderen Seite bietet die Loslösung Intels von Moblin aber auch die Chance, andere Hersteller wie zum Beispiel Nokia für eine Zusammenarbeit zu gewinnen, die Moblin auf andere Hardware-Architekturen portieren. Es ist eben etwas anderes, ob sich ein Unternehmen wie Nokia an einem von Intel geführten Projekt beteiligt oder ob Intel und Nokia bei einem Open-Source-Projekt zusammenarbeiten, dass unter neutraler Federführung der Linux Foundation steht.

Ein weiterer Vorteil von Intel ist, dass man sich mit der Überstellung von Moblin an die Linux Foundation wieder aus dem Geschäftsbereich Betriebssysteme verabschiedet und künftig, wie früher, in erster Linie Hardware-Hersteller bleibt, anstatt in manchen Produktbereichen mit guten Kunden wie zum Beispiel Microsoft zu konkurrieren.

Die nahe Zukunft wird zeigen, wie es mit Moblin weiter geht: Beim In-Car-Entertainment soll der Prototyp des frisch gebackenen Genevi-Konsortiums bereits im Sommer als Open Source veröffentlicht werden. Konkrete Anzeichen dafür, dass Intel mit Moblin Schluss machen will, gibt es derzeit jedenfalls noch nicht. (mid)

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